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Geheimtipp für den Winter: Im französischen Bergdorf Les Contamines: Wedeln im Ski-Himmel

Leere Pisten, lange Abfahrten und dann diese Aussicht! Wer nach dem Ski-Himmel sucht, wird in Les Contamines-Montjoie fündig.

Von Gunnar Herbst

Überragend: Von der Piste "Signal" blicken Skifahrer auf das Mont-Blanc-Massiv

Überragend: Von der Piste "Signal" blicken Skifahrer auf das Mont-Blanc-Massiv

Manchmal überwältigt einen diese Schönheit. Ganz plötzlich und mitten auf der Skipiste, man kann nichts dagegen tun. Dann bleibt man stehen, lässt den Blick schweifen, genießt die Aussicht auf die Viertausender, die Himmel und Seele berühren.

Einer der schneebedeckten Gipfel sticht heraus: der Mont Blanc, mit 4810 Metern der höchste Berg der Alpen, der König unter den Riesen. Wenige Kilometer entfernt und wie zum Greifen nah.

Normalerweise fahren die Leute Ski, weil sie den Sport lieben. Die Bewegung in der Natur, die Geschwindigkeit, das Leuchten von Sonne und Schnee. In Les Contamines im Montjoie-Tal, rund 70 Kilometer südöstlich von Genf, findet man noch viel mehr: guten Schnee, breite, leere Pisten, abwechslungsreiche Abfahrten, kaum Wartezeiten an den Liften. Und jenes hochalpine Panorama, das aussieht wie gemalt.

Die meisten Skifahrer hier sind Stammgäste, unter ihnen viele Familien. Eine Gondelbahn bringt sie von der Talstation ins Skigebiet in den Hochsavoyen. Es liegt 1200 bis 2500 Meter hoch und erstreckt sich über einen weiten Bergkessel, auf dessen Süd-, West-, Nord- und Osthängen sich die Skifahrer zu verlieren scheinen. Ein Lift verbindet den Bergkessel mit den Hängen von Hauteluce in den Savoyen. Auf der anderen Seite des Montjoie- Tals liegt ein Naturschutzgebiet mit seinen Gletschern, wie geschaffen für Skitouren, dahinter die Viertausender. Das Auge fährt mit, hier in Les Contamines-Montjoie.

Ein unaufgeregtes Skiresort

Der erste Skiklub in dem Hochtal wurde 1911 gegründet. "Unser Skigebiet ist organisch gewachsen, im Einklang mit der Natur", sagt Didier Mollard, 48. Der frühere Weltklasse-Skispringer nahm an drei Olympischen Winterspielen teil, 1993 belegte er den siebten Platz im Gesamtweltcup. Heute arbeitet Mollard als Generaldirektor der Lift-Betreibergesellschaft von Les Contamines. Sein Großvater Placide war Bergführer und Skilehrer, er kannte die besten Hänge rund ums Dorf und legte fest, wo der erste Lift verlaufen sollte, der 1937 in Betrieb ging. Damit fing alles an.

"Unser Unternehmen war lange Zeit nicht auf Expansion ausgelegt", sagt Enkel Didier Mollard. "Wir wollten nie groß sein." Im Winter beschäftigt die Lift- Gesellschaft 150 Mitarbeiter; der Jahresumsatz liegt bei zehn Millionen Euro.

Von Riesen umgeben: die Terrasse der Auberge la Roselette 

Von Riesen umgeben: die Terrasse der Auberge la Roselette 

Skifahrer finden hier 25 Lifte und 120 Pistenkilometer, verteilt auf 46 Abfahrten. Drei Jahrzehnte lang baute das Unternehmen keine zusätzlichen Lifte, sondern ersetzte nur die alten durch schnellere mit mehr Sitzen. Zudem investiert es in Schneekanonen, Restaurants und Hotels.

Es ist ein unaufgeregtes Skigebiet. Les Trois Vallées hat mehr Pistenkilometer, Val d'Isère mehr Après-Ski, die mondänen Megrève und Chamonix bieten mehr Schickimicki. Aber das Panorama, das hat kein anderes. Es begleitet einen durch den Skitag: bei der Abfahrt, im Sessellift, nach dem Mittagessen in La Bûche Croisée oder La Ferme de la Ruelle, zwei urigen Hütten mit regionalen Gerichten. Dann tritt man nach draußen, schnallt die Ski an und fährt weiter. Die hohen Berge fest im Blick.

Selbst unten im Dorf. Les Contamines liegt auf rund 1160 Metern, am Fuß des Mont-Blanc-Massivs, die angrenzenden Berge reichen bis fast 4000 Meter hoch. Das abgeschiedene 1200-Einwohner-Dorf ist über lange Zeit gewachsen, einige Häuser sind mehr als 300 Jahre alt, viele Chalets werden heute an Gäste vermietet. Dazu Bauernhöfe, auf denen es noch nach Kuhmist riecht, die Barockkirche Sainte-Trinité im Zentrum, der Gebirgsfluss Bon Nant, der wild und ungestüm durchs Dorf rauscht.

"Erst entstand das Dorf, dann das Skigebiet"

Wenige Kilometer hinter Les Contamines endet das Hochtal und mit ihm die Straße. Dort steht die Kirche Notre Dame de la Gorge von 1699, ein beliebtes Ziel für Skilangläufer und Wanderer.

Am Ende des Hochtals führt die Langlaufloipe an der Kirche Notre Dame de la Gorge vorbei 

Am Ende des Hochtals führt die Langlaufloipe an der Kirche Notre Dame de la Gorge vorbei 

Anders als die Retorten-Dörfer Les Arcs, La Plagne und Courchevel ist Les Contamines von Bausünden verschont geblieben. Keine Betonburgen, keine Hochhäuser, dafür hölzerne Beschaulichkeit im Chalet-Stil. "Erst entstand das Dorf, dann das Skigebiet – nicht umgekehrt", erzählt Bürgermeister Etienne Jacques, 49. "Die traditionelle Architektur wurde erhalten."

Um Unterkünfte für die Gäste zu schaffen, nutzte man die alten Häuser, vor allem als Ferienwohnungen, kaum als Hotels. Noch heute gelten für Neubauten im Zentrum strenge Auflagen: Sie müssen sich ins Straßenbild einfügen, dürfen nicht höher als 18 Meter sein, 40 Prozent der Fassade muss aus Holz bestehen, aus Kiefer, Lärche oder unbehandelter Douglastanne.

Der Wandel naht

Eigentlich könnte sich Les Contamines selbst genug sein. Könnte alles so bleiben, wie es ist. Doch auf Aussicht und Tradition allein will man sich hier nicht verlassen. "Zurzeit planen wir drei neue Hotels im traditionellen Stil", sagt Bürgermeister Etienne Jacques. Das größte soll im Dorfzentrum gebaut werden und eine Baulücke am alten Rathaus schließen. Die Zimmer werden sich auf drei Gebäude verteilen.

Das Dorf Les Contamines-Montjoie ist über Jahrhunderte gewachsen 

Das Dorf Les Contamines-Montjoie ist über Jahrhunderte gewachsen 

Auch das Skigebiet von Les Contamines soll erweitert werden, die Zeichen stehen inzwischen auch hier auf Wachstum. Wie in den meisten anderen Regionen der Alpen soll eine Fusion die Zukunft des Wintersportorts sichern: Ein 3,5 Kilometer langer Lift wird ab 2023 die Berge rund ums Dorf mit dem Skiresort Espace Diamant verbinden, das fast bis nach Albertville reicht. Kosten: voraussichtlich 15 Millionen Euro. "Dann wird Les Contamines zum Tor zu einem der größten Skigebiete Frankreichs mit mehr als 300 Pistenkilometern", sagt Etienne Jacques.

Man kann es allerdings auch umgekehrt sehen: Dann wird Espace Diamant zum Tor zu Les Contamines. Zu einem der schönsten Panoramen der Alpen.

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