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Portmeirion: Wie Italien nach Wales kam

Ein Mann, ein Ort: Vor 80 Jahren erschuf der Engländer Sir Clough im Norden von Wales eine Siedlung mit mediterranem Flair. Weil Portmeirion vom Golfstrom geküsst wird, gedeihen hier Palmen, Magnolien und Zypressen.

Von Cornelia Fuchs

Nordwales ist kein heiterer Landstrich. Dazu sind die Eichen zu knorrig, die Berge zu mächtig und die Seen zu tiefgründig unter dem weiten Himmel im Snowdonia-Nationalpark.

Und ausgerechnet hier liegt Portmeirion, Traum eines perfekten Dorfes, das die Leichtigkeit mediterraner Strandferien mitten in die mythische Waliser Berglandschaft gebracht hat. Wer in Portmeirion Quartier bezieht, kann in Sandalen durch azurblau-fliederrosa-sonnengelbe Gassen zum Frühstücksbüfett im Wintergarten des Dorfhotels schlendern und kurz darauf mit schlammbespritzten Stiefeln durch Schieferschluchten wandern.

Portmeirion ist Architekturtheater mit Operettencharakter und wirkt wie eine aus jeglicher Zeit gefallene Kulisse. Entsprungen ist die Ansammlung allerliebster Häuser, Portale, Piazzen und Pantheons der Fantasie eines Gentleman aus dem vorigen Jahrtausend mit Vorliebe für gelbe Kniestrümpfe und Knickerbocker.

Das englische Portofino

Sir Bertram Clough Williams-Ellis, von seiner Familie kurz Clough (sprich: Cliff) genannt, suchte nach einem Platz für eine perfekte Siedlung. Er fand sie 1925 - nur wenige Kilometer vom elterlichen Gutshaus entfernt -, nachdem er zuvor jahrelang von Italien bis Neuseeland gereist war. Sir Clough wollte Leichtigkeit nach Wales bringen - das italienische Portofino war sein Vorbild. Aber auch Positano, Details der Loire-Schlösser und die Gloriette von Schloss Schönbrunn in Österreich.

Wer heute nach Portmeirion kommt, folgt dem Weg durch eine Allee und dann durch einen Tunnel, bis der Blick schließlich auf die Piazza fällt. Diese Abfolge von Dunkelheit und Licht war von Sir Clough geplant - das Dorf sollte eine Offenbarung sein.

Die Farben sind überwältigend. Kuppeln leuchten hellblau-grün-türkis, das Wasserbecken azurblau, Häuserfassaden tiefrosa, ocker, mauve, grasgrün und terrakotta. Überall gibt es Details zu entdecken, überall wird der Besucher in die Irre geführt. Fein ziselierte Steinvasen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als zweidimensionale, bemalte Bleche. Fenster im dritten Stock eines pinkfarbenen Herrenhauses sind aufgemalt.

Optische Tricks, aber doch echt

Wer jedoch denkt, Sir Clough habe vor allem billige optische Tricks benutzt, um Größe und das gewisse Etwas vorzutäuschen, der irrt. Im nächsten Haus befindet sich zum Beispiel eine original jakobinische Kassettendecke, und am Kai liegt ein echtes altes Segelboot. Erst bei näherer Betrachtung erkennt man: Das Schiff schwimmt nicht, sondern ist einbetoniert und Teil der Promenade.

Der Anstreicher Martin Couture kennt Portmeirions Verwirrspiel und seine Wirkung auf die Besucher: "Perspektive, es geht nur um Perspektive!" Er streicht seit 32 Jahren alles originalgetreu nach den Vorgaben des Meisters: "Wir verwenden drei verschiedene Töne für jedes Haus. Das war Cloughs Lösung, um ein Gebäude wohnlich und größer erscheinen zu lassen. Die Farbe wird von unten nach oben heller." Couture verfügt über eine Sammlung von Farbproben für jedes Bauwerk. Fängt er erst einmal an, über das türkis angehauchte Grün zu schwelgen, ist er so schnell nicht mehr zu stoppen.

Portmeirion hat eine traumhafte Wirkung. Es verschluckt Leute und lässt sie nicht mehr los. Dass dies auch ein Albtraum sein kann, haben die Macher der britischen Fernsehserie "Nummer 6" Ende der 60er Jahre erkannt. Sie produzierten in Portmeirion die Geschichte eines abtrünnigen Geheimagenten - gespielt von Patrick McGoohan -, der von anonymen Mächten an einem hübschen, aber tödlichen Ort festgehalten wird.

Immer noch eine Inspiration

Seine Fluchtversuche wurden in klaustrophobischen Bildern inmitten von Palmen und Rosensträuchern gefilmt. Der Albtraum des Gefangenen "Nummer 6" inspiriert bis heute Filmemacher - zitiert wurde die Serie mit dem Originaltitel "The Prisoner" in "Die Truman Show" und bei den "Simpsons". Seit Anfang des Jahres haben sich die Gerüchte um eine Wiederauflage verstärkt, angeblich ist Ian McKellen als Hauptdarsteller im Gespräch.

250.000 Tagesgäste kommen jedes Jahr nach Portmeirion, und es ist ein ständiger Kampf, das Dorf so zu erhalten, wie es Clough einmal ersponnen hat. Denn der konzentrierte sich, ganz exzentrischer Liebhaber, vor allem auf die Gesamtwirkung seines Kunstwerkes und nur wenig auf so profane Dinge wie Abwassersysteme oder Fundamente.

Sein Enkel hat nun 1,3 Millionen Euro in den Erhalt der Anlage investiert: Die Wasserzufuhr und die Abwasserleitungen wurden erneuert, ebenso der große Pool am Rand der Bucht. Das Schloss wurde neu aufgebaut und das Dorf insgesamt so renoviert, dass es auch im Winter für Gäste geöffnet ist.

Die schönste Zeit beginnt um 17 Uhr, wenn die Tagesbesucher Richtung Parkplatz gehen und die Läden ihre Pforten schließen. Dann steht der Hotelgast auf der Piazza und kann die unglaublichen Farben ganz für sich allein genießen. Er hört die Schreie der Möwen in der Bucht, das Rauschen der Palmenblätter und hin und wieder das leise Bääh eines Schafes in der Ferne. Ein Moment, in dem dieser kleine Ort den Rest der Welt zu verschlucken scheint. Und der Gast zum Teil eines Traumes wird.

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