Ferien einmal anders Zwischen reifen Reben


Was für viele Jugendliche die Pfadfinder sind, ist für manch Ältere die Weinlese: Gemeinsam entdecken sie die Natur, neue Menschen und fremde Länder. Und manchmal wird aus dem einmaligen Ausflug in eine andere Welt eine willkommene Sucht.
Von Lisa Louis, Paris

Es ist acht Uhr morgens. Über den Weinbergen liegt leichter Nebel, der Boden ist noch feucht vom Tau. Wir laufen über die Wiese in Richtung der Weinstöcke der Rebsorte Grenache. Sonnenstrahlen durchbrechen den Nebel, kündigen einen warmen Tag an. Wir, das sind zehn "Vendangeurs", also Weinleser. Seit Tagen kämpft sich unser Team aus Franzosen und Engländern durch Weinreben, erntet die Trauben der Wilsons, einer englischen Familie, die vor sieben Jahren ein Weingut im Süden Frankreichs bei Aix-en-Provence gekauft hat.

Nichts als harte Arbeit, die schwer bis gar nicht zu entfernende Spuren auf Händen und Kleidung hinterlässt? Nein, die Weinlese ist auch ein Weg, seine Ferien auf dem Land zu finanzieren, eine andere Welt und neue Menschen kennen zu lernen.

Während ich nur eine achttägige Steppvisite in die Welt der Weinpflücker mache, bleibt der Großteil meiner Kollegen für die gesamten zwei Wochen der Lese. Die Engländer und ich werden dabei auf dem Weingut beherbergt, bekommen freie Kost (und Wein) und sechs Euro pro Stunde. Unsere französischen Kollegen wohnen in der Umgebung, bei Freunden oder Familie, kommen täglich für die zwischen acht und 14 Stunden Arbeit angereist. Für sie gibt es den französischen Stunden-Mindestlohn, also knapp acht Euro plus ein leckeres Mittagessen, persönlich von der Hausherrin vorbereitet. Das obligatorische Glas Rotwein darf dabei natürlich nicht fehlen.

Ein Wein für Liebhaber

Für Winzer Allan Wilson ist die Lese die Krönung des Jahres, das Ergebnis monatelanger Arbeit. Nicht immer jedoch fällt das so aus wie er hofft: "Dieses Jahr ist die Ernte besonders schlecht", sagt er. Der Grund: zu viel Regen und Kälte. Und dennoch verliert der 59-Jährige nicht den Mut, schreckt vor keinem der 14-Stunden-Tage zurück. Sein Ziel dabei: kein Massenwein, sondern ein Wein, der Liebhabern gefällt. "Ich möchte etwas produzieren, auf das ich stolz sein kann, und das anderen Freude bereitet", meint er mit leuchtenden Augen. Wichtig sei dabei vor allem, dass der Wein von Jahr zu Jahr vergleichbar ist - so kämen die Kunden gerne wieder.

Früher war Wilson Investmentbanker in London, erst in seinem Ruhestand hat er das Winzer-Dasein für sich entdeckt. "Es hat einfach perfekt gepasst", kommentiert er seine Entscheidung. "Wein hat mich schon immer interessiert und Weingüter sind tolle Orte - vor allem auf einem so schönen Landstrich wie diesem."

Begeistert von dem Landstrich in der Region Lubéron ist auch der Franzose Raymond Ramina, 63. Zum zweiten Mal macht der Rentner bei der Weinlese der Wilsons mit. "Wein bedeutet für mich Lebensfreude", sagt Ramina. "Und bei der Arbeit herrscht immer eine super Stimmung!" Wirklich anstrengend ist die Weinlese für den Extremsportler nicht, der sich sonst bei Wettkämpfen wie dem Spartathlon vergnügt, einem 246-Kilometer-Lauf in Griechenland. Beim Aktiv-Bleiben hilft die Weinlese Ramina trotzdem: "Ich lerne dabei viele neue Menschen kennen, aus anderen Ländern oder Regionen Frankreichs - das hält geistig fit!", erklärt er seine Begeisterung.

Handarbeit unter freiem Himmel

Einer dieser Menschen ist Thomas Prifti, 18. Er hat gerade in London die Schule abgeschlossen, vor ihm liegt ein Jahr Auszeit, in dem er unter anderem in Neuseeland oder Südafrika Englisch unterrichten wird. "Diese Arbeit ist der perfekte Einstieg in meine Reisen", sagt er über die Weinlese. "Außerdem ist es das erste Mal, dass ich auf so traditionelle Weise arbeite - noch dazu unter freiem Himmel." Nach seiner Reise will Prifti Jura studieren, blickt deshalb wahrscheinlich einer Karriere hinter dem Schreibtisch entgegen.

Schon mit beiden Beinen fest im Leben steht Antoine Meyer. Er ist Veranstaltungskaufmann und könnte auch nur von seinem Beruf leben. "Aber ich mag die Abwechslung und die Natur", sagt Meyer, den sein Job normalerweise in die Stadt führt. Schon in anderen Teilen Frankreichs hat der 25-Jährige aus der bei Lyon gelegenen Region Beaujolais Wein gelesen, Kirschen und Oliven gepflückt. Und genug davon hat er noch lange nicht: "Klar werde ich auch weiterhin Wein lesen", meint Meyer begeistert. "Aber vielleicht woanders in Frankreich - so lerne ich mein Land noch besser kennen."

Auch ich bin begeistert von den Stunden in der freien Natur - und sehe mich schon im nächsten Jahr wieder auf der Jagd nach Trauben die Weinblätter durchwühlen. Winzer Wilson ist einer Meinung mit mir: "Ich liebe die Weinlese", sagt er. "Da sind viele Leute um einen herum, es ist die schönste Jahreszeit und eine tolle Freiluft-Aktivität."


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