VG-Wort Pixel

Paddeltour auf der Moldau Flussfahrt im Märchenrevier

Wie dieser Fluss klingt, das wusste unser Team schon, bevor es ins Boot stieg - dank Smetanas berühmter Komposition. Nicht aber, wie magisch die tschechische Landschaft ist, durch die er rauscht.
Von Gero Günther

Der Fluss schillert so goldbraun, als tauchte ich mein Paddel in Filterkaffee. Es riecht allerdings nach Moor, das vielen Gewässern im Böhmerwald seine Farbe verleiht. "Das Wasser hier kannst du bedenkenlos trinken", sagt Petr Tesitel, ein pensionierter Pilot, der an diesem Septembertag mein Lotse ist, "trink ruhig!" Ich tunke meine Flasche in die Moldau und probiere: Es schmeckt tatsächlich gut.

Gemächlich lassen wir uns mit unseren beiden Booten auf der Moldau flussabwärts treiben. Tschechiens längster Fluss hat zwei Quellen: Die Kalte Moldau entspringt in Bayern bei Haidmühle, die Warme Moldau am Schwarzberg im Böhmerwald. Südlich des Dorfes Lenora windet sie sich wie ein Schnürsenkel durch die feuchten Wiesen. Fernab von Straßen und Dörfern, in einer Welt aus krummen Bäumen, Tümpeln und toten Flussarmen.

Eine Landschaft für Otter und Libellen, Molche und Forellen. Nur Menschen machen sich in ihr rar. Manchmal wirkt sie fast undurchdringlich mit ihren messerscharfen Seggengräsern, die einen Meter hoch aus Erdpolstern wachsen. Aber Aussteigen steht sowieso nicht zur Debatte: Wir befinden uns in einer Kernzone des Šumava-Nationalparks. Betreten verboten! Auch das Paddeln ist hier nur unter Auflagen erlaubt.

Wir haben den Fluss für uns allein

Kein anderes Kanu ist zu sehen, nur ein paar Fliegenfischer lassen ihre Schnüre surren, als wir die innerste Zone verlassen. "Schau dir diesen herrlichen Unterwassergarten an", schwärmt Petr. Unter uns wachsen Algen und Moose, Wasserhahnenfuß und Tausendblatt zittern in der Strömung. An einer rostigen Eisenbahnbrücke klettern wir ans Ufer, essen Äpfel und trinken frisches Moldauwasser. Petr erzählt mir, wie viel Zeit er an der frischen Luft verbringt, radelt, wandert, Ski fährt und paddelt. "Zeit habe ich als Rentner ja genug."

Seine Leidenschaft für den Sport und die Natur teilt er mit vielen Tschechen. In Juli und August verbringen Prager, Pilsener und Budweiser ihre Ferien gern im schönen Šumava. Danach wird es wieder still in der dünn besiedelten Region.

Mehr als ein Rieseln ist auch im Quellgebiet der Moldau nicht zu erlauschen, als ich die abgelegene Berghütte von Breznik im Morgengrauen verlasse. Es hat nachts geregnet, und alles ist noch in dicke Nebelwatte verpackt. Graue Baumstämme liegen kreuz und quer über den Trampelpfad, auf dem ich durch das Hochmoor wandere. Nasse Farne klatschen mir ans Bein, einmal brüllt irgendwo im Dickicht ein Hirsch, es dampft und gurgelt vor lauter Feuchtigkeit.

Die Moldau im Flüsterton

Hier, am Kamm des Böhmerwalds auf dem Rücken dieses alten Gebirges, verläuft die Europäische Wasserscheide. Auf österreichischer und bayerischer Seite fließen die Wasser zur Donau und mit ihr ins Schwarze Meer. Was gen Osten abfließt, sprudelt in die Moldau, an Prag vorbei in die Elbe und schließlich in die Nordsee. Überall quillt und rinnt das Wasser aus tiefen, dichten Wäldern. Wie sich das anhört, wissen wir von Smetana. Ganz leise beginnt seine Moldau. Im Flüsterton. Aus Harfenklängen und blitzenden Violinen, aus Flöten und Klarinetten entspringen die beiden Quellen, um sich dann zu einer getragenen Melodie zu vereinen, einer Melodie, die zu den bekanntesten der Musikgeschichte zählt.

Übernommen aus:

Geo Saison, Heft Oktober 2014, ab sofort für 6 Euro am Kiosk. Hier finden Sie auch den vollständigen Artikel und den ausführlichen Serviceteil.

Smetana, der seinen Namen als glühender tschechischer Nationalist von Friedrich in Bedrich ändern ließ, nannte sein Werk nicht "Die Moldau", sondern "Vltava", und erntete damit bei Wiener Kritikern zugleich Lob für seine Kompositionskünste und Häme für "patriotische Kindereien". Die Deutschen und Österreicher wollten eben nicht verstehen, dass "Die Moldau" ein Werk des Widerstands, der Identitätsfindung war, das die Tschechen im Laufe der Geschichte tatsächlich oft zusammenschweißte.

Wasser, Holz, Quarzsande

Es liegt nicht nur an Smetana, dass einem der Böhmerwald so vertraut vorkommt. Mich erinnert vieles an die tschechischen Kinderbücher und Märchenfilme, mit denen ich in den Siebzigerjahren aufwuchs: Die Holzhäuser bei Modrava, die geschindelte Kirche von Kvilda oder das urige Wirtshaus in Dobra bei Stožek, das mir Petr nach unserer Paddeltour zeigte, könnten aus "König Drosselbart" oder "Schneewittchen" stammen.

Auch Miloslav Kotal, der Holzarbeiter, der mit seinem Kaltblüter dicke Stämme aus dem Dickicht zieht, würde sich mit seinem grauen Kaiserbart prima im Märchen machen. Oder Jirí Kozel, der freundliche Glaskünstler, der bereits Kelche für ein echtes Kronprinzenpaar geblasen hat: Haakon und Mette-Marit aus Norwegen. Mit seinem Wanst und seiner unbeirrbaren Ruhe würde er einen hervorragenden Zauberer oder Alchimisten abgeben.

Böhmisches Glas war schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts hoch begehrt, und 200 Jahre lang blieben die Hütten europaweit Marktführer. In den Wäldern gab es alles, was die Manufakturen brauchten: Wasser, Holz, Quarzsande und natürlich begabte Handwerker und Künstler. Bis heute wird in zahlreichen Werkstätten Glas geblasen, das zu den schönsten Souvenirs gehört, die man aus Tschechien mitbringen kann.

Mehr zum Thema

Newsticker