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Zell am See: Gaudi-Arabien im Alpen-Paradies

Jeden Sommer entfliehen Tausende Araber der Hitze ihrer Heimat und machen Urlaub im beschaulichen Zell am See. Vom Aufeinandertreffen der Kulturen in Österreich.

Von Steffen Gassel

Zell am See: Gaudi-Arabien im Alpen-Paradies in Österreich

Orient trifft Österreich: Ein arabisches Paar am Hintersee im Pinzgau, rechts sucht ein Nationalpark-Ranger per Fernglas die Felswände nach Gämsen ab

Die Auspeitschung beginnt bei Sonnenuntergang. Der Folterknecht hat sein Opfer in den Pranger gespannt, Kopf und Arme sind zwischen Holzplanken fixiert, die Hände in Eisen gelegt. "So helft's mir doch", ruft der Mann. Lagerfeuerqualm steht über dem Tal, die Höhenzüge der Salzburger Alpen im Hintergrund glühen im letzten Tageslicht. Eine Kapelle heizt mit Trommelwirbeln die Stimmung an. Dann schnalzt die Lederpeitsche nieder.

Samia al-Awadi, 40, dunkelblauer, knöchellanger Mantel, beiges Kopftuch, begradigte Nase, steht mit offenem Mund da und schwankt zwischen Schmunzeln und Gruseln. "Oh my god", sagt sie. "Das ist ja wie im Mittelalter hier." Ihr Mann Ibrahim, 43, Jogginghose, Ferrari-Rucksack, rotes Käppi, schaut besorgt. "Lässt der das wirklich freiwillig mit sich machen?" , fragt er kopfschüttelnd. Sohn Abdullah, 13, grinst.

Zum Abendbrot schmiert die Mutter auf dem Zimmer Toastbrot-Stullen

Es sind ebenso bizarre wie anrührende Szenen, die sich auf dem mittelalterlichen Burgfest zu Kaprun, nahe Zell am See, im sommerlichen Salzburger Land abspielen. Da muss das Kuwaiter Ehepaar al-Awadi samt der drei Kinder ins ferne Europa reisen, um Zeuge einer öffentlichen Züchtigung zu werden. Da verfolgen vollverschleierte Golfaraberinnen gebannt die Feuershow einer tätowierten Gauklerin. Und glatt rasierte junge Saudis mit gegeltem Haar starren zauselbärtigen blonden Burschen im Lederwams hinterher, die ihr Bier aus Kuhhörnern trinken.

Clash der Kulturen? I wo, finden die Gäste vom Persischen Golf. "Das ist alles so aufregend. Wir fühlen uns wie in einer Filmkulisse."

Mit Schleier und Schneemann: eine Familie aus Saudi-Arabien im Sommerurlaub am 3203 Meter hohen Kitzsteinhorn

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Die al-Awadis sind Teil des Touristenstroms, der allsommerlich vom Persischen Golf in den Pinzgau führt, die beschauliche Gegend um Zell am See im Salzburger Land. Auch nach der Entscheidung des österreichischen Parlaments, das Tragen eines Gesichtsschleiers landesweit zu verbieten, ist die Reisewelle aus den konservativen Golfstaaten noch ungebrochen.

Die al-Awadis sind schon zum sechsten Mal hier. In ihrer Pension haben die Kuwaiter inzwischen Stammgaststatus. Tagsüber chauffiert der Vater seine Familie mit dem Mietwagen von einem Ausflugsziel zum nächsten. Neben Wasserfällen und Gletschern stehen Tageskurse im Brotbacken oder Kühe-Melken hoch im Kurs der arabischen Gäste. Zum Abendbrot schmiert die Mutter auf dem Zimmer Toastbrot-Stullen für alle. Weil sie möglichst viel von der Welt sehen wollen, plant der IT-Techniker für jede neue Sommertour eine andere Route durch Europa. Nur ein Stopp steht immer schon fest: "Silamsi" – so klingt Zell am See in arabischer Aussprache. "Wir lieben den See, die Berge, die bunten Häuser. Aber das Beste", sagt Ibrahim al-Awadi, "ist das Eis."

Er meint die Ice Arena knapp unterhalb vom Gipfel des Kitzsteinhorns. Das Schneefeld am Gletscher ist in den Sommermonaten fest in nahöstlicher Hand. Großfamilien aus Riad, Manama und Maskat entern im Juli und August die Gletscherjet-Gondel und lassen sich auf 3000 Meter Höhe ziehen. Nur wenige Alte schrecken vor der Bergfahrt zurück. Sie dösen auf Holzbänken zwischen den Toilettentüren an der Talstation, bis die Verwandtschaft wieder zurück ist.

Familienurlaub: Mutter Samia al-Awadi mit Tochter Nora, 8, Ehemann Ibrahim, der älteren Tochter Sarah, 16, und Sohn Abdullah, 13, auf dem Burgfest in Kaprun

Familienurlaub: Mutter Samia al-Awadi mit Tochter Nora, 8, Ehemann Ibrahim, der älteren Tochter Sarah, 16, und Sohn Abdullah, 13, auf dem Burgfest in Kaprun

Oben angekommen rutschen kieksende Kinder neben bärtigen Hasardeuren auf kaum steuerbaren schwarzen Plastikwannen den Rodelhang hinunter. Mittendrin auch ein paar orthodoxe Juden mit wehenden Schläfenlocken, die wie die arabischen Pistennachbarn der Gluthitze in Nahost entflohen sind. Keiner stört sich am anderen. Alle paar Minuten mäht irgendein enthemmter Schlittenfahrer einen unachtsamen Ausflügler beim Selfie-Knipsen nieder. Doch das scheint die Freude am Wintersport im Hochsommer beiderseits nur noch zu steigern.

"Die Wertschöpfung is a Wahnsinn"

"Ich habe das Paradies gefunden." Mit diesem Satz soll alles angefangen haben. Er stammt, so erzählt man sich in Zell und Umgebung, vom Emir von Abu Dhabi, der schon Ende der 60er Jahre mit großem Gefolge die Sommerfrische in Bad Hofgastein im Nachbarbezirk Pongau genoss. Die Landschaft mit den sattgrünen Tälern, schneebedeckten Bergen und stillen Seen kommt dem koranischen Bild vom Paradies tatsächlich sehr nahe.

Vor etwa 15 Jahren, der Glamour-Tourismus der 60er und 70er Jahre war lange passé, kamen findige Fremdenverkehrsplaner aus Zell am See auf die Idee, mit ihrer Heimatregion dort anzuknüpfen, wo die Nachbarn aus dem Pongau schon vor Jahrzehnten gute Geschäfte gemacht hatten: bei der zahlungskräftigen Kundschaft aus Nahost. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. Zwar kommen nach wie vor die weitaus meisten Touristen im Pinzgau aus Deutschland. Dafür aber geben die Araber pro Nase durchschnittlich doppelt so viel aus wie Piefkes und andere Urlauber: 245 Euro pro Tag. "Die Wertschöpfung is a Wahnsinn" , sagt ein Tourismus-Unternehmer aus Zell.

Tracht trifft Tracht: junge Araberinnen neben einer Volksmusikkapelle auf dem Stadtplatz von Zell

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Mit 70.000 Gästen aus den Golfstaaten rechnet man dieses Jahr in Österreich. Vier von fünf kommen in den Pinzgau. Die Boulevardpresse hat einen neuen Namen für die Region geprägt: Gaudi-Arabien. Das versteht sofort, wer gesehen hat, wie eine saudische Sippe mit Gaskocher und Wasserpfeife eines der adretten Rasenstücke an der Kapruner Ache in eine fröhliche Picknickzone umwidmet oder wie vollverschleierte Frauen auf Golfcarts den Naturlehr-Parcours im benachbarten Fuschertal entlangkurven. Man könnte auch sagen: "Silamsi" – das Mallorca des Morgenlands.

Von Kräutern und Mülltrennung

"Ohne die arabischen Gäste wäre ich am Verhungern" , sagt Gerlinde Rahm, die am Ortsrand von Kaprun zwei große Ferienwohnungen vermietet. "Diesen Sommer hatte ich eine Familie aus Polen, ansonsten nur Araber." An einem Morgen Ende Juli sitzt sie mit einer Familie aus Saudi-Arabien um den Gartentisch. Sie hat einen Zweig frischer Minze aus dem Kräuterbeet gepflückt und ihn der ältesten Tochter geschenkt. Die junge Frau riecht versonnen an den duftenden Blättern. "Die sind immer so dankbar, wenn sie in den Garten können. Bei denen daheim verdorrt doch alles vor Hitze", sagt die Vermieterin.

Kulturvermittlerin: Pensionswirtin Gerlinde Rahm erklärt arabischen Gästen gern ihr Land

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"Hier ist alles so einfach, so einzigartig", schwärmt Lujain al-Nofal, 20, die zu Hause in Riad fürs Diplom als Englischübersetzerin lernt. Die alten Kaffeetassen im Küchenschrank und die Holzvertäfelung der Zimmer haben es ihr angetan. "Wir möchten eine andere Kultur wirklich erleben" , sagt die Studentin. "Ich möchte das Essen probieren. Ich will sehen, wie sich die Leute kleiden, wie ihr Zuhause aussieht." Was sie schon für Pinzgauer Spezialitäten probiert hat? "Pasta und Burger." Ihr älterer Bruder, Zahnarzt, fragt: "Sprechen die Menschen in Österreich eigentlich Deutsch?" Gerlinde Rahm behält die Ruhe. "Die arabischen Gäste werden Jahr für Jahr offener", sagt sie. "Aber man muss ihnen trotzdem immer sehr viel erklären."

Exotische Vierbeiner: Melkunterricht ist bei Touristen aus dem Nahen Osten beliebt, diese Frau traut sich in freier Natur an die Kühe heran

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Der interkulturelle Lernprozess fängt bei praktischen Fragen an: Wie trennt man perfekt den Müll? Wie bedient man eine Geschirrspülmaschine? Erst kürzlich hat eine Reisegruppe vom Golf einen Wasserschaden von 15.000 Euro verursacht.

Drei Stockwerke wurden zum Sanierungsfall, weil die Mieter im Bad der obersten Ferienwohnung Schläuche installiert hatten, um sich nach dem Toilettengang auf gewohnte Art zu reinigen. Und nicht ahnten, dass es in Europa meist keinen zentralen Abfluss im Bad gibt.

Gerlinde Rahm ist in den 14 Jahren, in denen sie arabische Gäste beherbergt, von Zwischenfällen dieser Größenordnung verschont geblieben. Weil sie regelmäßig die Bäder überprüft. Und weil sie sich bemüht, auf die Besonderheiten ihrer muslimischen Gäste einzugehen.

Engelsbilder und Händeschütteln

Einmal rief eine verzweifelte saudische Touristin an, die sie zum Gleitschirmfliegen angemeldet hatte. Eine Fluglehrerin gebe es nicht, und dicht an dicht mit einem fremden Mann könne sie auf keinen Fall springen. Gerlinde Rahm ermutigte die junge Frau, sich das Erlebnis doch nicht entgehen zu lassen. Am Ende wagte diese den Sprung – mit einem Stück Schaumgummi als Sicherheitsisolierung zwischen sich und dem Tandempartner. Als der Wirtin kürzlich auffiel, dass die Araber ein Bild mit Engeln, das in einer ihrer Ferienwohnungen hing, immer abdeckten, nahm sie es kurzerhand von der Wand. Mit männlichen Gästen, die ihr nicht die Hand schütteln wollen, mag sich die 57-Jährige indes bis heute nicht abfinden. "Ein-, zweimal im Jahr kommt einer und erklärt mir, seine Religion lasse das nicht zu." Sie antwortet den Männern dann immer, sie müssten die Gepflogenheiten Österreichs respektieren. Manche haben ein Einsehen. Andere sagen: Next time, Inschallah. Doch auf die allermeisten ihrer arabischen Gäste lässt sie nichts kommen: "Höfliche, dankbare Leuten sind das."

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Das sehen längst nicht alle Pinzgauer so. Vor einiger Zeit machte der Vorwurf von einer "Prostitution der Gastronomie" die Runde. Dahinter stand das Befremden mancher Einheimischer angesichts der allgegenwärtigen Reklametafeln mit den fremdartigen arabischen Buchstaben. Legendär ist die Geschichte der Wirtin der Kapruner Pension Eichkatzerl, die vor Jahren ein ausgewachsenes Schaf entführte, das arabische Gäste einem Bauern abgekauft hatten. Sie wollte das Tier vor dem Tod durch Schächten bewahren. Die Polizei rückte aus, um das Schaf wiederzubeschaffen. Am Ende gaben die Araber es genervt dem ursprünglichen Besitzer zurück.

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Inzwischen geht es etwas entspannter zu im Paradies von "Silamsi". Drei junge Reisekaufleute mit guten Drähten in die Golfstaaten haben unlängst einen arabischsprachigen Gratis-Reiseführer herausgegeben. Auf den ersten Seiten listet er akribisch die Gebetszeiten für Zell am See an jedem Tag der Sommersaison 2017 auf. Im Anschluss wirbt die Broschüre mit "Tipps und Tricks für einen gelungenen Urlaub": beim Autofahren anschnallen, Tempolimit beachten und so weiter. Das finden alle gut.

Dumm nur, dass nun die Politiker im fernen Wien den Frieden stören. Das Parlament hat auf Initiative des pomadigen ÖVP-Chefs Sebastian Kurz kürzlich ein "Integrationspaket" verabschiedet, das ab Oktober das Tragen jeglicher Gesichtsverschleierung in der Öffentlichkeit unter Strafe stellt. Die Zeller Hotellerie fürchtet empfindliche Umsatzeinbußen.

"Die vielen Blitzer finde ich super"

"Wenn das so bleibt, dann ist dies unser letztes Mal hier", sagt Khalid al-Schammari, 31, Feuerwehrmann aus der Ölstadt Dammam am Persischen Golf. Auf einem Klappstuhl hat er sich an einem Zulauf zum Klammsee im Kapruner Tal niedergelassen. Neben ihm sitzt ganz in Schwarz gehüllt seine Frau Fadwa, 28, eine Krankenschwester. Ihr Niqab gibt nicht mehr als einen Sehschlitz frei. Die beiden daddeln auf ihren Handys und lauschen dem Rauschen des talwärts strömenden Wassers. Der Aufenthalt in "Silamsi" ist ihre Hochzeitsreise. "Es ist so schön hier. Und es gibt alles, was wir brauchen. Vom Halal-Supermarkt bis zum Friseur für Musliminnen."

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Ein bisschen traurig wären sie schon, sagt der Frischvermählte, wenn sie nicht noch einmal herkommen könnten. Trotzdem: "Jedes Land kann sich die Gesetze geben, die es will." Einiges sei in Österreich sogar besser geregelt als in Saudi-Arabien, der Straßenverkehr zum Beispiel. "Die vielen Blitzer finde ich super", sagt der saudische Feuerwehrmann. "Ich habe hier noch nie einen Unfall gesehen." Zum neuen Gesichtsschleier-Verbot in der Alpenrepublik mag er nur so viel sagen: "Wir sind eben Muslime. Vielleicht überlegen die sich das ja noch mal, wenn die Touristenzahlen runtergehen." Andernfalls will das Paar nächsten Sommer in die Schweiz ausweichen.

Gerlinde Rahm erklärt ihren Stammgästen das neue Gesetz auf ihre eigene Weise: "Wenn ihr im Niqab rumlauft, starren euch alle an. Nehmt besser nur das Kopftuch. Dann habt ihr eure Ruhe.

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