Lissabon Einfach nur sehen und hören


Die Seele von Lissabon versteht am Besten, wer seine Töne wahrnimmt. Die Wehmut des Fado schwingt in den engen Gassen der Alfama und transportiert die Melancholie eines Volkes mit großer Geschichte. Ein sonniger Trip im winterlichen Europa.

Das Flugzeug beginnt den Sinkflug. Unten ist die Golden Gate Bridge klar zu erkennen. Aber wir sind doch auf dem Weg nach Lissabon! In der Tat, das ist nicht San Francisco. Wir überfliegen die Mündung des Tejo und die Brücke Ponte 25 de Abril. Eine perfekte Illusion, denn die Hängebrücke wurde dem statischen Wunderwerk in Kaliforniens Kultstadt nachempfunden. Aber wir sind schon richtig, Lissabon wird hipp. Nach einem langen Dornröschenschlaf erwacht die Stadt am Tejo zu neuem Leben. Vorbei die Zeit, als Portugal nur über Strand- und Golfurlaub an der Algarve wahrgenommen wurde. Gerade erst war die portugiesische Kapitale Bühne der MTV Awards. Stars wie Madonna und Robbie Williams fanden den Weg hierher und ließen sich feiern. Denn Nightlife gibt es hier auch.

Aber das Besondere findet der Besucher jenseits ausschweifender Partys. Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, gibt es in Lissabon viel zu entdecken. Dabei liegt der Charme eindeutig im Detail. Monumentale Bauwerke sucht man hier vergebens. Die Silhouette der Stadt ist unprätentiös und versteckt ihre Geheimnisse dahinter.

Morbider Charme mit Wäscheleinen

Wer sich dafür interessiert, was die Einwohner im Wäscheschrank haben, muss nur auf eine der unzähligen Leinen schauen, die über die Gassen der Altstadt gespannt sind. Dort kann der interessierte Besucher in Ruhe schauen, da tagsüber weite Teile der Gegend unbewohnt zu sein scheinen. Ob es an der überlangen Siesta liegt oder einfach Ausdruck der Flucht vor der Mittagshitze darstellt: Jetzt kann man Lissabon in aller Gemütsruhe erfahren. Festes und bequemes Schuhwerk ist ein Muss, das Kopfsteinpflaster ein Absatzkiller erster Güte und das permanente Auf und Ab fordern die Beinmuskulatur. Doch die zum Teil extrem steilen Straßen Lissabons können auch bequemer bewältigt werden. Wie als weitere Reminiszenz an San Francisco fahren seit 1902 kleine, traditionelle Bimmelbahnen die Hügel hinauf. Sie gelten als dienstälteste Straßenbahnen der Welt. Unter ihnen gehört die Linie 28 zu den Spektakulärsten. Aufregend ist vor allem der Streckenabschnitt, der durch die schmalen Gässchen der Alfama führt, Lissabons Altstadtviertel zwischen dem Castelo de São Jorge und dem Ufer des Tejo. Anmut und Verfall sind hier symbiotisch verbunden und versprühen einen morbiden Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Alle Wege führen zur Melancholie

Den schönsten Ausblick über die Stadt muss man sich allerdings wirklich verdienen. Denn der steile Weg hinauf zum Kastell wird von keiner Tram und keinem Bus befahren. Sicher kann man alternativ in ein Taxi springen, vergibt sich damit aber einen zwar anstrengenden aber wundervollen Anstieg über verwinkelte Treppen entlang alter Gemäuer, die immer wieder den Blick auf den Tejo und tiefer liegende Stadtteile freigeben. Einmal oben, öffnet sich ein 360 Grad Panoramablick über Lissabon, den Hafen und die Brücke Ponte 25 de Abril, hinter deren Pfeiler der nahe Atlantik zu sehen ist. Anrührend versinkt die Sonne, taucht alles in ein orange-blutrotes Licht und versprüht eine seltsame Romantik. Diese Stimmung lässt die tief in der portugiesischen Seele verwurzelte Melancholie aufkommen. So wie für die Sizilianer die Ausbrüche des Etna über die Jahrhunderte zum lebensbestimmenden Faktor wurden, ist Portugal geprägt vom Verlust seiner Bedeutung über die Jahrhunderte und die lange Isolation von Europa. Wehmütig hängt das Land seiner großen Vergangenheit nach und hat bis heute nicht ganz verkraftet, dass der ehemals kleinere Nachbar Spanien heute der große Bruder ist.

Der Schmerz ergießt sich im Fado

60 Jahre lang war Portugal sogar unter spanischer Herrschaft, obwohl der bedeutende König Manuel I eigentlich drauf und dran war, sich durch geschickte Heiratspolitik die ganze Iberische Halbinsel einzuverleiben. 1496 ehelicht er Isabella von Aragon, samt Anspruch auf den spanischen Thron. Doch er hatte sich zu früh gefreut. Die angehende Mutter starb im Kindsbett und damit auch seine Hoffnung auf Spanien. Trotz einer weiteren Heirat mit Isabellas Schwester Maria wurde nichts aus der Fusion der zwei Reiche unter Portugals Regie. Eine Dritte Tochter erbte das spanische Weltreich. Die verlorene Illusion sowie das zerstörerische Erdbeben von 1755 mit über 30.000 Toten just an Allerheiligen waren zuviel für die portugiesische Volksseele. Vom Glück verlassen und vermeintlich von Gott gestraft suchte das Volk ein Ventil zur Verarbeitung einer solchen Ansammlung von Schmach und Leid. Darin begraben ist der Ursprung einer melancholischen Grundhaltung, eines Lebensgefühls geprägt durch eine tiefe Traurigkeit, die im Musikstil Fado ihren musikalischen Ausdruck gefunden hat. Wer den Fado versteht, der versteht Portugal. In den Gassen der Hafenviertel, bei Fischern, Dirnen und Zuhältern haben die schwermütigen Melodien ihre Heimat. Der ursprüngliche Fado ist heute nur noch schwer mehr zu finden. Denn die Klänge über Schmerz, Verlust, nicht erfüllte Liebe und Leid sind zu einem touristischen Kassenschlager geworden und werden als solche zu Markt getragen und finanziell ausgeschlachtet. Wer den authentischen Fado sucht, findet ihn im Restaurant Maria da Fonte. Mit nur fünf Tischen und Platz für maximal zehn Gäste ist es eines der kleinsten in der Alfama. Oder im Fementaca. Aber auch hier singen heute Profis. Amateure findet man noch in der Taverna d´El Rei oder im Clube do Fado.

Zwischen kommerzieller Performance und klassischem Vortrag

Der Fado Comercial findet in so genannten "casas de fado" statt. In diesen Läden herrscht Verzehrzwang und die Lieder werden von professionellen Sängern vorgetragen. Nicht selten werden die Grenzen zur Folklore dabei überschritten. Für viele Portugiesen ist der Fado trotz der traurigen Komponente ein angenehmes Gefühl. Der Schmerz in den Liedern ist nicht nur Nostalgie, hat nicht nur den Geschmack von längst Vergangenem oder Verwehtem. Der Schmerz ist ein Versprechen, etwas dass nicht sterben kann. Mit dem Fado kann ein hohes Maß an Spiritualität erreicht werden. Davon sind die Protagonisten überzeugt. Unsterbliches Gefühl steht vergänglichem Glück gegenüber. Heute breitet eine riesige Christusstatue schützend ihre Arme über die Stadt. Aber nicht wenige Lissabonner deuten die Geste spöttisch als mitleidiges Achselzucken über die Armut Portugals. So schrieb Erich Maria Remarque in seinem Roman "Die Nacht von Lissabon": "Ich sah zum Hafen hinunter. Da unten war der Fluss, und der Fluss war die Freiheit, er war das Leben, er mündete in das Meer." Manche Dinge ändern sich eben nie.

Oliver Jacobi

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