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Cardiff: Wales' junge Hauptstadt

Noch vor wenigen Jahren galt die walisische Hauptstadt Cardiff vielen als düsterer Kohlehafen. Doch die Stadt hat sich gewandelt: zu einer jungen Metropole mit innovativer Architektur.

In Cardiff herrscht Ausnahmezustand. Die Innenstadt ist für den Verkehr gesperrt, auf den Straßen wimmelt es von Menschen in Rot. Wer noch nicht artgerecht gekleidet ist, kauft sich die weißgrüne Waliser Fahne mit einem riesigen, roten Drachen oder man lässt sich mit Hilfe einer Schablone den roten Drachen auf die Wangen malen. Die Stadt bereitet sich auf ein wichtiges Ereignis vor, ein Rugbyspiel im Millennium Stadium. 72.500 Besucher fasst das Gebäude, es herrscht eine Bombenstimmung. Mit lauter Musik wird die Fangemeinde angeheizt. Als Tom Jones' "Delilah" aus den Lautsprechern dröhnt, ist die Begeisterung nicht mehr zu toppen. Es wird kräftig mitgesungen, die walisische Seele kocht. Rot uniformierte Musiker des "Royal Welch Regiments" marschieren im Gleichschritt zu Pauken und Trompeten ins Stadion, vorneweg zwei Ziegen, die Maskottchen des Regiments. Anschließend erscheint Sänger Paul Child, um die Nationalhymne anzustimmen, die Fans jedoch übernehmen begeistert seine Aufgabe. Aufrecht und stolz wird mit kräftiger Stimme die Hymne in walisischer Sprache geschmettert. Rugby ist in Wales Nationalsport, besonders beliebt in den Industriegebieten des Südostens. Zuschauer kommen von weit her, um ein Spiel im Stadion von Cardiff, der Hauptstadt von Wales, zu erleben.

Eine weitere Passion der Waliser ist der Chorgesang. So begann die Pop-Legende Tom Jones seine Sängerkarriere im Bergmannschor. Nach Schichtende trafen sich die Kumpels des Bergbaus, um sich dem Gesang zu widmen, was von den Grubenbesitzern unterstützt wurde, lenkte es doch die Arbeiter von politischen Aktivitäten ab. Nicht nur Tom Jones, auch Shirley Bassey und Bonnie Tyler stammen aus Wales. Die Waliser sind stolz auf ihr Land und auf ihr Volk. Fremden gegenüber wird energisch betont, nichts mit England zu tun zu haben. Berühmtheiten wie Richard Burton, Sir Anthony Hopkins und Catherine Zeta-Jones sind stolze Waliser. Die Frau von Michael Douglas ist außerdem eine große Verehrerin des wortgewaltigen, einheimischen Dichters Dylan Thomas. So sehr, dass der Sohn nach ihm benannt wurde. Auch ein gewisser Robert Zimmermann nahm aus Bewunderung für die Ikone der frühen Popkultur den Künstlernamen Bob Dylan an.

"In diesen Steinen singen Horizonte"

Die Menschen aus Wales sind besonders, sie halten zusammen. So wurde das "Wales Millennium Centre" eröffnet, ein internationales Zentrum für darstellende Künste von Weltformat, das zu einem Großteil aus Spenden finanziert wurde. Blickfang des Kulturzentrums ist neben der gewaltigen Dachkonstruktion das monumentale Inschriftenfenster. Auf der gesamten Vorderfront sind zwei riesige Losungen ins Glas geschrieben: auf Walisisch: "Creu gwir fel gwydr o ffwrnais awen" - Die Wahrheit wird wie Glas vom Schmelztiegel der Inspiration geschaffen - und auf Englisch: "In these stones horizons sing" - in diesen Steinen singen Horizonte. Zur Eröffnungsfeier am 26. November 2004 kamen die Waliser von nah und fern, um dabei zu sein, als "ihr" Kulturpalast eröffnet wurde. Emotionale Reden wurden gehalten, danach sangen eine Stunde lang, im strömenden Regen 3000 Chorsänger gemeinsam auf dem Vorplatz, bis ein gigantisches Feuerwerk die Bay im Flammenlicht erleuchten lies. "Ich bin so stolz auf Wales, so stolz auf Cardiff, so stolz auf uns", ruft eine mittelalterliche Dame aus und bricht vor lauter Rührung in Tränen aus.

In Cardiff hat sich in den letzten Jahren viel getan. Aus dem düsteren Kohlehafen ist eine Großstadt mit hypermoderner Architektur geworden. Besonders die Bay, ehemals der weltgrößte Umschlagplatz für Kohle und Eisen, erstrahlt in neuem Glanz. Was wie ein Ufo am Quai liegt, ist das "Cardiff Bay Visitor Centre" mit einer Ausstellung zum millionenteuren Umbau der Bay. Ein hübsches Relikt aus vergangener Zeit ist die "Norwegian Church". In der weißen Holzkirche wurde der exzentrische Schriftsteller Roald Dahl getauft, da sein Vater Norweger war. Als Seemann sorgte er für den Transport von Holzbohlen für die Kohlestollen. Heute ist hier ein Arts Centre mit Café. Der Hauptblickfang am Hafen ist das "Pierhead Building", ein rotes Backsteinhaus, innen mit viktorianischer Pracht.Ebenfalls viktorianisch ist die Highstreet mit ihren Passagen, die Wetter unabhängiges Shoppen ermöglichen. Hier befindet sich auch der "Indoor Market", der Frischemarkt. Besonders amüsant sind die Fischverkäufer. In britischer Manier wird hier beim Bedienen Hut getragen, und es geht kein Fisch über den Ladentisch ohne einen flotten Spruch, über den herzlich gelacht wird.

Ein viktorianisches Neuschwanstein

Am Abend findet im "Cardiff Castle" ein Bankett statt. Was über Jahrhunderte zur Bewirtung und Unterhaltung des reichen Adels der Umgebung diente, ist heute für Jedermann. Im 19. Jahrhundert nahmen sich der dritte Marquis von Bute, ein millionenschwerer Exzentriker und sein Freund, der Architekt William Burges, der mittelalterlichen Burg an und kreierten eine Art viktorianisches Neuschwanstein mit orientalisch anmutenden Räumen und mittelalterlichen Rittersälen. Höhepunkt dieser überladenen Architektur ist der "Clocktower". Touristenführer Steve weiß viel Skurriles über Cardiff Castle zu erzählen, denn jedes Detail hat seine Geschichte. 91 Stufen führen spiralförmig nach oben ins Sommerraucherzimmer, für jeden Raucher ein mühsames Angehen. Darunter befindet sich das Junggesellenzimmer und parterre ein weiteres Rauchzimmer. Alle Räume sind überladen mit Schnitzereien, Malereien und Kitschigem aus edelsten Materialien. Im Kellergewölbe der Burg ist es mittelalterlich geblieben. Auf langen Tafeln ist festlicht gedeckt. Zum Auftakt des viergängigen Menus werden einführende Worte zur Burg und zum Festmahl gehalten. Die Bedienung ist freundlich und aufmerksam. Nachdem die Suppenteller abgetragen sind, geht es erst richtig los. Aus der Bedienung werden stimmgewaltige Sängerinnen. Nach jedem Gang werden Lieder vorgetragen, in walisischer, englischer und sogar in italienischer Sprache. Die Gäste werden aufgefordert mitzumachen, was manchem riesige Freude bereitet. Nach dem Mahl ist die Stimmung gelöst und herzlich. Bevor jedoch die Gesellschaft sich auflöst, werden alle aufgefordert, sich von den Stühlen zu erheben. Gemeinsam wird zum Abschluss eines vergnüglichen Abends die walisische Nationalhymne gesungen.

Gesine Unverzagt

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