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Sevilla: Unterwegs mit Carmen

Der Legende nach eroberte die heißblütige Zigeunerin Carmen in Sevilla manch Männerherz - nun wandelt eine Belgierin auf ihren Pfaden und führt Touristen an die Schauplätze dieser tragischen Liebesgeschichte.

Über dem Barrio Santa Cruz hängt der Duft von Orangen. Zahllose Apfelsinenbäume säumen die engen Straßenzüge dieses labyrinthartigen, quirligen Viertels von Sevilla. Auf den kleinenversteckten Plätzen des historischen Kerns genießen Einheimische und Besucher den "natural", den frisch gepressten Orangensaft, zum ihrem Cafe con leche. Hier, im einstigen jüdischen Viertel der andalusischen Hauptstadt, wird der Besucher von Sevillas Charme umgarnt. Vor schneeweiß gekalkten Hausfassaden prangen gusseiserne Balkone, geschmückt mit bunten Blumentöpfen. Prächtige, im maurischen Stil geflieste Innenhöfe, laden zum Verweilen, und konkurrieren mit den vielen Tapas-Bars der Stadt. Doch was wäre Sevilla ohne Carmen? Johanna schlüpft in einen langen Lagenrock und passende Bluse, hängt sich eine Holzkette um und verwandelt sich von der gebürtigen Belgierin in die rassige Zigeunerin. Fehlt nur noch die Habanera auf den Lippen. Mythen, Legenden und herzzerreißende Opernabende ranken sich um die leidenschaftliche Carmen, die um 1820 den Männern in Sevilla den Kopf verdreht haben soll. "Es war eine seltsame und wilde Schönheit, ein Gesicht, das anfangs erstaunte, das man aber nicht vergessen konnte",schreibt Prosper Merimee in seiner Novelle "Carmen", die durch die Opernfassung von Georges Bizet zum Welterfolg wurde.

Widerspenstige Verführerin

Ob es die Männer meuchelnde Carmen je gab, Johanna zuckt mit den Schultern und führt ihre Gruppe in charmantem Englisch kreuz und quer durch die Stadt zu den Schauplätzen der Geschichte: in die imposante alte Tabakfabrik, die heute die Universität beherbergt und in die Stierkampfarena Plaza de Toros de la Maestranza, wo die Schönheit ihr tragisches Ende fand. Am Ufer des Guadalquivir gegenüber der Arena steht heute eine trotzige Carmen-Skulptur, um an die Unbeugsame zu erinnern. "Carmen stirbt für die Liebe, das finde ich romantisch", sagt ihre Doppelgängerin Johanna.Am späten Nachmittag wartet Johanna vor den maurischen Mauern des Real Alcázar, der an einen Königspalast aus 1001 Nacht erinnert. Dort zelebriert sie Carmens Auferstehung: Kutscher grüßen sie schon lachend mit "Hola Carmen", doch noch ist Johanna ist eine Art Geheimtipp. Kleine Zettel an den Laternenpfählen rund um die mächtige Kathedrale und die alles überragende Giralda, dem minarettartigen 80 Meter hohen Glockenturm und zugleich Wahrzeichen Sevillas, werben für ihre erlebnisreiche Mischung aus Stadtführung und Kultur-Tour.

Geburtsort des Flamenco

Wer an Sevilla denkt, denkt auch an den Flamenco. Die Stadt ist der Geburtsort des ausdrucksstarken, leidenschaftlichen Tanzes und dies wird nach wie vor in Andalusiens Hauptstadt groß geschrieben. In unscheinbaren Hinterhofschulen trainieren kleine Mädchen für den großen Traum von der Bühne. Die Touristen erleben den feurigen Tanz dagegen in den Tablaos, zum Beispiel dem "Los Gallos" an der Plaza Santa Cruz, das zu den renommiertesten Flamencolokalen zählt. Selbst arrivierte Tänzerinnen wie Trinidad Artiguez, die als umjubelte Solistin erfolgreich mit dem Ballet Teatro Espanol de Rafael Aguilar durchEuropa tourt, kann man hier mit Glück ab und an im Publikum erblicken.Sevilla lässt sich problemlos zu Fuß erkunden. Vorbei am maurischen Befestigungsturm Torre del Oro und dem Palast Casa de Pilatos, Spuren der maurisch-römischen Geschichte, sollte der Weg unbedingt zum Stolz der Spanier in den Parque de Maria Luisa führen. Unweit der Universität eröffnet sich der Blick auf die Plaza de Espana, wenngleich der Begriff Platz für dieses gigantische Bauwerk untertrieben ist. 1929 zur Weltausstellung von Anibal Gonzalez geschaffen, erzählt diese Plaza von Spanien und seinen 52 Provinzen. In aufwändigen Kachelmalereien sind sie im Halbkreis im Gemäuer eingearbeitet.

Corinna Laubach / DDP / DDP
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