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Segeln: Ganz nah am Wasser gebaut

Natürlich kann man auch durch Oberbayern wandern, durchs Sauerland radeln. Aber die schönste Art, sportlich zu verreisen, ist das Segeln in der Dänischen Südsee. Das behauptet zumindest unser Autor. Seine Tour mit einer kleinen Yacht entführte ihn in eine exotische Welt der stillen Inseln, glasklaren Gewässer und urigen Häfen

Das Barometer zeigt 997 Hektopascal, Tiefdruck, Tendenz fallend. Die Windvorhersage hat West fünf bis sechs gemeldet, Tendenz steigend. Schon jetzt hält das Wetter ein nettes Gebräu parat: Schwarze Wolken schieben sich über die dänische Ostsee, vor Ærø rollen anderthalb Meter hohe Wellen, das Meer grau wie Schiefer. Es pfeift. "Setz dich hoch auf die Kante!"
"Wie, raus aus dem Cockpit?"
"Auf die Süllleiste, auf den Rand da oben. Wir müssen das Schiff aufrechter bringen, sonst halten wir den Kurs nicht." Tina, Schwimmweste an, Seehose an, klatschnasse Haare, turnt wacker aus dem engen Cockpit und kauert sich auf die Luvkante des Boots, ganz nach außen an Deck. Patsch! Schon wieder kriegt sie eine Ladung Gischt ins Gesicht. Tina ist eine Freundin aus der Stadt. Wollte mal raus, eine Woche mitsegeln. Sommer, Sonne, braun werden. Tja. Wir laufen hoch am Wind, das Boot krängt, liegt mit 30 Grad auf der Seite. In Nordnordost peilen wir den Leuchtturm von Skjoldnæs. Schön sieht er aus durch das wackelnde Fernglas. Von Tropfen verschwommen, wie eine Rakete, die im Seegang hoch- und runterschießt. Da müssen wir rum. Gleich dahinter wartet die so genannte dänische Südsee, Dutzende Inselchen, gemütliche Häfen - eines der schönsten Segelreviere der Welt. "Setz dich noch höher! Halt dich an der Winschkurbel fest und lehn dich raus." "Und wenn das Boot umkippt?!" "Das kentert nicht. Der Kiel wiegt über eine Tonne. Mehr als dein Smart." Paff! Der letzte Satz wird von einem Schwall Wasser mitgerissen. Die Ostsee ist tückisch. Im Kleinen Belt läuft eine Strömung gegenan, macht die Welle kurz und steil. Dabei aufzukreuzen kann sportlich werden - vor allem wenn man in einem kleinen Boot sitzt wie diesem. Voraus kommen zwei große Yachten auf uns zu, der "Blaue Schwan" und "Fair Lady". Freunde alter Holzboote nennen solche modernen Schiffe "Plastikeimer" oder "Joghurtbecher". Weil sie vom Fließband kommen, ausladende Badehecks mit Leiter und Süßwasserdusche haben und Windschutzscheiben vorm Cockpit. Auf unserem kleinen Folkeboot dagegen, gebaut 1949, fliegt uns das Meer um die Ohren. Bei den Wenden knattern die Segel, Gischt spritzt, wir müssen die Köpfe einziehen, uns mit den Beinen gegen die Schotten stemmen und die Segel per Hand dichtholen. Die ganze Welt schlingert und schwankt. Es ist ein schlichter Bootstyp und nicht mehr ganz jung. Als die Deutschen in den 30er Jahren den Volkswagen entwickelten, feilten die Skandinavier an einem seetauglichen Gegenstück: dem Folkeboot. Es sollte erschwinglich sein, schön, sicher, schnell und Eltern mit zwei Kindern genügend Platz bieten, ihr Land auf dem Meer zu bereisen. 1940 gingen mehr als 50 Vorschläge von nordischen Bootsbauern ein. Die besten Konstruktionsideen wurden vereint, und so segelt der flotte Klassiker seit nunmehr gut 60 Jahren über die Meere. Einige der Originale aus Eiche, Lärche oder Kiefer sind noch heute unterwegs. Seit 1976 werden die "Folkes" aus Kunststoff nachgebaut. Millimetergenau.

Wir haben keine Toilette an Bord, keine Dusche, keinen Salon, keinen Kühlschrank, null Firlefanz. Nur 7,64 Meter Holz, eine kleine Kajüte, ein schlanker, flacher Rumpf, zwei Segel und ein zehn Meter hoher Mast. Pures Segeln. Der Wind nimmt zu. Wir müssen die Segel geschickt trimmen, aufpassen, dass der Druck das Boot nicht noch weiter auf die Seite legt. Längst rollt die Thermoskanne durchs Cockpit, in Luv sieht man, wie sich das Unterwasserschiff aus den Wellen hebt und das Meer schäumend am Rumpf vorbeizieht. "Wie lange dauert es noch?", schreit Tina in den Wind und leckt sich die Salzkruste von den Lippen. Nix Badequeen. "Zwei Stunden, dann ankern wir." "Was? Wir ankern? Ich denk, wir fahren in einen Hafen!" "Viel zu voll bei dem Wetter. Aber es gibt eine schöne, geschützte Bucht."
"Und wenn ich mal muss?" "Dann hast du drei Möglichkeiten. Durchhalten. Ins Wasser springen. Oder die Pütz." Die Pütz ist ein kleiner Eimer, an dem ein dicker Tampen befestigt ist. Mit diesem Eimer schöpft man Seewasser, um das Boot zu reinigen. Oder man pinkelt eben in ihn rein. Wikinger-Style. Tina schweigt in den Sturm und lehnt sich tapfer in den Wind. Seefest, die Frau. Einem Freund, der bei solch einem Wetter mal mitfuhr, spritzte nach zwei Stunden das Frühstück aus dem Gesicht. Kurz hinter dem Leuchtturm gehen wir auf Vorwindkurs, das Boot zischt mit sechs Knoten ostwärts - und dann öffnet sich die dänische Südsee. Kleine Inseln liegen platt auf dem Horizont verstreut, Lyø, Avernakø, Drejø; blonde Streifen, die aus dem dunklen Meer lugen. Sechs Seemeilen weiter bergen wir die Segel. Bei dem Geschwanke jetzt vorn auf den Bug zu gehen ist nichts für Wankelmütige. Wer stolpert, geht über Bord, eine Reling gibt es nämlich nicht. Das Boot stampft in den Wellen, die Segel zerren und schlagen. Jetzt nur schnell runter damit! Linkes Bein verdrehen, um Halt zu finden, Arme gestreckt nach oben, ziehen, am Mast festkrallen, sich bäuchlings über den Baum legen, damit das Großsegel nicht verweht, festlaschen und dann im Entengang zurück ins Cockpit. Solche Manöver halten einen gelenkig. Yoga zur See. Die Bucht im Süden von Avernakø liegt in der Abdeckung, ohne Böen, ohne Seegang. Der Anker pflügt durch Seegras, bis er sich im Sand vergräbt. Plötzlich Ruhe. Das Boot dümpelt gemütlich vor sich hin, am Strand sitzen ein paar Dänen und grillen. Frieden nach stundenlangem Fahrstuhlfahren.

Erschöpft schälen wir uns aus den klammen Klamotten. Unten in der Kajüte brennt die Petroleumlampe, das Mahagoni der niedrigen Decke wärmt die Augen, unter den beiden Kojen lagern Bootsschuhe, Werkzeug, Weinflaschen und Rum. Alles auf engstem Raum. Ganz leicht wiegt das Boot im Wasser, die Ankerleine schickt ein träges Knatschen durch den Rumpf, untermalt von leisem Plätschern. Das Gutenachtlied des Meeres. Über Nacht ist der Sturm verflogen, der nächste Morgen unverschämt schön. Vier Windstärken aus Süd, die Luft warm und seidig, dazu Pfirsichhimmel und 20 Grad. Es ist sieben Uhr morgens, es ist Sommer. So ein kleines Boot hat einen großen Vorteil. Man schmeißt den Außenborder an, fährt raus und setzt die Segel. Fertig. Das dauert genau fünf Minuten, dann nimmt man einen großen Schluck Wind und segelt los. Aufs offene Meer. An Backbord und Steuerbord ziehen bald die Inseln Drejø, Skarø und die Südküste Fünens vorbei. Verschlafene Stückchen Erde im Meer, auf dem die Sonne tanzt. Zum Frühstück gibt's starken Kaffee, dazu den Wetterbericht, einen Blick auf die Seekarten, auf den Kompass, die Wolken. Das Boot läuft gut, 110 Grad, östlicher Kurs. Man könnte jetzt überall hinsegeln. Mit fünf Knoten in die Ewigkeit. Die Ostsee im südlichen Dänemark ist wie geschaffen, um mit kleinen Schiffen auf Entdeckertour zu gehen. 70 Seemeilen nach Osten und 80 nach Norden breitet sich das Seegebiet um Fünen aus, bis an die Westküste Seelands und hoch bis zum Kattegat. Dänemark ist Wasserland, eine maritime Spielwiese. Mitten im Meer kommt plötzlich gewaltiges Gekreische auf. Wir fahren nahe an einer Sandbank vorbei, einem winzigen Eiland, auf dem nur Vögel leben. Eine Riesenwolke flattert hektisch über unseren Köpfen. Das Wasser wird immer grüner und durchsichtiger, man könnte glatt meinen, durch die Malediven zu schippern. Fehlen nur noch die Palmen. In den nächsten Tagen macht die Ostsee wirklich auf Tropen. Die Tiefdruckgebiete haben sich verzogen, die Sonne sengt vom Himmel, und spätestens um zehn Uhr muss man sich einen Eimer Meer über den Kopf kippen. Wir lassen Langeland rechts liegen, passieren Omø, Femø und das Småland-Fahrwasser, eine riesige Bucht, wie aus Silber dahingegossen. Und irgendwann, nach acht, neun Stunden auf See, kommt auf einmal so ein merkwürdiger Rhythmus auf. Ein Gefühl aus Schwanken und Rollen, aus Himmel und Luft und Konzentration und noch einigen anderen unergründlichen Dingen, etwas, das es nicht beim Autofahren gibt, nicht beim Fliegen und nicht beim Schwimmen. Wenn einen dieses Gefühl übermannt, ist es ratsam, sich bald ein Ziel zu setzen. Sonst segelt man womöglich immer weiter. Durch die Nacht und die nächsten Tage, bis hoch nach Norwegen, ins Polarmeer oder sonstwohin. Das Boot zieht nach Norden, die Segel blähen sich müde in der Brise. Tina brät an Deck, rechte Hand durchs Wasser schleifend, als plötzlich zwei Delfine auftauchen. "Hier, nimm das Nebelhorn und tröte mal ins Meer, das lockt sie an."

Tina lehnt sich über die Bordkante, Haare im Wasser, und trompetet mit vollen Wangen in die See. Ein Delfin kommt tatsächlich ganz nahe heran. Wir können seine Rückenflosse sehen, das Atemloch, seinen schlanken, grauen Körper. Längst sind wir weit draußen auf dem Großen Belt, nördlich von Fünen, als die Ostsee plötzlich zu zürnen beginnt. Das Barometer geht in den Sturzflug, das Radio knistert, und schon ist eine Wand dunkler Wolken im Anmarsch. "Was machen wir jetzt?", fragt Tina. "Regenjacken anziehen. Und wenn der Wind zu stark wird, nehmen wir die Segel einfach runter." Das Gewitter zieht blitzschnell heran. Zehn Minuten später peitschen Stricke vom Himmel, der Wind heult in den Wanten, und das Meer wird grau und gruselig wie auf einem alten Ölschinken. Die Luft riecht nach Salz und See, wir drehen auf Vorwindkurs, bergen die Segel, lassen uns vom Sturm schieben. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Die Front zieht ab, der Himmel klart auf. Plötzlich liegt das Boot bewegungslos im bleiern glatten Wasser. Totenstill ist es, und die Ostsee hebt und senkt sich nur ganz leicht, als trieben wir auf dem Brustkorb eines friedlich schlafenden Riesen. Flaute. Wir werfen den Motor an und tuckern gemächlich weiter, bis nach Tun¿, einer kleinen Insel vor der Ostküste Jütlands, mit einem der schönsten Häfen der Gegend. Am frühen Abend kommt der Leuchtturm in Sicht, direkt neben der Kirche. Ein winziges Dorf gibt es, einen Kaufmannsladen, ein paar Felder, eine Lagune. Im Hafen liegen einige erhabene Yachten, als wir unser kleines Boot am Steg vertäuen. Auf der Steinmole sitzen Angler, die Sonne sinkt, und der Hafenmeister kommt krummbeinig ans Schiff und steckt die Liegegebühr in seine lederne Bauchkasse. Komisch fühlt's sich an, nach drei Tagen auf See wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Als Tina über den Steg zu den Duschen geht, könnte man vom Boot aus meinen, sie torkelte schnurstracks in die Kirche. Sieht glücklich aus, das Stadtmädchen. Im Abendlicht. Im Wind. Im Rum.

Marc Bielefeld / print

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