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Freistadt Christiania: Kopenhagens Spielplatz für Hippies und Esoteriker

In Christiania ist nach mehr als vier Jahrzehnten Revolutionäres passiert: Aus Aussteigern wurden Aktionäre. Sie haben eine der größten Touristenattraktionen der dänischen Hauptstadt - gekauft.

Von Gesa Gottschalk

Mitten in Kopenhagen weht eine ungewöhnliche Flagge, drei gelbe Punkte auf rotem Grund. Vielleicht stehen sie für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Oder für Friede, Liebe, Harmonie. Möglicherweise sind die Farben eine Verbeugung vor der Arbeiterbewegung. Vielleicht standen aber auch zufällig ein paar Farbtöpfe mit Gelb und Rot herum, als die Flagge entstand. So genau ist, wie bei vielem in dieser Geschichte, die Fantasie nicht mehr von der Wirklichkeit zu trennen.

Blätter rauschen, ein Blesshuhn kiekst, Schwalben schießen durch den Himmel. Es riecht nach Wasser, nach Grün, nach warmem Holz. In den Bäumen lärmen Elstern. Mittendrin der Fahnenmast, auf einer Wiese vor einer ehemaligen Granatenfabrik.

Utopia in bester Lage

Mehr als 40 Jahre ist es her, dass Anwohner hier die Zäune um eine Kaserne niedertraten, um einen Spielplatz zu schaffen für ihre Kinder. Wenig später kamen die Ersten aus den besetzten Häusern Kopenhagens, aus Kunstprojekten oder von der Straße und machten das Gelände zu ihrem ganz eigenen Spielplatz - Hippies, Esoteriker, Kommunisten, Säufer. Sie gehörten einer Generation an, für die es kaum Arbeit gab, keinen Platz, buchstäblich nicht: keine Wohnungen in Kopenhagen, die Mieten stiegen. Also nahmen sie sich dieses Gelände am alten Festungsgraben.

Tanja Fox war damals vier Jahre alt. Sie erinnert sich, wie sie bis zum Kinn im Löwenzahn stand, auf der Wiese vor der Granatenfabrik. Omelett nannten ihre Mutter und die anderen Hippies diesen Platz, weil er gelb war und rund. Das Viertel drum herum tauften sie Mælkebøtten, Löwenzahn, einer von 15 Bezirken der neuen Freistadt Christiania. Tanja Fox bekommt noch immer eine Gänsehaut, wenn sie daran denkt: eine Hippiekommune auf einem Militärgelände. "Es ist wie ein Märchen von Hans Christian Andersen", sagt sie, "es konnte nur hier, zu dieser Zeit passieren."

Sie lief oft nackt herum, es gab nicht immer regelmäßig zu essen, aber auch keine Autos auf den Straßen. Dafür Männer und Frauen beim Freie-Liebe-Machen, betrunkene Finnen mit Messern, Schizophrene, Kämpfe. Das Strandgut Kopenhagens ließ sich nach Christiania spülen. Mancher blieb, mancher zog weiter. Nicht wenige starben, am Heroin, am Alkohol.

Auf Platz drei der Attraktionen Kopenhagens

Und nicht lange, dann kamen die ersten Besucher. Zuerst Soziologiestudenten, Punks aus Westberlin, linke Aktivisten. Und dann immer und immer mehr Besucher. Kopenhagens Tourismusbüro hat die beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt ermittelt. Auf Platz eins: der Tivoli. Auf Platz zwei: die kleine Meerjungfrau. Und auf Platz drei, geschätzte eine Million Besucher im Jahr: Christiania.

Nach Jahrzehnten der Kämpfe, Straßenschlachten, Polizeirazzien, Häuserräumungen haben sich der Staat und seine Gegner 2011 geeinigt: Die Christianiter haben Dänemark das Gelände abgekauft. Eine Stiftung eingerichtet, die über die nächsten Jahrzehnte die Kaufsumme von rund 75 Millionen Kronen aufbringen wird, zehn Millionen Euro. Es war nicht leicht, den Deal auf den Vollversammlungen durchzusetzen. Die Freibürger fürchteten den Ausverkauf. Auch die dänische Regierung stand in der Kritik: Nicht verhandeln, räumen!

Dänemarks geduldete autonome Kommune

Aus dem grauen, baumlosen, windigen Stück Militärgeschichte am Rande eines Arbeiterviertels ist längst eine Sahneschnitte grünen, innenstadtnahen Wohnens geworden. Umgeben von den teuren Eigentumswohnungen Christianshavns: die Sorte Grundstück, auf die sich Investoren schneller stürzen, als man Gentrifizierung sagen kann. Vor allem unten am alten Festungsgraben hat sich mancher ein architektonisches Schmuckstück hingebaut, das längst viele Millionen Kronen wert ist und in das man sich nach den Regeln der Christianiter, die keinen Hausbesitz kennen, nicht einklagen, einmieten oder einkaufen kann.

Eine Schande, sagten manche, diese Häuser den Hippies zu überlassen. Doch Staat und Freistadt waren sich einig, und seit drei Jahren ist das besetzte Gelände eine legale, von Dänemark geduldete autonome Kommune. Die Polizei läuft hier noch immer nicht Streife, und die Post gibt die Säcke morgens am Seiteneingang ab. Doch alles in allem wirkt Christiania nur noch wie ein ziemlich bunter Stadtteil von Kopenhagen, größtenteils harmlos.

Deshalb stimmen wohl auch die Zahlen des Tourismusbüros nicht mehr. "Seit dem Kauf ist es explodiert", sagt Tanja Fox, "sie sagen: ‚Jetzt ist es bei euch ja sicher, jetzt kommen wir auch mal gucken.'" Das ist nur so ein Gefühl, schließlich zählt hier niemand, wie viele Menschen sich täglich unter dem längst berühmten Tor mit der Aufschrift "Sie betreten jetzt die EU" fotografieren lassen, wenn sie die Freistadt verlassen.

Den vollständigen Text von Gesa Gottschalk finden Sie im neuen "GEO Special Dänemark", Heft 4/2014

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