HOME

EM-Stadt Zürich: Dada mit Käsefondue

Eine Stadt mit glänzenden Aussichten auf Gold-, Silber- und Diamanten-Küsten sowie Brunnen mit halbnackten Marmormüttern. Ob Fußballtourismus oder Bankgeschäfte, die Amüsiermeilen liegen in Zürich rund ums Wasser.

Von Marina Kramper

Denkt man an Zürich, denkt man an Gold. An Milliarden von Schweizer Franken. An die Summen auf Nummernkonten und an die Villen rund um den Zürichsee. Und an das Geld, das wie Blut durch die Adern der Banken fließt. Ist Zürich nur eine in Stein gehauene Voralpenweide für die heilige Geldkuh?

Architektonisch gesehen ist Zürich hierarchisch strukturiert: Sag mir, wo du wohnst, und ich sag dir, wie viel Du verdienst. An der gegenüberliegenden Seite des Hausberges, des Uetliberges, wohnen die Alteingessenen. An der daran anschließenden Seeseite, der Goldküste, residieren die Superreichen in stilvollen Jugendstilvillen mit zum See hin leicht abfallenden Gärten. Gegenüber liegt die Silberküste mit weiteren Villen der Wohlhabenden. Und der Rest muss halt jeden Morgen noch ein bisschen länger in der S-Bahn sitzen.

Die "Pfnüsselküste" zieht sich fast bis zum Ende des Sees. Dieses Wohn-Kastensystem wird allerdings im Süden durch eine Kuriosität unterbrochen. Am Ende der Goldküste, im Kanton Schwyz, liegt die Diamantenküste. In diesem Neureichen-Getto müssen die Dagobert Ducks kaum Steuern zahlen. Das ist keineswegs im Sinne der Züricher, die hätten die Steuern schon gern. Doch das alte Steuerprivileg geht auf ein System zurück, das den Bauern einst ihr Einkommen sichern sollte. An die modernen "Fantastilliardäre" hatte man damals noch nicht gedacht. Andererseits bewegen sich die Mieten für eine Dachterrassenwohnung in der Altstadt, abseits von Gold-, Silber- und Diamantenküsten, auf demselben Preisniveau wie die für Penthouses in London oder New York.

Enge Gassen, weites Bergpanorma

Zürich hat das Glück von Kriegen verschont geblieben zu sein. In den gewundenen Gassen der Altstadt finden Touristen und Einheimische alles, was man gerne besitzen würde und was es sich anzusehen lohnt. Und beide kommen in Scharen, kaufen Klamotten, Schuhe und Antiquitäten und legen im Café Teuscher eine Pause ein. Hier gibt es köstlichen Kuchen, serviert in einem Ambiente, das den Begriff "Kitsch" nur unzureichend streift. Üppig glitzert das Interieur wie die Schatzgrotte aus dem Film "Fluch der Karibik". Man staunt, und der Kuchen wie "Sahnefruchtschnitte mit Maronenpüree" schmeckt umwerfend - diese Kombination von Zutaten muss einem erstmal einfallen.

In der Altstadt plätschern auf Plätzen und in Nischen unzählige Brunnen. Alle machen einen gepflegten Eindruck, denn Zürich leistet sich "Brunnenbeauftragte". Diese pflegen die Einrichtungen und kümmern sich um beste Wasserqualität. So kann man an jedem Brunnen klares Wasser trinken, ein besonderer Luxus. Früher einmal schmückten Heiligenfiguren diese Bauwerke und verkörperten mit ihren Tugenden die christliche Moral. Aber Helvetias gestrenger Reformator Ulrich Zwingli ließ die sakralen Skulpturen von den Säulen heben und durch weltliche ersetzen. Auf dem Napfplatz steht eine halbnackte Frau mit drei Kleinkindern, die nach der drastischen Erhöhung der Heiratssteuer die Einwohner wieder zum Kinderkriegen animieren sollte.

Zürich ist die Stadt der Besucher, vor allem der Geschäftsreisenden. Und auch die wollen feiern. In der Züricher Altstadt warten unzählige Cafés, Bars, Restaurants und Absackkneipen auf Amüsierfreudige. Zur EM werden es noch mehr werden, denn die Züricher unternehmen vieles, um die Leute in der Stadt zu halten. Der gesamte Limmatquai entlang des Seeufers mit dem Sechseläutenplatz am Bellevue wird zur Public Viewing Zone.

Das Zürcher Fußballstadion sollte, ähnlich wie das neue Stadion in Bern-Wankdorf, mit viel Brimborium und Einkaufszentren außerhalb der Innenstadt neu aufgebaut werden. Nur konnten sich die Züricher damals nicht einigen. Die Fifa drohte sogar, der Stadt die EM-Spiele zu entziehen. Ein Skandal, aber man traf sich sonntags zum Volksentscheid, und am Abend waren die Kredite bewilligt. Schon am folgenden Montag wurde der Bau des jetzigen Stadions Letzigrund begonnen. So schnell kann das gehen, wenn genug Geld da ist. Das Züricher Fußballstadion wurde in Rekordzeit im Frühjahr 2007 fertig gestellt. Es liegt mitten in der Stadt und ist per Straßenbahn zu erreichen. Zur EM wird die Anzahl der Fahrten erhöht. Parkplätze gibt es in einem Stadtstadion ohnehin nicht genug.

Beim Geld hört die Träumerei auf

Zürich ist eine Großstadt am Wasser. In den Sommermonaten heißt es häufig: "Ich geh’ ins Badi." Da denkt man vielleicht an Loriots Figur, wie Herr Müller-Lüdenscheidt mit seiner gelben Gummiente in der Badewanne steigt. Doch weit gefehlt. Der Zürichsee ist so sauber, dass man in den Badeanstalten am Seeufer ins Wasser springen kann. Boote dümpeln am Ufer und lassen sich zum Treten, Rudern und Segeln kurzfristig mieten. An schönen Tagen kann man über den See in die schneebedeckten Berge blicken.

In Zürich gibt es nicht nur Geld, Kultur und Cafés, sondern auch Inspiration. An vielen Fassaden der Altstadthäuser hängen Hinweistafeln auf berühmte Geistesgrößen wie anderswo Socken am Wäscheständer: Conrad Röntgen, Georg Büchner und Goethe sowieso, der war immer schon da. Johann Caspar Lavater, Thomas Mann, Gottfried Gottfried Keller, Manesse und natürlich Lenin, Führer der Oktoberrevolution. Und Klopstock, der mit seiner Ode "Der Zürchersee" in Goethes "Werther" unsterblich geworden ist.

1916 wurde im "Cabaret Voltaire" die Dada-Bewegung gegründet. Die Kunstrichtung Dadaismus war mit Lautgedichten und Happenings eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, der draußen vor den Toren des Landes tobte. 80 Jahre später unterscheidet man zwischen Post- und Neo-Dadaisten und finanzierte bis vor kurzem das "Cabaret Voltaire", wo zwei Dadaisten von heute hocken. Der eine Anführer trägt Kaschmir, der andere mit Spitzbart eine Lederjacke. Inzwischen haben sie mit dem dadaistischen Hokuspokus übertrieben, indem sie RAF-T-Shirts zur Verkauf anboten. Dann luden sie noch einen Graffitikünstler ein, einen "Häuserbeschmierer". Schnell war der Geldhahn abgedreht.

Was bei allen Kontrasten in Zürich Einheimische und Touristen, Künstler und Geschäftsleute eint, ist ein Gericht. Das Käse-Fondue. Da sitzt man im Restaurant eingekeilt zwischen Amerikanern, dreht sein Brot im heißen Käse und wundert sich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie in allen Sprachen ihr Brotstückchen aus dem Käsetopf fischen.

Infos

Schweiz Tourismus

Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt/Main, Tel. 00800-100 200 30 (kostenfrei)
www.myswitzerland.com

Zürich Tourismus

Im Hauptbahnhof , 8021 Zürich, Tel. +41 44 215 40 40,
www.zuerich.com

Hotel Basilea

Zähringerstrasse 25, 8001 Zürich, Tel. +41 44 25 67 600
www.hotelbasilea.ch

Cabaret Voltaire

Im Hauptbahnhof , 8021 Zürich, Tel. +41 43 268 57 20
www.cabaretvoltaire.ch

Unterkünfte in Zürich (von privat bis Hotel)

http://euro.zuerich.com/de.cfm/gaeste/unterkunft/

Wissenscommunity