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Reisetipps Italien: Experten verraten ihre Lieblingsorte

Pralle Hintern aus der Po-Ebene, Hochkultur in Adria-Nähe und Wanderungen in den Abruzzen: Autoren haben ihre Lieblingsziele genauer unter die Lupe genommen und nennen ihre persönlichen Italien-Favoriten.

Urbino - Bergstadt mit Hochkultur

In diesem Renaissance-Nest stapeln sich Kulturschätze, wimmelt es vor Akademikern und flirten die Männer mit Manieren.
Von Christoph Hennig
Die angenehm "seltsame Lebendigkeit in dieser kleinen Bergstadt" bemerkte der französische Romancier Stendahl vor fast 200 Jahren, und natürlich hat er auch die "Denkmäler, deren sie voll ist", nicht übersehen. Sie stammen fast ausnahmslos aus den Jahren zwischen 1444 und 1482, als der schöngeistige Herzog Federico da Montefeltro Urbino zur Residenz ausbaute. Ziegeldächer färben zwei aneinander grenzende Hügel rötlich braun, Dom und Herzogpalast erheben sich über verschachtelten Wohnhäusern. Vor 500 Jahren wurde die Universität gegründet, und ein Großteil der rund 25.000 Einwohner sind Studenten: ein Zentrum der Intellektuellen und der Hochkultur, nur wenige Kilometer entfernt von der Adriaküste mit ihren Partywütigen.

Zur Feierabendzeit um sieben brummt und lärmt die Piazza della Repubblica im Zentrum, obwohl sie autofrei ist. Stimmen hallen von den Mauern wider. Pensionäre, die Italien-Filmen der Sechzigerjahre entsprungen sein könnten, deuten mit Fingern aufeinander und werfen sich Argumente zu. Schülerinnen drängeln eingehakt durch die Menge, lachen und plaudern. Junge Männer stehen mit einem Bier in der Hand vor den Bars und debattieren. Sie verstummen kurz, um den ragazze bewundernde Blicke hinterherzuschicken. Keine Pfiffe und Machogesten, in Urbino flirtet man mit Manieren: Renaissance verpflichtet.

Gegen neun Uhr habe ich das historische Zentrum fast für mich allein. Die Sonne taucht hinter einer Kuppe unter, schummrige Straßenlaternen und der Mond führen Schattenspiele in den engen Gassen auf. Ich biege um die Ecke eines Bürgerhauses, ein Treppengang windet sich steil bergan, eine Katze huscht vorbei: ein Bild, wie es der Maler Raffael, der 1483 in Urbino geboren wurde, genauso gesehen haben könnte. Sie schaut sich nach mir um, als wollte sie mich führen.

La Bassa - Die Kunst der Keule

Kein Witz, sondern eine Delikatesse sind die Culatello-Schinken, die prallen Hintern aus dem tiefen Land der Po-Ebene.
Von Daniela Horvath
Im 600 Jahre alten Kellergewölbe des Adelgehöfts "Antica Corte Pallavicina" hängt der Himmel voller Hintern: 5000 pralle, wie Rugby-Bälle geformte Schweineschinken, jeder fast fünf Kilo schwer. "Willkommen im Reich des Culatello", sagte Massimo Spigaroli, der Padrone, als ich das erste Mal dort unten stand und begriff, wie unverblümt der Name des Fleischwunders auf die anatomische Herkunft deutet: den culo, Schweinepopo. Heute weiß ich gar nicht mehr, was zuerst da war - meine Liebe zu dem zart-würzigen Schinken oder zu der Landschaft, aus der er stammt, der Bassa: dem "tiefen Land" der emilianischen Po-Ebene zwischen Piacenza und Parma.

Der Strom windet sich als silbernes Band durch lichte Pappelwäldchen und fette Wiesen, am Palazzi und Dörfern entlang. Im Winter steigt Nebel auf, im Sommer lastet Schwüle auf der Region, Heimat des Komponisten Giuseppe Verdi und des Schriftstellers Giovannino Guareschi: Unter den knorrigen Alten in der Osteria von Zibello kann ich einige ausmachen, die Peppone lebendig werden lassen, den genossen Bürgermeister. Ihn und seinen Wiedersacher, den Priester Don Camillo Tarocci, hatte Guareschi im fiktiven Dörfchen Boscaccio trickreich um die Fragen ringen lassen, ob man dem gebeutelten Nachkriegsitalien eher mit Carlo Marx oder dem lieben Gott wieder auf die Beine helfen würde. "Wenn wir nicht dieses klamme Flussklima hätten, gäbe es den Culatello gar nicht", sagt Spigaroli, 52, Bauer, Küchenchef, Wirt und Metzgermeister in einer Person. Im Herbst, zur Schlachtzeit, erklärt und demonstriert er seine Wurstmacherkunst vor Gästen.

Im 14. Jahrhundert sollen die Bauern auf den Trick gekommen sein, das widrige Wetter zu ihren Gunsten zu nutzen: Statt zu ordentlichen prosciutti zu reifen wie im luftigen Hügelland des Appenin, ließ die feuchte Luft ihre Schweinekeulen von innen entlang der Knochen verfaulen. Die Lösung: ein Schinken ohne Gebeine, mit einer Schweineblase überzogen und schließlich mit langen Nadeln, Hanfschnur und großer Kunstfertigkeit zu einem kompakten Paket geschnürt und vernäht. Mindestens elf Monate lässt Spigaroli die "Popos" im Ziegelgewölbe reifen, bei Temperaturen zwischen 12 und 20 Grad. Das schreiben die strengen Regeln des von ihm 1996 mitbegründeten Consorzio di Tutela del Culatello di Zibello D.O.P. vor. Sie verbieten Konservierungsstoffe und haben den Zweck, den so göttlichen wie teuren Edelschinken vor Plagiaten zu schützen.

Grasbüschel zernagen den Asphalt der Deichsträßchen, die ohne nennenswerte Steigungen in den blauen Himmel führen: Nach einer Radtour gehe ich meist sofort in die "Trattoria La Buca" der Schwestern Miriam und Laura, zu ihren mit Kürbis gefüllten Tortelli, würzigen Kutteln, ihrer kross gebackenen Ente und einer Platte mit Culatello: hauchdünn geschnitten, tiefrot und so mild und aromatisch, dass es danach jedes Mal Tage dauert, bis mir Parmaschinken wieder schmeckt.

Gran Sasso - Wandern in der Wildnis

Lust auf Weite, Stille und Natur? Dann hinauf aufs Hochplateau, wo die Bären los sind und sich Luchs und Hase gute Nacht sagen.
Von Christoph Hennig
Ruggero Damiani erzählt von seinen Schafen, was bei 550 Tieren natürlich ausführlich wird. Ich habe ihn kennengelernt, als ich auf dem steinigen Pfad um die Kurve bog, vor etwa fünf Minuten. Der Käse verkaufe sich ganz gut, aber mit dem Fleisch sei es eine Katastrophe, die Preise für Lamm stagnierten seit 25 Jahren. Auf dem Campo Imperatore unterhalb der fast 3000 Meter hohen Felspyramide des Corno Grande im Gran-Sasso-Massiv der Abruzzen begegnet Ruggero nicht vielen Menschen. Er verbringt den Sommer auf der Hochebene. Wie versorgt er die Herde, ganz allein? Nein, nein, morgens und abends komme sein Sohn hinauf zu ihm, im Jeep aus dem Dorf, Barisciano, er helfe beim Melken und bringe die Milch zurück ins Tal. Als ich mich nach einer halben Stunde verabschiede, könnte ich theoretisch ein Schaf scheren und Pecorine zubereiten.

Die Abruzzen, das Bergland östlich von Rom, machen mir immer wieder Geschenke: Sie breiten Blütenteppiche vor mir aus. Sie bieten meinem Blick die höchsten Gipfel der italienischen Halbinsel, Nationalparks und Naturschutzgebiete in einer Dichte wie nirgendwo sonst in Italien. Ich durfte Wildkatzen, Fischottern, Steinadlern begegnen. In der Region leben auch Bären, Wölfe, Luchse, scheue Tiere, die Menschen aus dem Weg gehen. Meistens brauche ich nicht einmal zu teilen: In all den Jahren bin ich selten auf andere Wanderer gestoßen, nie auf lärmende Gruppen oder ihre Spuren – Müll, zertrampelte Pfad, Mützen, die an Zweigen baumeln, Picknicktische, Kioske. Die Abruzzen biedern sich nicht an und gehören darum sich selbst.

Ich folge einem der alten Hirtenwege, die den Campo Imperatore durchziehen. Insekten summen, ein leichter Sommerwind streichelt die Haut. In der Ferne bewegen sich im Zeitlupentempo weiße Punkte: eine weitere Schafherde. Ein kleiner See erstreckt sich neben mir, an einem Ufer weiden Kühe und Pferde. In der Ferne schimmern Maiella und Sirente, zwei Bergmassive. Die Katastrophe – im Frühjahr 2009 verwüstete das schlimmste Erdbeben Italiens seit fast 30 Jahren die Region – ist in der Natur nicht mehr zu spüren. In der Abruzzen-Hauptstadt L`Aquila klaffen jedoch noch Wunden in manchen Straßenzügen.

Meine Route führt vorbei an Mandelbäumen und Linsenfeldern abwärts zum Dorf Castel del Monte. Alte Steinhäuser klammern sich aneinander, überragt von Kirch- und Rathhausturm. Nach sechs Stunden in der Einsamkeit kommt mir der kleine Ort laut vor wie ein Schulhof zur Pause. In den Straßen knattern Motoren, in der Bar am Brunnen reden junge Männer lautstark aufeinander ein, in den Restaurants eilen Kellner von Tisch zu Tisch, Teller und Besteck klappern, Fernsehstimmen plappern, Kinder lachen. Ich betrete ein kleines Lebensmittelgeschäft. Es sperrt den Lärm aus, und der Pecorino hinter dem Glastresen verströmt seinen frischen Duft. Ich kaufe ein Stück – mein Gruß an Ruggero.

Christoph Hennig , Daniela Horvath

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