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Kreatives Chaos: London für Liebhaber

Die Bewohner der Stadt werden ihren großen Einkaufsstraßen mit den Mega-Markenshops untreu. Lieber flanieren sie durch das kreative Chaos bisher unentdeckter Stadtteile und stöbern nach Einzigartigem. Zeit, die Stadt neu zu entdecken.

Von Cornelia Fuchs

Shoreditch ist wirklich kein schöner Teil Londons. Die Plattenbauten sind grau und reihen sich in langweiliger Gleichheit Straße um Straße aneinander, auf den Balkonen lagert Sperrmüll, und die Rasenflächen sind mehr gelb als grün. Doch einmal in der Woche wird dieser Stadtteil zu einem der beliebtesten Einkaufsziele Londons. Jeden Sonntag trifft man in den Straßen mit den trostlosen Sozialwohnungen Menschen mit großen Blumensträußen aus Lilien, Sonnenblumen und Rosen unter den Armen und Töpfen mit Orchideen und Bananenstauden in der Hand. Sie kommen vom Blumenmarkt in der Columbia Road, einer Londoner Sonntagsinstitution, die zum Geheimtipp fürs schöne Shoppen in der britischen Hauptstadt geworden ist. Denn längst gibt es hier nicht mehr nur Dutzende Blumenverkäufer, die in bewährter Marktschreiermanier alles von Stiefmütterchen bis zu Olivenbäumen unter die Leute bringen wollen. In den kleinen Arbeiterhäuschen am Rande des Marktes haben sich neue Geschäfte etabliert, viele öffnen nur am Markttag. Unter der Woche liegt die Columbia Road wieder ruhig und ein bisschen trostlos da.

Angela Flanders verkauft ihre Duftmischungen seit 1985 in einem kleinen Geschäft am Anfang der Straße. Damals war die Columbia Road noch reines Arbeitergebiet, für viele Londoner verbunden mit Armut und Kriminalität wie der ganze Osten der Stadt. Anfang der 80er Jahre gab es hier noch Häuser, die nur mit Gas beleuchtet wurden und keine Toiletten hatten. Damals war der Pub Royal Oak bekannt als "Royal Coke", als Umschlagplatz für Drogen aller Art, und regelmäßig machten ganze Polizeihorden hier Razzien. Heute ist die Kneipe beliebt bei Filmcrews wegen der authentischen Barmöbel aus der Anfangszeit des vergangenen Jahrhunderts, besonders gern dreht die BBC hier Krimis. Es waren Menschen wie Angela Flanders, die das Leben zurückgebracht haben nach Shoreditch. Sie erinnert sich mit einer gewissen Nostalgie, wie sie damals die Ärmel hochkrempelte und den Schimmel und Dutzende Lagen Tapete von den Wänden ihres Verkaufsraumes kratzte. "Die anderen Händler hier nennen uns heute die alten Soldaten", sagt Flanders. "Niemals hätten wir damals gedacht, dass wir hier in der Straße einmal Liebhaberstücke für über 1.000 Euro verkaufen könnten", sagt sie.

"Diese Gegend hier ist wie ein Dorf - zusammen sind wir stark!"

Angela Flanders liebt ihre Columbia Road, sie liebt die kleinen Galerien, die jungen Künstlern eine Chance geben, und die eklektischen Dekoläden, die nur sakrale Kunst verkaufen. "Diese Gegend hier ist wie ein Dorf - zusammen sind wir stark!" Die Geschäfte an der Columbia Road gehören zu einer Bewegung, die der Einförmigkeit des Einkaufens in London ein Ende bereiten will. In den großen Einkaufsstraßen gibt es fast nur noch Filialen der immergleichen Handelsketten. Langweilig sei das, sagt Simon Watkins und ist froh, dass er genügend Kunden findet, die das genauso sehen. Watkins hat mit seiner Geschäftspartnerin und Co-Designerin Rachel Whyte-Moran das Geschäft Labour and Wait gegründet, das ein seltsames Sortiment von schönen Dingen verkauft, die es früher überall zu kaufen gab und die heute kaum noch zu finden sind. Gutes Nähgarn zum Beispiel. Oder Handkehrer, die aus Emaille sind und nicht aus Plastik. Liebhaberläden wie das Labour and Wait erleben in London eine Renaissance. Schon sind die ersten Bücher erschienen, die akribisch für alle Stadtteile die Geschäfte mit dem gewissen Etwas auflisten. Und die gibt es nicht nur in den abgelegeneren Ortsteilen wie Shoreditch.

Keine 15 Minuten Fußmarsch von der größten Einkaufsstraße Londons, der Oxford Street, entfernt, drängeln sich Buchliebhaber bei Daunt Books in der Marylebone High Street. Der Laden mit seinem großen Glasdach ist einer der schönsten Buchläden Londons und bekannt für seine exzellente Reisebuchauswahl. "Es ist gerade eine gute Zeit für uns", sagt der Manager Bratt Wolstonecraft. "Wir bieten unseren Kunden, was sie im Internet und bei den großen Ketten nicht finden - wir präsentieren hier nur, was wir selbst mögen, und nicht, was PR-Manager sich für uns ausdenken." Wie viel Londoner für solchen Enthusiasmus auszugeben bereit sind, zeigt sich in einer Nebenstraße, nicht weit entfernt von der ruhigen Leseatmosphäre des Daunt- Buchladens. In La Fromagerie wird Käse zelebriert - und darf dann auch gern mehr als zehn Euro pro 100 Gramm kosten. Patricia Michelson liebt ihren Käse, sie kennt jeden einzelnen Lieferanten und die Reife- Geschichte hinter jedem einzelnen Käsestück. "Wir sind die Vorreiter", sagt sie. "Was wir seit Jahren hier aufgebaut haben, versuchen die Supermärkte jetzt nachzumachen." Für ihr Einkaufserlebnis sind die Londoner immer mehr auf der Suche nach dem Einzigartigen, dem Kleidungs- oder Schmuckstück, das es nur an einem Ort und vielleicht sogar nur ein einziges Mal gibt.

"Das ist endlich wieder ein Ort des kreativen Chaos im Zentrum Londons"

Als Geheimtipp für solche Funde gelten die Tage der offenen Tür in den Künstler- Studio-Gemeinschaften. In den Great Western Studios im Westen Londons zum Beispiel finden diese zweimal im Jahr statt. Dann stehen die Künstler persönlich für Gespräche bereit, und die Besucher können hoffen, hier einen Kunststar von morgen zu treffen - mehrere Mieter der Studios sind schließlich in den vergangenen Jahren für den begehrten Turner Prize nominiert worden. Der Erfolg dieser Projekte unabhängiger Händler und Künstler inspiriert inzwischen auch die etablierten Geschäftsleute. Im West End, im Zentrum Londons, hat der Dover Street Market eröffnet, ein Einkaufsparadies über sechs Stockwerke, zu dessen Konzept es gehört, kleinere Geschäfte und Designer in einem Gebäude zusammenzubringen. Auch Simon Watkins, den Inhaber von Labour and Wait aus Ostlondon, trifft man hier an. Er hat probeweise einen Stand gemietet: "Das ist endlich wieder ein Ort des kreativen Chaos im Zentrum Londons." Infos und Karte finden Sie auf der folgenden Seite.

Gewusst, wo - bummeln abseits der bekannten Meilen

Blumen und vieles mehr

Londons schönster

Blumenmarkt

öffnet nur an Sonntagen. Ebenso viele der anliegenden Geschäfte, Galerien und Cafés in der

Columbia Road

im Ostlondoner Stadtteil Shoreditch. Um hierherzukommen, fährt man am besten mit der Circle-, District- oder Hammersmith-Linie bis zur U-Bahn-Station Liverpool Street im Osten der Stadt und von dort mit den Bussen 26 oder 48 zur Hackney Road, von der die Columbia Road abgeht. Der Einkaufsbummel beginnt an der Kreuzung zum Gascoigne Place.

Das Parfümeriegeschäft

von Angela Flanders besteht seit 1985. 96 Columbia Road, So. 9.30–14.30 Uhr, www.angelaflanders-perfumer.com. Etwas weiter die Straße rauf, vorbei an Dutzenden Blumenständen und nahe der Kneipe

Royal Oak

, gibt es bei

Bob & Blossom

von Strickpuppen bis zu Blechautos alles für die Kleinen. 140 Columbia Road, So. 9-15 Uhr, www.bobandblossom.com. Die

Galerie Nelly Duff

hat oft Originale des Graffitikünstlers Banksy im Schaufenster. 156 Columbia Road, Sa. 14-18 Uhr, So. 9-15 Uhr, www.nellyduff.com. Etwa 15 Minuten Fußweg Richtung Süden liegt die Brick Lane mit ihrem

Sonntagsflohmarkt.

Hier lohnt ein Abstecher in die Cheshire Street zu

Labour and Wait

, einem Geschäft mit Haushaltswaren, die man immer schon gesucht hat. 18 Cheshire Street, Sa. 13-17 Uhr, So. 10-17 Uhr, www.labourandwait.co.uk. Bei

Mimi

gibt es große und kleine Taschen in vielen Farben und aus wunderbar weichem Leder. 40 Cheshire Street, Fr. bis So. 11-18 Uhr, www.mimimika.com. Wer sich an den Ständen mit günstigen Schuhen und T-Shirts vorbei bis fast ans Ende der Cheshire Street schlängelt, findet dort einen der größten und beliebtesten Second-Hand-Kleidermärkte in London -

Beyond Retro

, 110-112 Cheshire Street, Mo. bis So. 10- 18 Uhr, www.beyondretro.com.

Straße der Liebhaber

Weiter im Westen Londons liegt die Marylebone High Street, eine Straße mit Spezialitätengeschäften. Aus ganz London kommen Käseliebhaber zu La Fromagerie. Im Hinterraum ist ein kleines Restaurant. Auf der Speisekarte: Käseplatte! 2-4 Moxon Street, Mo. 10.30-18 Uhr, Di. bis Fr. 9-18 Uhr, Sa. 9-19 Uhr und So. 10-18 Uhr, www.lafromagerie.co.uk. Der Daunt Bookshop ist bekannt für Reisebücher. Neben den Reiseführern steht eine Auswahl der wichtigsten Literatur des jeweiligen Landes, so kann man unter dem edwardianischen Glasdach schon mal literarisch auf Reisen gehen. 83 Marylebone High Street, Mo. bis Sa. 9-19.30 Uhr, So. 11-18 Uhr, www.dauntbooks.co.uk. The White Company - hier gibt es alles in Weiß, von der Bettwäsche bis zu Kerzen. 12 Marylebone High Street, Mo. bis Sa. 10-19 Uhr, So. 11- 17 Uhr, www.thewhitecompany.com. Gegenüber liegt das Restaurant The Providores and Tapa Room mit einer exzellenten Weinauswahl und kleinen, sehr feinen Tapas-Häppchen. 109 Marylebone High Street, Mo. bis Fr. 9–23 Uhr, Sa. und So. 10–23 Uhr, www.theprovidores.co.uk

Einzelstücke zum Verkauf

Londoner Künstlergruppen veranstalten regelmäßig Verkaufsausstellungen in den Gemeinschaftsateliers der Juweliere, Maler, Fotografen, Möbeldesigner und Bildhauer. In den Great Western Studios, The Lost Goods Building, Great Western Road, nahe der U-Bahn-Station Westbourne Park, sind Tage der offenen Tür für den 1. und 2. Dezember 2007 geplant, jeweils von 12-18 Uhr, www.great-westernstudios.com. Zu empfehlen: die Feen-Skulpturen von Julie Goldsmith, Sandra Shashous farbprächtige Porträts und die fein verschraubten Schmuckstücke von Melissa Hunt. Das Cockpit Arts Holborn, Cockpit Yard, Northington Street, nahe der U-Bahn-Station Holborn, öffnet seine Studios vom 23. bis 25. November. www.cockpitarts.com.

Geheimtipps für Klamotten

Die Jagd nach Modeschnäppchen funktioniert in London wie eine Flüsterkampagne - man muss sich auf verschiedenen Webseiten über die Termine und Orte der nächsten Designer-Sonderverkäufe informieren und dann am besten für die Eröffnungstage auf eine Einladungsliste setzen lassen. Alltagstaugliche Kleider und junge Modemacher findet man bei Designer Sales UK, www.designersales.co.uk, nächste Verkaufstage: 6. bis 9. Dezember. Bei Designer Warehouse Sales gibt es neben Alltagsklamotten auch den Dolce & Gabbana-Kunstpelz und das Roberto-Cavalli-Oscarkleid, manches bis zu 80 Prozent reduziert. Aktuelle Termine für Frauenmode vom 30. November bis 2. Dezember, für Männer vom 7. bis 9. Dezember. Anmeldung über www.dwslondon.co.uk. Der Dover Street Market nahe der U-Bahn-Station Green Park bietet auf sechs Stockwerken viele kleine Designerläden mit Mode, Möbeln und Haushaltswaren; 17-18 Dover Street, Mo. bis Sa. 11-18 Uhr, Do. 11-19 Uhr, www.doverstreetmarket.com. Eine andere Empfehlung sind die Charity Shops, wo gespendete Kleidung für einen guten Zweck verkauft wird. Vor allem im reicheren Westlondon findet man Designerstücke aus den Kleiderschränken der großzügigen Nachbarn. Im British-Red- Cross-Laden nahe der Einkaufsstraße King’s Road, 69-71 Old Church Street, wurden schon Schuhe von Manolo Blahnik, Kleider von Yves Saint Laurent und Helmut Lang gesichtet, Mo. bis Mi. und Fr. 10-17.30 Uhr, Do. 10-19 Uhr, So. 13-18 Uhr. Kleidung berühmter Modemacher findet man auch im Notting Hill Housing Trust, 57 Kensington Church Street, nahe der U-Bahn- Station High Street Kensington. Mo. bis Sa. 10-17 Uhr, So. 13-18 Uhr. Weitere außergewöhnliche Läden und Einkaufsstraßen listet das Buch "Independent London Store Guide" auf, Portfolio Books Ltd, 205 Seiten, ca. 13 Euro, zu bestellen auf der Webseite www.independentlondon. com, die auch eine deutsche Übersetzung anbietet.

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