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Österreich: ...und stets gut drauf

Sie sind jung, lebenslustig und tun alles für ihren Sport. Wer als Urlauber den "Ski-Bums" folgt, entdeckt am Arlberg ein St. Anton für Fortgeschrittene.

Der junge Schwede frühstückt mit Helm. Er steht vor der Talstation der Galzigbahn im österreichischen St. Anton und holt eine Dose Cola aus seiner olivgrünen Snowboard-Jacke, dazu eine Tafel Schokolade. "Ich hatte nur zwei Euro zehn in der Tasche", sagt Mathias Grennard, "eine Wurstsemmel war nicht mehr drin." Sein Kumpel Joakim ist immer noch nicht da. Am Handy meldet sich nur die Mailbox. "Ich wollte ihn wecken, aber sein Bett war leer", sagt Charlotte, die neben Mathias in die Wintersonne blinzelt. Sie wohnt mit Joakim und zehn weiteren Schweden in einem Keller, "aber er hat heute woanders übernachtet". Auf den Bergen liegt Neuschnee. Kurz nach neun nicken sich Mathias und Charlotte zu. Sie schnappen ihre Boards und nehmen die Gondel zur Valluga. Mathias ist 19 Jahre alt, hat sanfte braune Augen und schulterlanges Haar. Vergangenen Sommer hat er in Schweden die Schule abgeschlossen. Am 1. Dezember ist er in Jönköping losgetrampt, ein Trucker nahm ihn mit. Einen Tag später kam er in St. Anton am Arlberg an. Dort kaufte er für 650 Euro einen Saison-Skipass, dann suchte er sich einen Job. "Seit sieben Jahren träume ich davon", sagt Matte, "jetzt bin ich ein Ski-Bum."

In St. Anton zählen sich gut 500 junge Menschen stolz zu dieser Spezies von Wintersportlern. Mehr als die Hälfte der "bums", der englische Begriff für Faulenzer, fährt Snowboard. Die Lebenskünstler kommen mehrheitlich aus Schweden, Engländer und Australier sind ebenfalls stark vertreten. Sie wollen den Schnee so lange und so intensiv wie möglich erleben. Mit wenig Geld, aber viel Spaß. Wer ihren Spuren folgt, entdeckt das St. Anton für Fortgeschrittene. Am Einstieg ins Mattun greift Mathias prüfend in den Schnee. Gestern war diese Freeride-Abfahrt noch wegen Lawinengefahr gesperrt, es hatte tagelang geschneit. Der Neuschnee ist vom Wind zusammengepresst, bei jedem Schwung würde die Kruste einbrechen. Also rutscht Mathias weiter an den Westhang. Dort liegt Pulverschnee. Winzige Eiskristalle flirren silbern im Gegenlicht. Langsam fährt er auf eine Klippe zu, springt ab und landet drei Meter tiefer wie in Watte. "Das ist das Größte: im Powder zu springen", sagt Matte und klopft sich den Schnee von der Hose. Er trägt Helm und Rückenschutz, einen Lawinenpiepser hat er umgeschnallt und eine Schaufel in den Rucksack gesteckt. Gleich im Dezember nahm er an einem Lawinenkurs teil. Der Bergführer fuhr mit ihm ins Hintere Rendl. Abseits der markierten Pisten erklärte er, wie sich ein Schneeprofil aufbaut und wann man besser auf das Vergnügen in ungesichertem Gelände verzichtet. "Das war meine schönste Abfahrt", schwärmt Mathias, "es hatte Nebel, ich fühlte mich sicher, und der Schnee war einfach perfekt."Ski-Bums sind wählerisch. Morgens um acht klingelt bei Mathias der Wecker. Wenn er vor dem Fenster schlechtes Wetter sieht, geht er gleich wieder ins Bett. An einem Tag mit Pulverschnee hingegen drängt er mit anderen Ski-Bums um halb neun in die erste Gondel. Die Community tauscht sich aus über die besten Reviere abseits der gewalzten Pisten: Der Schöngraben war gestern perfekt, der Schindler Kar ist schon verspurt; wenn du einen unberührten Hang suchst, nimm das Auto und fahr rüber zum Sonnenkopf. Das Steißbachtal heißt bei den Bums Happy Valley, weil man auf dieser einfachen Piste in großen Bögen wunderbar ins Tal carven kann."Diese Burschen haben viel Spaß in ihrer Freizeit, und diese Stimmung hol ich mir ins Haus", sagt der Wirt Helmut Schweiger. Er betreibt das Griabli, ein gediegenes Après-Ski-Lokal an der Piste. Zusätzlich zum Stammpersonal stellt er jeden Winter drei Schibämsel ein, wie die Bums bei den Einheimischen heißen. Diesen Winter steht Jimmy an seiner Eisbar. Der schwedische Mulatte versteht kaum Deutsch, aber er hat flinke Augen, ein munteres Gesicht und geht verschwenderisch mit seinem Lachen um. Er kam mit 500 Euro in der Tasche und kaufte sich seine Snowboard-Ausrüstung auf Kredit. Die Bergbahn hielt wenig von einem Skipass auf Pump. Jimmy aber war so heiß drauf, sein neues Board zu testen, dass er zu Fuß auf den 2185 Meter hohen Galzig stieg. "Hey Mann, das war mein schönstes Erlebnis mit dem Berg", sagt er und lacht, dass seine Rastazöpfe wirbeln.

In der Gruppe gibt es Tipps, wie man ohne Spaßverlust sparen kann. Mathias kauft Lebensmittel im M-Preis-Supermarkt. Der liegt außerhalb des Orts, ist aber günstiger. Im Fang House kostet der Kebab nur 4,80 Euro, in der Frühjahrssonne veranstaltet der Wirt Barbecue-Partys. Das billigste Bier gibt's im Funky Chicken in der Fußgängerzone, dort kostet die Halbe nur drei Euro. Mittwochs ist Swedish Night - bei der steigt die Stimmung umgekehrt proportional zum Wetter: Wenn für den nächsten Tag schlechte Schneeverhältnisse vorhergesagt sind, leben sich die Ski-Bums im Club aus. Nach zwei Uhr geht die Party im Kandahar weiter, das schließt erst morgens um sechs.Am frühen Nachmittag muss Charlotte zur Arbeit, sie bedient im Fang House. Mathias tut das Knie weh, eine Landung im Flachen war zu hart. Vor dem Krazy Kanguruh trifft er seine Kumpels. Joakim stößt zu ihnen und nuschelt: "Jetzt geht's schon wieder." Die Getränke im Lokal sind zu teuer, die Jungs setzen sich an einen Biertisch abseits, und Jay holt Bierdosen aus seinem Rucksack. Drinnen beginnt Sandra aus Göteborg ihre Schicht. Sie hat eine feuerrote Operetten-Uniform angezogen und bietet einen Partygag: Bei ihr kann der Après-Skifahrer seinen Pegelstand prüfen. Sie hat den von der Verkehrskontrolle bekannten Alkotester dabei, einmal Pusten kostet drei Euro. Die Hütte riecht nach Glühwein, in der Ecke lässt die erste Skiurlauberin die Hüllen fallen. Sandra lächelt schüchtern, bis um acht verkauft sie 47 Alkotests und bekommt 30 Euro Trinkgeld.

"Die Ski-Bums geben unserem Ort eine internationale Atmosphäre", schwärmt Kurdirektor Heinrich Wagner. Und sie machen weltweit kostenlose Werbung: St. Anton hat mehr Gäste aus Australien als Italiener. "Mancher Urlauber, der als gestandener Rechtsanwalt oder Ingenieur zu uns kommt, erzählt mir stolz: "Ich war mal als Ski-Bum hier."Die ersten kamen in den 50er Jahren, als die Bergbahnen noch viele Hände zum Schneeschaufeln brauchten. Heute hängen Jobangebote in der Mail-Box, dem Internetcafé in der Fußgängerzone: Babysitter gesucht, Putzhilfe, Aushilfskellner. In der Welt der Ski-Bums gilt ein Job als gut, wenn er wenig Zeit vom Skitag frisst. Deshalb ist auch Mathias zufrieden: Um 19 Uhr beginnt seine Schicht als Spüler im Bobo's. Die Kacheln auf dem Boden sind rutschig von Fettablagerungen, Matte steht zwischen zwei Kübeln mit Essensresten. Er trägt eine weiße Plastikschürze und beschickt mit stoischer Ruhe die Spülmaschine. Im Monat verdient er 550 Euro, er bekommt Kost und Logis, und die Schattenseiten können ihm die gute Laune nicht verdunkeln: Manchmal gibt's als Personalessen nur einen Germknödel, dann knurrt ihm nach einem Tag im Schnee der Magen, und nebenan brutzeln Steaks in der Pfanne. Das Doppelbett muss er sich mit einem Kollegen teilen. "Wenn einer ein Mädchen mitbringt, müssen die beiden halt aufs Sofa." Um 23 Uhr schließt die Küche im Bobo's. Um Mitternacht hat Mathias klar Schiff gemacht und geht noch auf ein paar Biere ins Underground. Eine Australierin betreibt diesen Klassiker im Nachtleben von St. Anton, auch sie kam einst als Ski-Bum an den Arlberg. Auf zwei Etagen gibt es hier Live-Musik, Matte geht in die jüngere Abteilung im Keller. Dort spielt die Boygroup Trailer Trash: Die drei 19-jährigen Schweden leben im Wohnwagen auf dem Campingplatz, tragen Strickmützen und singen "Country Roads" so frisch, als hätten sie diesen Oldie eben erst entdeckt.

"Weißt du", sagt Matte Grennard, "ich bin Ski-Bum, damit ich nicht irgendwann mit Frau und Kindern dasitze und merke, dass ich vergessen habe, mein Leben zu leben." Den nächsten Winter will er wieder wild und intensiv verbringen, er hat schon neue Ziele. Entweder nach Chamonix, ins zweite Epizentrum der Bewegung. Oder nach Kanada. Die Szene erzählt sich von einem sagenhaften Ort mit unendlichen Tiefschneehängen. Matte holt sein Handy aus der Jacke. Er hat das Ziel der Sehnsucht gespeichert, nach ein paar Tastenklicks leuchtet der Name auf dem Display: Banff.

Johannes Schweikle / print

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