Last Minute Auf den letzten Drücker


Wer gern spontan verreist und sich nicht auf ein Urlaubsziel fixiert, ist mit Last Minute gut bedient. Die Geschichte eines Trips an die Algarve.
Von Bernhard Lill

Der Flughafen

Vor uns reihen sich dicht an dicht Last-Minute-Schalter, die Wände mit Angeboten beklebt. Auf buntem Papier drängen sich Urlaubsziele und Preise in den Blick. Wir wollen weg, möglichst schnell, irgendwohin in den Mittelmeerraum. Hauptsache: Sonne, schöner Strand, nettes Hotel und interessante Ausflugsziele. Wir lassen uns beraten.

Der Verkäufer von billigweg.de möchte uns nach Marokko schicken, nach Agadir: eine Woche im strandnahen Sporthotel inklusive Flug für 378 Euro. "Ausflüge könnt ihr nach Marrakesch machen oder ins Atlasgebirge, die kosten allerdings extra", sagt er. Wir fangen an zu träumen - vom Orient, vom Teetrinken mit Teppichhändlern. Doch mal sehen, was es sonst noch gibt. Die Kollegin von Holiday Express bietet fünf Tage Nordgriechenland in einer familiären Apartment-Anlage in Chalkidiki für 405 Euro. Zum Strand sind es nur 80 Meter, durch ein duftendes Pinienwäldchen. Allerdings hapert es an überzeugenden Ausflugsmöglichkeiten. Nächster Anbieter. Nach zwei Stunden haben wir das Pauschalpaket, das unseren Wünschen am nächsten kommt: eine Woche weiter Sandstrand in Monte Gordo an der Algarve für 456 Euro, inklusive Flug, Hotel und Mietwagen. So sind wir unabhängig. Und überhaupt: Monte Gordo, klingt mondän, so nach Monte Carlo! Ein Spielkasino haben sie dort auch. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass Monte Gordo "fetter Berg" heißt.

Der Strand

Vier Tage später bräunen wir in der Sonne. Die Anfahrt vom Flughafen Faro war einfach: immer an der Küstenstraße lang, 50 Kilometer in Richtung Osten, vorbei an Palmen und Orten wie Olh‹o, Alfandanga, Tavira. Nun liegen wir am Strand von Monte Gordo. Über uns malen Ferienflieger Streifen an den Himmel. Vor uns schimmert blaugrün das Meer. Wenn wir den Kopf träge nach links drehen, sehen wir Spanien, ganz nah. Drehen wir ihn westwärts nach rechts, erstreckt sich feinster Sand bis zum Horizont. Zum Abkühlen geht's rein in den Atlantik. Mittags knabbern wir im Schatten vom Strandkiosk Toasta Mista, ein Schinken-Käse-Toast, und trinken kühles Sagres, das lokale Bier. Den Nachmittag verdösen wir unterm Sonnenschirm. Eingelullt vom Tock-Tock einiger Pingpong-Spieler.

Der Ort und das Hotel

Das ehemalige Fischerdorf Monte Gordo ist keine Schönheit. Dafür steht hier zu viel Beton rum. (Heißt der Ort deshalb "fetter Berg"? Sonst ist nämlich alles flach.) Aber mit seinen Pinienwäldern sieht Monte Gordo längst nicht so abschreckend aus wie die Touristenghettos der Westalgarve. In den Gassen weiter östlich verstecken sich noch hübsche Fischerhäuschen. Die Hotels sind für die Saison frisch geweißt. In den Cafés sitzen Einheimische neben Touristen. Wir sind zufrieden - der Strand ist unschlagbar, und wir haben den Mietwagen. Auch das Hotel ist okay: Mittelklasse, neun Stockwerke, 119 Zimmer - ein Kasten, aber im Jahr 2003 komplett renoviert. Von unserem Balkon im siebten Stock haben wir Meerblick. Die meisten Gäste sind Rentner aus England und Holland. Das hat Auswirkungen aufs hoteleigene Unterhaltungsprogramm. Volleyball fällt aus - mangels Beteiligung. Der Tanzabend erinnert an Filme aus den Fünfzigern. Dafür ist es nachts im Hotel absolut ruhig.

Das Essen

Am kreativsten sind die Restaurants von Monte Gordo bei der Übersetzung ihrer Speisekarten: englisch, deutsch, holländisch, finnisch und schwedisch, alles dabei. Zu unseren Favoriten zählen die Formulierungen "Kalb Straif on Stein", "Anananz whit roker Shinke" und "Fish and Ships". Schiffe auf dem Teller, warum nicht? Allerdings testen wir keins dieser Gerichte. Schon am ersten Abend folgen wir dem Schild der Taverne Vicius, denn das verspricht gutbürgerliche portugiesische Küche ohne Mikrowelle. Von außen sieht die Taverne aus wie ein heruntergekommenes Fischerhaus, von innen allerdings sehr schmuck. Nur ein Tisch ist noch frei. Manager António Santos Real wuselt herum, erklärt uns die Speisekarte. Strahlend empfiehlt er Morcela, würzige Blutwurst, und Ziegenkäse von den Azoren als Vorspeise, danach ein Muschelsüppchen, fangfrischen Fisch, gegrillt, und Milchreis mit Zimt zum Abschluss. Dazu einen weißen Landwein? Wir lassen uns von seinem Enthusiasmus anstecken und genießen das köstliche Essen - zu einem fairen Preis von 22 Euro pro Person. Aus Hamburg kämen wir?, fragt António zwischendurch. Ja natürlich kenne er die Stadt, hat dort schon eine Hafenrundfahrt mitgemacht, die Reeperbahn besucht, damals, als er auf der Expo in Hannover gearbeitet hat. Antónios Augen leuchten. Er lädt uns zu einem Fado-Abend ein und rät, einen Ausflug zum Cabo de S‹o Vicente zu machen, dem Ende der Welt.

Die Ausflüge

Das Ende der Welt haben wir uns anders vorgestellt, irgendwie mystischer. Dafür sind wir die ganze Algarve entlanggefahren, rund 160 Kilometer, bis zum südwestlichsten Punkt Europas, dem Cabo de S‹o Vicente. Von hier schickte der portugiesische Prinz Heinrich der Seefahrer im 15. Jahrhundert Karavellen aus, um die afrikanische Küste zu erforschen. Und heute? Zuerst sehen wir eine überdimensionale Wurst auf einem Kiosk und das Schild "Letzte Bratwurst vor Amerika". Dann: Stände, an denen Norwegerpullover aus Lammwolle verkauft werden - bei 30 Grad in der Sonne. Und schließlich: einen Touristenbus nach dem anderen. Doch wir sitzen sie einfach aus, die Tagesausflügler. Warten auf den Klippen beim Leuchtturm, bis der letzte Bus abgefahren ist. Breiten die Picknickdecke aus, holen die Chouriços, die Hartwürste, aus der Tasche, den Schafskäse, die Tomaten, das Weißbrot und die duftende Honigmelone. Sehen zu, wie die Sonne im Westen in den Atlantik plumpst, hören, wie die Brandung unermüdlich gegen die Steilklippen kracht. Und haben ihn schließlich doch, unseren magischen Moment.

An anderen Tagen lassen wir uns einfach treiben. Von Monte Gordo sind es nur ein paar Kilometer ins ursprüngliche Hinterland. In Castro Marim sitzen wir mit den Alten auf den Bänken des Dorfplatzes, im Schatten von Apfelsinenbäumen. Kinder spielen Verstecken, die Kirchenglocke schlägt, ein Hund hebt müde den Kopf, und wir fühlen uns um ein Jahrhundert zurückversetzt. In Tavira, der Stadt der 30 Kirchen, schlendern wir durchs maurische Viertel mit seinen kleinen, weiß gekalkten Häusern. Und in Vale de Odre, einem Bergnest, lernen wir den Schnapsbrenner José Rodrigues Cavaco kennen. Er stellt aus den Früchten des Erdbeerbaums eine Spezialität der Algarve her: Aguardente de Medronho. "Mit meinem Schnaps trinken sich die Fischer hier gegenseitig unter den Tisch", sagt er. Wir kaufen eine Flasche.

Die Musik

Die Diva fährt sich noch einmal durchs blondierte Haar, rückt das Dekolleté zurecht, trinkt einen Schluck Wasser, bekreuzigt sich und rauscht in die Mitte von Antónios Taverne. Gitarrenspieler, Geiger und Bassist warten schon auf sie. Dann schmettert sie los - Fado, den Blues der Portugiesen. Zwischendurch erklärt António die Lieder. Die handeln alle von "Saudade", diesem typisch portugiesischen Weltschmerz, von verlorener Liebe und verpassten Gelegenheiten. Gegen zwei Uhr morgens stellen wir fest: Der leicht nölige Ton des Fado ist zwar nicht ganz unser Geschmack, doch die Atmosphäre war klasse. Ein gelungener Abend.

Der Abschied

Und dann stehen sie vor uns auf dem Tisch: drei große, hohle Penisse aus lackiertem Ton. Trinkgefäße, die bis in die 60er Jahre bei Männerabenden für Weingelage benutzt wurden, erzählt António. Und wo würden sie sich besser machen als im Hamburger Erotic Art Museum, das ihm so gut gefallen hat? Wir können Antónios Wunsch nicht abschlagen. Zum Glück gibt es ja das Schengener Abkommen, dass auch die Zollkontrollen gelockert hat. Hätte uns doch kein Beamter geglaubt, diese Geschichte.

Tipps auf die letzte Minute

Was sind Last-Minute-Reisen?

Der Begriff stammt aus den 80er Jahren, als Fluggesellschaften günstige Restplätze direkt am Flughafen verkauft haben. Später bezeichneten Veranstalter damit alle Angebote, deren Abreisetag innerhalb der folgenden 14 Tage nach der Buchung lag; also auch günstige Pauschalreisen, Hotelzimmer und Ferienwohnungen. In Deutschland wurde "Last Minute" (übrigens eine deutsche Wortschöpfung) so beliebt, dass die langfristigen Buchungen abnahmen. Die Veranstalter erfanden deshalb die Frühbucher-Rabatte. Trotzdem kann man bei Last Minute auch heute noch Schnäppchen machen; denn inzwischen haben sich viele Anbieter auf die Vermittlung von Restplätzen spezialisiert und stellen daraus eigene Pauschalangebote zusammen.

Flughafen oder im Internet?

Fürs Buchen am Flughafen spricht:

- Die Reisebüroleute kennen sich meist gut mit den Zielgebieten aus (Hotels, Strände), beraten, drucken die Katalogdetails aus und erklären zum Beispiel, was die Beschreibung "im lebhaften Zentrum" wirklich bedeutet: Halligalli und Schlaflosigkeit die ganze Nacht!

- Es geht schneller als im Internet. Am Flughafen erfährt man sofort, welche Reisen noch zu haben sind. Im Netz muss man sich oft durch mehrere Seiten klicken, nur um zu erfahren, dass das Angebot längst weggeschnappt wurde - weil die Seiten noch nicht aktualisiert worden sind oder es noch drinsteht, um Vielfalt vorzutäuschen.

Fürs Buchen im Internet spricht:

- Keine Fahrt zum Flughafen! Man kann bequem zu Hause vor dem Bildschirm sitzen und die verschiedenen Angebote vergleichen.

- Hat man ein Angebot gefunden, das gut klingt, kann man online prüfen, welche Erfahrungen andere Urlauber mit dem Strand, Ort oder Hotel gemacht haben (z. B. bei holiday-check.de). Und man kann checken, wie teuer Vergleichbares bei anderen Anbietern im Netz ist.

- Im Netz kommt kein Kaufzwang auf, kein Mitarbeiter kann zu einer Reise überreden.

Wo gibt es die Reisen günstiger?

Bei ähnlichen Angeboten kann die Differenz mehr als 100 Euro betragen. Nur lässt sich leider nicht generell sagen, wo es billiger ist: Mal gibt's das Schnäppchen im Internet, mal in den Reisebüros am Flughafen. Einziger Ausweg: vergleichen!

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