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Kaledonischer Kanal: Böen, Gischt und Brecher

Zwei Freunde, ein Plan: sich einmal ganz entspannt quer durch Schottland treiben lassen - auf einem Kanal in den Highlands. Mit dem Hausboot schippern zwei Leichtmatrosen bei schwerer See durch den Great Glen.

Von Freddy Langer

Wären wir Roddy nicht begegnet, wer weiß, die Reise hätte wohl einen anderen Verlauf genommen. Dann wären wir vermutlich gleich am zweiten Tag in Drumnadrochit hängen geblieben. Tagsüber hätten wir an Bord unseres Schiffes, der "Eriskay IV", auf besseres Wetter gewartet und uns mit dem Entenvolk angefreundet, das dort über die Kaimauer stolzierte. Und abends wären wir in den zwei, drei Pubs der Ortschaft eingekehrt - wie die anderen, die mit uns von Inverness aus gestartet waren. Eine Handvoll Menschen verteilt auf fünf Hausboote, und zumindest eine Frau hörten wir explizit sagen: "Bis hierher und nicht weiter."

Derek hatte uns gewarnt

Wenn Gischt über den Wellen von Loch Ness zu sehen ist, weil der Wind vom Atlantik her zwischen den Bergen hindurchfegt und das Wasser aufpeitscht, bis es aussieht, als galoppierten weiße Pferde über den See - er sagte wirklich "white horses" -, dann sollten wir anlegen und den Bootsverleih anrufen. Also ihn. Ob er mehr Angst um uns hatte oder um seine Boote, war nicht herauszuhören. Allemal war er parteiisch. Und als er am Telefon etwas von Windgeschwindigkeiten zwischen vier und fünf Beaufort erzählte, rechnete er wohl fest damit, dass uns die Lust am Abenteuer vergehen würde.

"There's gonna be dancing", malte er Bilder tobender Brecher und hüpfender Boote aus. Das, was wir in der einen Stunde erlebt hatten, als wir im Konvoi die Strecke vom fast windfreien Loch Dochfour auf das stürmische Loch Ness hinausgefahren waren, sei nichts im Vergleich zu dem, was uns jetzt erwarte. Und dann pries er die beiden Attraktionen der Ortschaft Drumnadrochit: das Loch Ness Exhibition Centre mit den aktuellsten Erkenntnissen der Nessie-Forschung und die Ruine von Urquhart Castle, hoch über dem See, beides angeblich einen längeren Aufenthalt wert.

Aber wir hatten nur Roddy im Ohr. Den hatten wir beim ersten Stopp an der Schleuse von Loch Dochfour getroffen. Als sei jeder Schritt an Land ein Experiment für ihn, kam er auf uns zugewankt und hatte ohne weitere Um¬stände vom Wetter zu erzählen begonnen. So zerzaust, wie sein Haar in alle Richtungen stand, sah er aus, als sei er gerade eben erst mit seinem Schiff einem Taifun entkommen. Papperlapapp, winkte er ab. Alles halb so schlimm. Die würden euch doch ihre Hausboote nicht anvertrauen, wenn sie nicht wüssten, dass die unsinkbar sind. "Die Crew", sagte er, "gibt stets früher auf als das Schiff."

In der Mitte von Loch Ness aufwachen

"Nicht bei uns", sagten wir. Und grinsten, als seien wir mit den Tücken der sieben Weltmeere auf Du und Du. Dabei hatten wir zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als sieben Kilometer mit dem Boot zurückgelegt. Es war unsere einzige Erfahrung mit einem Schiff. Wir wussten nichts vom Leben an Bord, sagten statt "port" und "starboard" unverdrossen links und rechts, statt "bow" und "stern" lieber vorn und hinten, und unser erster Knoten am Steg hatte ausgesehen wie eine Zeichnung von Eduardo Chillida. "Mit so etwas", hatte das jemand kommentiert, "kommt euer Boot entweder nie mehr los oder von allein. Und ihr wacht irgendwo in der Mitte von Loch Ness auf."

So ein Quatsch. Von Knoten braucht uns bergerfahrenen Blutsbrüdern niemand etwas zu erzählen, dachten wir und wunderten uns, weshalb man nicht einfach irgendwo am Kai einen Karabiner einhakt. Was ging es die Crews der anderen Boote an, dass wir beide schon gemeinsam in den Anden und auf Baffin Island gewesen waren, hier über 5000 Meter hinauf, dort über senkrechte Klippen hinweg, und dass wir zusammen auf die Zugspitze geklettert sind, von hinten? Die Aussicht, mit dem Boot bis zum Fuß des Ben Nevis fahren zu können, des höchsten Bergs von Großbritannien, war für uns deshalb von ganz eigenem Reiz, aber es gab guten Grund zu befürchten, dass die anderen Hobbymatrosen das als Verrat missverstanden hätten.

Mit dem Wohnmobil auf dem Wasser

"To be on the river" ist in Schottland mehr als bloß die Bezeichnung für eine Fahrt auf dem Fluss und bedeutet schon gar nicht das gezielte Unterwegssein von einem Ort zum anderen; es ist vielmehr eine Lebenshaltung. Sie hat mit Langsamkeit zu tun, mit dem Dahingleiten im kaum merklich schwankenden Boot. Als würde man ganz sanft durchs Leben selbst geschaukelt werden. Den Leitfaden dazu hat Jerome K. Jerome 1889 mit seinem Roman "Drei Mann in einem Boot" gegeben. Allerdings für die Themse, einen Fluss, auf dem man offenbar Beine und Seele gemütlich über dem Wasser baumeln lassen kann und es vermutlich schon zu den größeren Aufregungen zählt, wenn eine Schar Enten unter den langen Ästen einer Trauerweide hervorstiebt.

So ähnlich hatten wir zwei es uns auch für den Kaledonischen Kanal vorgestellt. Das Hausboot als eine Art Wohnmobil auf dem Wasser, Parkbuchten hinter jeder Biegung, in denen man die Nacht verbringt und nur dem Murmeln des Wassers und dem Quaken der Frösche lauscht. Eine Flasche Whisky und ein halbes Pfund Tee waren das Erste gewesen, was wir beim Vorratseinkauf in Inverness in unseren Korb gelegt hatten: Wir nannten das Entschleunigung mit Stil. Doch auf Loch Ness wollte unser Boot nicht so wie wir.

19 Jahre Bauarbeiten für die Wasserstraße

Es muss ein mächtiges Getöse gewesen sein, als vor Millionen von Jahren im schottischen Hochland die Erde aufriss und der Great Glen entstand, ein gewaltiger Graben, der sich rasch mit Wasser füllte. Vier lange, schmale Seen entstanden und reihten sich aneinander, einmal quer durchs Land. Schon 1773 hatte James Watt angeregt, sie zu verbinden. Aber erst von 1803 an wurde unter Leitung des Ingenieurs Thomas Telford die Wasserstraße zwischen Nordsee und Atlantik gebaut, mit 29 Schleusen auf 97 Kilometern. Es dauerte 19 Jahre, bis der Kanal fertig war.

Für die britische Marine, die sich Vorteile im Krieg gegen Frankreich ausgerechnet hatte, kam er zu spät - Wellington hatte Napoleon sieben Jahre zuvor bei Waterloo geschlagen. Fischern immerhin blieb nun die Fahrt um Schottlands stürmischen Norden erspart, und es nutzten sogar Handelsschiffe auf dem Weg vom Baltikum nach Amerika den Kaledonischen Kanal. Doch nie erfuhr er die erhoffte Bedeutung, mehrmals sollte er geschlossen werden. Dann stellte man ihn nach langen Debatten als "Ancient Monument" unter Schutz, und seit den jüngsten Renovierungen gar zählt er zu Schottlands touristischen Attraktionen.

Heute befahren noch etwa 2000 Schiffe im Jahr den Kanal. Die meisten große Yachten, gechartert oder in Privatbesitz, mit Crews, die verwegen genug aussehen, damit man ihnen glaubt, dass sie nicht aus Furcht vor den Stürmen im Norden diesen Weg gewählt haben, sondern aus Freude am Kanal.

Den vollständigen Text und weitere Tipps finden Sie im neunen Geo Special "Schottland", Heft 3/2010

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