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Schottland: Reif für den Oscar

Die spektakuläre Landschaft von Schottland hat schon viele Regisseure dazu inspiriert, hier große Filme zu produzieren. Eine Reise zu den Drehorten ist ein unvergessliches Abenteuer - nicht nur für Cineasten.

Von Wolfgang Röhl

Knallrot, urbritannisch. Da also steht sie. Nicht an der Kaimauer wie im Film, sondern gegenüber dem "Pennan Inn". Etwas rostig, diese Ikone, halb erblindet ihre kleinen Scheiben. Funktioniert aber noch. Ein deutscher Althippie mit grauem Pferdeschwanz knipst die Telefonzelle, die vor 23 Jahren ein Kinostar war, steigt sodann in seinen BMW und braust samt Familie davon.

Viel zu sehen ist nicht in Pennan. Doch immer noch fallen Filmfreaks in das nach Salzluft und Tang duftende Fischernest an der schottischen Ostküste ein, das im Drehbuch Ferness hieß. Auch wegen dieses Fleckchens wurde Schottland eine Projektionsfläche für Ethno-Romantiker. Andererseits: Wäre "Local Hero" ohne Pennan und die Zelle ein Kultfilm geworden? No, Sir.

Was davon bis heute haften blieb, sind jene Szenen, in denen der junge MacIntyre seinen Boss Happer von der roten Zelle aus anruft und das Nordlicht beschreibt. Eingeprägt hat sich auch die Phalanx der weißen Fischerkaten, eingeschmiegt in den Schutz der roten Steilküste. Es war der ideale Drehplatz für den menschenfreundlichen Plot um einen Ölmagnaten, der ein schottisches Dorf plattmachen will. Bis er erkennt, dass dort das wahre Leben spielt. Netter Kitsch, unterfüttert mit urigen Landschaften und der unverwechselbaren Gitarre von Mark Knopfler.

Reiseführer für Set-Jetter

Wir machen Set-Jetting. Fahren auf unserer Schottlandrundfahrt Punkte an, die Kinofreunden heilig sind. Das ist mittlerweile eine feste Größe im Tourismusgeschäft. Es gibt sogar Reiseführer für Set-Jetters. Schottland ist gut dabei. Laut einer Liste des Fremdenverkehrsamtes sind seit Kriegsende mehr als hundert Filme ganz oder teilweise im Reich des Dudelsacks gedreht worden.

Nur 20 Fahrminuten vom Flughafen Edinburgh entfernt liegt die frischeste Location. Das verschnarchte Dorf Roslin wird von "Da Vinci Code"-Enthusiasten überrannt, seit der Gigaseller als Film herauskam. Tatsächlich verströmt die Kapelle aus dem Jahre 1446 im Innern ein symbolistisches Flair. Die im Film gestreiften Ornamente und Flachreliefs stellen Todsünden, gefallene Engel, Tempelritter, Freimaurer oder Heiden dar. Auffällig viele Italiener sind es, die sich hier für sieben Pfund Eintritt den gepflegten Klerikalgrusel geben. "Gothic" nennen die Briten diese Anmutung. Was nicht gotisch meint, sondern irgendwie gruftig.

Auch Edinburgh kann sehr gothic sein. Nicht während der Festivals im August, versteht sich, wenn die stolze, graue Steinstadt im Feuerwerk aus Film, Theater, Konzerten, Kunst und Comedy vibriert. Zum Gruseln sind dann höchstens die Mondpreise in den Hotels.

Wo Jack the Ripper sich wohlgefühlt hätte

Ab September aber schleicht sich zuverlässig jene Stimmung ein, die den in der schottischen Hauptstadt geborenen Robert Louis Stevenson zu seiner Erzählung "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" inspirierte, eine oft verfilmte Parabel auf menschliche Janusköpfigkeit. Klassiker ist die Version mit Spencer Tracy von 1941. Durch schmale, dunkle Gänge, Closes genannt, wo Jack the Ripper sich wohlgefühlt hätte, geleiten abends auf Horrorgeschichten spezialisierte Fremdenführer.

In Pubs wie "The White Hart Inn", das auf einer Tafel stolz anzeigt, hier hätten die Herren William Burke und William Hare 1928 ihr späteres Opfer ausgeguckt und dessen Leiche einem Doktor Knox verkauft, nimmt man hernach den Entspannungswhisky.

"Trainspotting"-Fans freilich erleben eine Enttäuschung. Das verkommene Hafenviertel Leith, wo 1996 Szenen der schrägen Junkie-Komödie gedreht wurden, ist heute ein aufgemotztes Szeneviertel. Nur die Princes Street und die Calton Road im Stadtzentrum, wo Ewan und Ewen am Filmanfang von Ladendetektiven verfolgt werden, sind als Schauplätze noch wiedererkennbar.

Uni für Prinzenkinder

Anderthalb Autostunden nordöstlich von Edinburgh liegt das Golfermekka St. Andrews, wo im Royal and Ancient Golf Club seit mehr als 100 Jahren die Regeln für den Lochsport festgesetzt werden. An der kleinsten und ältesten Uni Schottlands studiert Prinz William, und überhaupt legt der Ort Wert auf Klasse. Kein Zufall, dass die furiosen Eingangsszenen des Läuferdramas "Die Stunde des Siegers" an dem meilenlangen West Sands Beach gedreht wurden. Vier Oscars - unter anderem für die Musik von Vangelis - bekam der Streifen um edle britische Amateursportler. Der moralische Schinken von 1981 (Originaltitel: "Chariots of Fire") passt perfekt zu St. Andrews.

Und das Diashow-Schottland? Die Landschaften der Lochs und Glens und Bens, vor denen immer ein Kerl im Kilt steht, den Dudelsack an der Wange? Wo "Highlander" Christopher Lambert dem Feind aufs Haupt schlug? Wo "Braveheart" Mel Gibson das Breitschwert schwang? Gemach. Dauert ein bisschen, wenn man wie wir an jeder Whiskybrennerei anhält, jede Burg besichtigt, jedes Häfchen durchschnüffelt auf der Suche nach Buden, die gekochte Krebse oder Austern verkaufen. Schottland steckt voller Angebote. Einfach den braunen Schildern folgen, die Attraktionen anzeigen.

Der Garten ein Gedicht

Über sanfte Hügel und wogende Kornfelder geht es zu einer Preziose, die noch nie in einem großen Kinofilm war, nur in zwei Rosamunde-Pilcher-Fernsehschmonzetten. Dunrobin Castle bei Golspie ist unverschämt fotogen. Der kostbar möblierte Sitz der Herzöge von Sutherland ist das quintessenzielle schottische Schloss, der Garten ein Gedicht. Set-Jetter sollten es auf keinen Fall verpassen.

Die einspurige A837 mit ihren "passing lanes" (Weichen) führt in ein Schottland, wie man es sich vorstellt. Hohe, runde, karg bewachsene Berge. Weiße Farmhäuser auf sattem Wiesengrund. Flüsse, in denen sich Lachse tummeln. Und dann und wann eine rote Telefonzelle, wie von einem Filmteam vergessen. Hier oben gibt es die Roten noch. In anderen Teilen des Landes hat man sie längst durch langweilige Glasschachteln ersetzt.

Eine Schmalstraße weiter, auf der A 835 nach Ullapool, wird klar, warum die Website cloudappreciationsociety. com auf der Insel so beliebt ist. Wolken braucht das Land! Es bietet sich ein Spektakel aus Sonnenstrahlen und Wolkentürmen, das die Berge sprenkelt mit Schattenflecken. Purer Augenschmaus. Nach ein paar Tagen im Hochland ist der Kopf mit Bildern geladen wie ein Kamerachip.

Highlander" ein Höhepunkt schottischer Historie

Unter dräuenden Wolken wirkt auch Eilean Donan Castle an der A87 ("Straße zu den Inseln") am besten. Das meistgefilmte und -fotografierte Schloss Schottlands lieferte 1986 die Kulisse für den Hollywoodstreifen "Highlander". Später erschien es im Bond-Film "Die Welt ist nicht genug".

In "Highlander" wird auch ein Höhepunkt schottischer Historie verarbeitet, nämlich das Massaker des Campbell-Clans an der MacDonald-Sippe von 1692. Der Blockbuster festigte zum Entsetzen feinsinniger Schotten das Image ihrer Landsmänner als haudraufselige Hillbillies, beschert dem Land aber bis heute Zulauf. Alle fahren zum Eilean-Donan-Schloss und erfahren, wie herzlich der Earl of Moray dort anno 1331 empfangen wurde: "Als Freund strenger Disziplin hieß man ihn mit dem Anblick von 50 abgeschlagenen Köpfen willkommen." So muss Folklore sein.

Um Schottlands Riten, Sonderbarkeiten und Empfindlichkeiten zu verstehen, sollte man sich etwas Geschichte aneignen. Dazu abends Stevensons spannenden Roman "Entführt" lesen, der zur Hochzeit der englisch-schottischen Erbfeindschaft spielt. Anders wird nicht klar, was es mit dem Kult um Kilt und Dudelsack auf sich hat und warum Schottlands Nationalheld der Rebell William Wallace ist, den Hollywood zum "Braveheart" machte.

Der reinste Ritterschmöker

Sein Leben, der reinste Ritterschmöker (Mord und Totschlag, glorreicher Sieg, schmählicher Verrat und peinvolle Vierteilung inbegriffen), schrie nach Verfilmung. Der Engländerhasser Gibson (Titelrolle, Regie, Produktion) kassierte dafür 1996 fünf Oscars. Außer einem neuerlichen Besucherschub löste der Film auch eine patriotische Welle aus. Sie stärkte die schottische Nationalpartei und beschleunigte so die Einrichtung eines autonomen Parlaments.

Ja, sie halten Traditionen hoch, diese Schotten. Im Guten wie im nicht so Guten. Um mit Letzterem zu beginnen: Von jeher bedürfen schottische Unterkünfte und Mahlzeiten der Gewöhnung. Zum Beispiel Zimmer 17 im "Lovat Arms Hotel" von Fort Augustus. Eine Besenkammer mit durchgelegener Matratze, das Waschbecken in Spucknapfformat. Im Bonsai-Bad vermag sich ein Erwachsener nur kauernd zu duschen, dafür sorgt der kurze Duschschlauch. Die Nasszelle ist mit dicker Teppichware ausgelegt; eine im ganzen Land verbreitete Marotte. Und dafür 60 Pfund, immerhin knapp 90 Euro? Kühn kalkuliert, ist aber den Wirtsleuten nicht zu verdenken. Fort Augustus liegt hübsch an einer Kanalschleuse zum Touristenmagneten Loch Ness. "Im Juni, Juli und August ist das Hotel immer voll", lächelt der freundliche Rezeptionist durch seine Zahnlücken.

Und dann - arrrggghh - die Küche! Schweigen wir vom Nationalgericht Haggis (gehackte Innereien, Zwiebeln, Nierenfett und Hafermehl stundenlang im Schafsmagen gekocht). Auch von den fetttriefenden Chips, die zum - durchweg leckeren - Fisch gereicht werden. Dass das Steak manchmal wie Torf schmeckt - geschenkt. Eine Gegend, in der Kinder frittierte Mars-Riegel essen, ist kulinarisch verloren. Selbst diese Burgerläden mit dem urschottischen Namen wären hier eine Bereicherung.

Clans zum glücklosen Aufstand

Alles vergessen, kommt man ans Glenfinnan Monument. Der Turm erinnert an den Thronanwärter Bonnie Prince Charlie, der 1745 die schottischen Clans zum glücklosen Aufstand gegen die Engländer einte. Im August sammeln sich hier anlässlich der Highland Games Dudelsackspieler. In Mengen gespielt, gibt der Dudelsack zu erkennen, was er eigentlich ist: ein Kriegsinstrument, geeignet, den Gegner in helle Panik zu versetzen. Vielleicht verboten ihn die englischen Besatzer deshalb, und möglicherweise ist das der Grund, warum die Schotten so an ihm kleben. Einen anderen Grund vermögen kontinentale Ohren nicht auszumachen.

Der herrliche Platz am Loch Shiel taucht in gleich zwei "Harry Potter"-Streifen auf. Vor grandioser Bergszenerie führt die Bahnlinie Glasgow-Mallaig über das lange Glenfinnan-Viadukt. Drüber dampft der Hogwarts Express, der Harry ins Zauberinternat bringt.

Ja, Filmer wissen, wo es schön ist. "Braveheart" zum Beispiel wurde unter anderem im Schatten von Ben Nevis gedreht, Schottlands imposantestem Berg. Ferner im nahen Tal Glen Coe, wo eine Ringstraße um das pittoreske Loch Leven führt. Die Drehorte um Fort William sind mit allem, was Bildband-Schottland ausmacht, üppig ausgestattet. Kein Wunder, dass dort schon eine Reihe von Filmen entstand, darunter mehrere "Highlander"-Folgen.

Noch 'ne Burg gefällig?

Eine Bucht fürs Fotoalbum? Am Loch Craignish nahe Crinan drehten sie die wilde Bootsverfolgungsjagd für "Liebesgrüße aus Moskau". Die Stromschnellen von Dochart in Killin waren im Bond-Streifen "Casino Royale" zu sehen und in Hitchcocks Thriller-Remake "Die 39 Stufen". Noch 'ne Burg gefällig? Keine ist burgiger als Doune Castle bei Stirling, ein Gemäuer aus dem 14. Jahrhundert, in dem Monty Pythons Brachialkomiker "Die Ritter der Kokosnuss" mimten.

Und über allem "Braveheart", the Movie. Der Film, der schottische Geschichte schrieb. Um den Mythos zu begreifen, muss man das Denkmal des echten "Guardian of Scotland" in Stirling besteigen. Das Heldenleben des Wallace wird da liebevoll inszeniert. Brüllt ein langhaariger Wallace-Darsteller mit Breitschwert zur Gaudi der Zuschauer: "Wenn die englischen Adligen mir nicht die Treue schwören - tötet sie!" Riesenapplaus.

Abends in einem halb leeren Pub in Stirling. Kneipen müssen um ihr Überleben kämpfen, seit die EU sie zwingt, den Gästen das Rauchen zu verbieten. In der Nähe spannte sich weiland die Bogenbrücke, auf welcher der furchtlose Krieger Wallace das englische Heer zurückschlug.

Seine Nachkommen sind vor den Gesundheitsaposteln im fernen Brüssel widerstandslos eingeknickt. Nichts von Braveheart gelernt. Er würde sie verachten. Solche Weicheier bekommen keinen Oscar.

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