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Zuhause Meine Stadt: Washington, D. C.

Karte von Washington, D.C. in der NEON-Rubrik "Meine Stadt"
In der NEON-Rubrik "Meine Stadt" zeigen Menschen ihre Lieblingsorte
© Illustration: Jon Frickey
Am Regierungssitz der USA lernt man in Hotelbars etwas über Politik, isst Kuchen aus geschmolzenen Keksen und trinkt Craft Beer in Stadtbrauereien.

Meine Stadt: Emily Cushman über Washington, D.C.

Protokoll: Lara Wiedeking | Illustration: Jon Frickey 

„Nirgendwo sonst in Amerika kann man Politik so hautnah miterleben wie in Washington, D.C. Das geht besonders gut im Off the Record (1), der Bar des Hotels Hay-Adams direkt am Weißen Haus. Für die politische Elite der beste Platz, ,um gesehen, aber nicht gehört zu werden‘, so der Claim der Bar. Meistens beobachten und belauschen wir die Szenerie von der Theke aus. Jedes Mal wieder habe ich das Gefühl, direkt am Set der Serie ,House of Cards‘ gelandet zu sein. Ich arbeite bei einer Organisation, die Nachwuchspolitiker fördert, bin also auch Teil der riesigen Politikblase, die die Stadt umspannt. Wer in der Bar sitzen will, in der schon Abraham Lincoln, Mark Twain oder Walt Whitman ihre Drinks nahmen, geht in die Round Robin Bar (2) im Willard Hotel, eine der ältesten Bars downtown. Besonders lecker: der Seasonal Mint Julep. Guter Ort, um Intrigen und Gerüchtefetzen aufzuschnappen.

Der Spaziergang zum Weißen Haus (3), Kapitol (4) und zum Lincoln Memorial (5) ist ein Muss, für das man einen Tag einplanen sollte. Achtung: Wer die Regierungssitze von innen sehen möchte, muss seinen Pass mitnehmen. Vom Newseum (6), dem Medienmuseum um die Ecke, hat man einen großartigen Blick über die Stadt. Es kostet aber Eintritt (22,95 Dollar), deshalb gehen wir Washingtoner da eher nicht rein. Wir sind verwöhnt, da die neunzehn Museen der Smithsonian Institution (7) kostenlos sind. Dort sieht man alles von Luft- und Raumfahrtausstellungen bis hin zu Jonathan Yeos neuem Porträt von Kevin Spacey alias Frank Underwood (zu sehen bis Oktober 2016).

Die drei besten Restaurants in Washington

Zum Essen ist mir der politische Rummel zu anstrengend. Als bekennender Foodie teste ich Diners und Restaurants in der ganzen Stadt aus. Die folgenden weichen nie von meiner Top-3-Liste: Das Diner Ben's Chili Bowl (8) serviert sein berühmtes Chili und den Half-Smoke Chili Hot Dog in mehreren Niederlassungen, ich gehe immer in das Ur-Restaurant auf der U Street. In der kleinen Taqueria Habanero (9) esse ich Tacos mit Rinderzunge. Das sind, ungelogen, die besten Tacos der Stadt! Das Red Hen (10) im aufstrebenden Viertel Bloomingdale erinnert an ein Sonntagsrestaurant, bevölkert von hippen Berufsanfängern und Einheimischen. Für das Würstchenragout dort würde ich sterben.

Auch Washington wird langsam durchgentrifiziert, zum Beispiel im Stadtteil Capitol Hill (11), wo ich aufgewachsen bin. Hier kosten die Häuser inzwischen rund eine Million Dollar. Viele Familien mussten umziehen, jetzt leben hier Senatoren und Kongressabgeordnete. Trotzdem gibt es noch Ecken wie früher. Der Eastern Markt (12) ist nach wie vor einer meiner liebsten Orte in der Stadt. In der alten Halle von 1873 verkaufen Bauern aus dem Umland Gemüse, Käse und Fleisch. Am Wochenende suche ich auf dem Flohmarkt direkt daneben nach Landkarten oder Schallplatten und esse beim Market Lunch. Für den Crab Cake Benedict nehme ich gern die Stunde Schlangestehen in Kauf.

Tanzen im Wonderland Ballroom

Weil ich es nachbarschaftlich mag, bin ich ins gemütliche Viertel Columbia Heights (13) gezogen. Wenn ich mal nicht arbeiten muss, verabrede ich mich mit Freundinnen auf der Terrasse des Room 11 (14) zu Kaffee und Kuchen aus der eigenen Bäckerei, abends trinken hier alle Cocktails. Zum Ausgehen ziehen wir in den Wonderland Ballroom (15). Dort gibt es Fireball Whisky statt Schirmchendrinks, im ersten Stock tanzen die Leute zu Charts- und 80er-Musik. Das Wonderland ist eine Nachbarschaftsinstitution. Der Besitzer wohnt bei mir um die Ecke, mit seiner Tochter bin ich zur Schule gegangen. Wenn ich Columbia Heights verlasse, gehe ich auf ein Craft Beer in die Eckbar All Souls (16) in Shaw oder zu Brettspielen und Dosenbier ins Red Derby (17) downtown. In der Industriehalle 9:30 Club (18) treten Bands wie Nada Surf auf. Am Wochenende schließt fast alles um drei Uhr, sodass ich die Nacht meist auf einer Dachterrasse zu Ende gehen lasse.“

Zuhause: Meine Stadt: Washington, D. C.

EMILY CUSHMAN, 26,
versteht die lang anhaltende Cupcake-Euphorie in Washington nicht. Sie isst lieber bei Dangerously Delicious Pies (19) eine Baltimore Bomb, einen Kuchen aus geschmolzenen Keksen mit Vanille.

Hinkommen: Von den Flughäfen Dulles (20) und Baltimore (21) vorher ein Shuttle in die Stadt buchen.

Unterkommen: Entspanntes Boutiquehotel mit leckerem Frühstück: St. Gregory Hotel(22) (DZ ab 119 Dollar).

Rumkommen: Mit dem Zug nach Baltimore (23), wo die Serie „The Wire“ spielt. Am Hafen Crab Cake essen.

Bloß nicht: Alkohol an öffentlichen Plätzen trinken.

Unbedingt: Eine der Craft-Beer-Brauereien wie DC Brau (24) oder Right Proper Brewing (25) testen.

Einkaufen: Fiftieskleider bei Secondi (26).

Katerfrühstück: „Waffles & Chicken“ im DC Cafe The Highlands (27). Hilft wirklich!

Bester Ort zum Küssen: Meridian Hill Park (28).

Dieser Text ist in der Ausgabe 05/2016 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.


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