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stern-Reportage

Beliebte Mittelmeerinsel: Wie Capri mit dem Touristenansturm kämpft

Die Insel Capri versinkt im Ansturm der Touristen. Ist das ein Fluch oder ein Segen? Zwei Bürgermeister streiten darüber, wo Gastfreundschaft aufhört und Selbstschutz beginnt.

Von Steffen Gassel

Touristenansturm auf Capri: Ist das ein Fluch oder ein Segen?

Auf ins Getümmel! Besucher warten mitunter dreieinhalb Stunden, bis eines der kleinen Boote frei ist, mit denen sie zur Blauen Grotte gelangen – wenn sie denn durchkommen.

Das vielleicht schönste Nadelöhr der Welt ist ein Felsloch von circa eineinhalb Meter Höhe und Breite. Wer hindurchwill, darf weder ungelenk noch wasserscheu sein. Das war schon immer so. Diesen Sommer aber ist am Eingang zur berühmten "Grotta Azzurra", der Blauen Grotte an der Nordwestküste , noch eine weitere Eigenschaft gefragt: Geduld. Mitunter viel davon.

"An manchen Tagen wollen 2000 Leute hinein", sagt Vinicio, einer der braun gebrannten Bootsleute, die Touristen im günstigen Moment zwischen zwei Wellen unter "O sole mio"-Gesängen durch den Felsspalt ins Innere der Grotte mit ihrem magisch blau schimmernden Wasser schleusen. Höchstens vier Passagiere kann jeder Ruderer pro Fahrt an Bord nehmen, nur bis zu 17 der flachen Nussschalen dürfen gleichzeitig hinein. Gerade vormittags stauen sich die großen Ausflugsboote zu Dutzenden vor dem Eingang, jedes besetzt mit 20 oder 30 Passagieren, die alle in eines der Grottenschiffchen umsteigen wollen. "Manchmal vergehen dreieinhalb Stunden, bis die Leute dran sind", sagt Vinicio. "Und das in dieser Hitze."

Fast kein Tag ohne neue Berichte über Demonstrationen gegen die Invasion der Urlauber

L'affollamento – der Andrang: So nennen sie in Italien das Phänomen, mit dem in diesem Sommer viele gefragte Ferienziele in Südeuropa zu kämpfen haben. Von Capri bis Dubrovnik, von Venedig bis Barcelona, von Mallorca bis San Sebastián bringt die schiere Zahl an Touristen die Urlaubszentren an den Rand des Kollapses. Mancherorts regt sich inzwischen Widerstand. Fast kein Tag ohne neue Berichte über Demonstrationen gegen die Invasion der Urlauber. In Barcelona attackierten maskierte Anti- -Aktivisten kurzzeitig einen voll besetzten Reisebus. Die Insassen dachten im ersten Schreck, sie wären Ziel eines Terroranschlags. "Tourismophobie", so der britische "Guardian", "wird zum Trend des Sommers."

Die kleinen Linienbusse zwischen Capri und Anacapri sind meist überfüllt – "completo"

Die kleinen Linienbusse zwischen Capri und Anacapri sind meist überfüllt – "completo"

Auf Capri, wo der Mittelmeer-Tourismus im 19. Jahrhundert gewissermaßen erfunden worden ist, hat l'affollamento zu einem Zerwürfnis ganz eigener Art geführt. Hier wird der Verdrängungswettbewerb zwischen den knapp 15.000 Einwohnern und den 45.000 Besuchern, die zu Spitzenzeiten die Insel pro Wochenende heimsuchen, überlagert vom Zwist der beiden höchsten Staatsdiener: Giovanni De Martino, 64, Bürgermeister von Capri, dem mondänen Hauptort oberhalb des Hafens, und Francesco Cerrotta, 64, Bürgermeister von Anacapri im hügeligen Hinterland der Insel.

Willkommen: Die Marina Grande von Capri empfängt täglich bis zu 15.000 Besucher, die mit Fähren vom Festland her anreisen

Willkommen: Die Marina Grande von Capri empfängt täglich bis zu 15.000 Besucher, die mit Fähren vom Festland her anreisen

"Was gerade passiert, ist ein Schaden für Capri, kein Gewinn", sagt Bürgermeister De Martino vor der Villa Lysis, dem prachtvollen Jugendstilbau auf einem Felsvorsprung hoch über der Marina Grande, wo täglich mit Fähren aus und Sorrent Abertausende Ausflügler anlanden. "Die Masse an Touristen verhindert, dass man die Schönheit der Insel noch wahrnehmen kann. Wir fühlen uns völlig überrannt."

Sein Amtskollege aus Anacapri klingt, als lebte er auf einer anderen Insel: "Es kann uns nur freuen, wenn mehr Touristen kommen", sagt Bürgermeister Cerrotta in seinem klimatisierten Büro auf der anderen Seite des Monte Solaro, dessen schroffer Grat Capri in zwei Hälften zerschneidet. "Capri ist zum Tourismus berufen. Diese Insel gehört der ganzen Welt."

Attraktion Nummer eins: die berühmte Blaue Grotte, deren sandiger Grund das Sonnenlicht in die Meereshöhle hineinreflektiert

Attraktion Nummer eins: die berühmte Blaue Grotte, deren sandiger Grund das Sonnenlicht in die Meereshöhle hineinreflektiert

Die beiden Amtsträger sind Cousins. Cerrottas Mutter war die Schwester von De Martinos Vater. Doch das scheint das Verhältnis der beiden nicht einfacher zu machen. Womöglich, weil die beiden Sindaci ganz unterschiedliche Typen sind: De Martino, ein adretter Bauingenieur, vor drei Jahren im Hauptort Capri als Technokrat ins Bürgermeisteramt gewählt; Cerrotta, ein Patriarch in Slippern mit Kettchen am Handgelenk und über die Hose fallendem Hemd, der sein Amt seit 1995 bekleidet und dem die Insulaner den Beinamen "Der Prinz von Anacapri" verpasst haben. Der Bauingenieur De Martino fasst ihr Verhältnis so zusammen: "Ja, wir sind Cousins. Aber zuerst einmal sind wir Vertreter zweier Institutionen." Allein das scheint manchmal eine Zumutung zu sein.

"Wir brechen jegliche institutionelle Beziehung zur Gemeinde Capri ab"

Mit Schrecken erinnert man sich auf Capri an den Eklat des vergangenen Sommers. Er begann mit einem Satz wie eine Kriegserklärung. "Wir brechen jegliche institutionelle Beziehung zur Gemeinde Capri ab." Nach einer Notsitzung seines Kommunalrats ließ Bürgermeister Cerrotta diese Worte auf dem offiziellen Briefpapier der Gemeinde Anacapri verbreiten. Der "Corriere del Mezzogiorno" aus dem nahen Neapel schrieb von einer "Sezession, die in die Geschichte Capris eingehen wird". Das passende Schlagwort lieferte die Zeitung auch gleich dazu: Anacaprexit.

Auflauf: Vor dem "Municipio", der Stadtverwaltung von Capri, flanieren blasse Touristen

Auflauf: Vor dem "Municipio", der Stadtverwaltung von Capri, flanieren blasse Touristen

Auslöser der Krise war ein Dekret von Cerrottas Capreser Cousin gewesen. Mit "Ordinanza Nr. 65" vom 15. Juni hatte der verfügt, dass Touristenbusse die schmale Serpentinenstraße zwischen Inselhafen und Anacapri nur noch eingeschränkt benutzen durften, damit der Güterverkehr zweimal am Tag ungehindert passieren könne.

Touristen suchen Schatten im Zentrum Capris

Touristen suchen Schatten im Zentrum Capris

"Eine Blockade", echauffiert sich Cerrotta noch heute. "Der hat einfach per Dekret den Zugang nach Anacapri beschränkt. Auf der einzigen Verbindungsstraße zum Hafen. Und ohne uns zu fragen." Die Eiszeit zwischen den Nachbargemeinden währte drei Monate, mitten im Hochsommer. Erst als der Präfekt aus Neapel die beiden Streithähne aufs Festland vorlud, reichten die sich die Hände und versprachen, den Inselfrieden wiederherzustellen.

Ausgespuckt: 500 bis 600 Touristen entlädt jede voll besetzte Fähre, die an der Hafenmole anlegt

Ausgespuckt: 500 bis 600 Touristen entlädt jede voll besetzte Fähre, die an der Hafenmole anlegt

Doch der scheint weiter in Gefahr. Zwar ist die umstrittene Ordinanza aus Capri inzwischen ausgelaufen. Um die Straßen zu entlasten, ist der Güterverkehr einvernehmlich auf die Nachtstunden verlegt worden. Aber die Ansichten der beiden Bürgermeister sind heute so verschieden wie vor ihrem damaligen Zusammenstoß. Und der Ansturm der Touristen wird nur größer. Von den Besuchern reisen 90 Prozent als Tagestouristen an, viele werden von Großveranstaltern und Kreuzfahrtlinien über die Insel geschleust.

Auf die elegante Tour: Ein Cabrio-Taxi wie dieses nimmt 20 Euro für die kurze Fahrt vom Hafen ins Zentrum Capris

Auf die elegante Tour: Ein Cabrio-Taxi wie dieses nimmt 20 Euro für die kurze Fahrt vom Hafen ins Zentrum Capris

Man muss gar nicht hinaus bis zur Blauen Grotte schippern, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welchem Druck die kleine Insel jetzt, in der Hauptsaison, ausgesetzt ist. Es reicht, sich an einem beliebigen Morgen in eines der Cafés an der Hafenmole zu setzen, einen Sieben-Euro-Cappuccino zu bestellen und abzuwarten. Zwischen neun und elf Uhr macht alle paar Minuten eine neue Fähre fest und entlädt ihre menschliche Fracht auf die Kaipromenade. Gut 500 Passagiere können die meisten der Fähren befördern. Der "Funicolare", die charmante alte Standseilbahn, die den steilen Hügel vom Hafen bis zur Piazza von Capri hinauffährt, schafft 85 Menschen – alle 15 Minuten. Und so heißt es für viele Touristen: hinten anstellen. Zu den Stoßzeiten am Vor- und Nachmittag warten viele eine Stunde oder länger in der prallen Sonne vor den Drehkreuzen am Bahnsteig. Glücklich, wer wie eine asiatische Touristin einen Handventilator dabeihat, um sich die Achseln zu belüften.

Alle paar Minuten lockt das Bimmeln einen Besucher aus der Herde heraus und in Aiellos Geschäft

"Abbastanza" – reichlich! So beschreibt Paola Aiello den Touristenstrom in diesem Sommer. Rote Lippen, schwarzer Minirock, spiegelnde Sonnenbrille in Marmoroptik: So steht die 30-Jährige vor ihrem Souvenirladen am Hafen, immer ein Glöckchen aus Terrakotta in der Hand. Alle paar Minuten lockt das Bimmeln einen der vorbeiströmenden Besucher aus der Herde heraus und in Aiellos Geschäft. 1500 bis 2000 Euro pro Tag setze sie mit den klingenden Andenken um, erzählt die junge Frau. Entsprechend gelassen sieht sie den Andrang. "Touristen bedeuten Wohlstand für die Insel." Die liebsten Kunden seien ihr die Americani. "Die Deutschen kaufen nichts, die sitzen nur in der Bar und trinken Bier."

Am Hafen macht Händlerin Paola Aiello mit den Touristen gute Geschäfte

Am Hafen macht Händlerin Paola Aiello mit den Touristen gute Geschäfte

Wenn das nur alle täten, würde Capris Bürgermeister Giovanni De Martino ihr entgegnen. Sein Amtssitz liegt direkt an der Piazza von Capri, wo die Standseilbahn vom Hafen endet. Wenn er aus dem Fenster im ersten Stock hinüber zur Kirche des Heiligen Stefan auf der anderen Seite des Stadtplatzes schaut, eröffnet sich ihm meist der Ausblick auf mampfende Touristen mit Lunchpaketen, die sich in solchen Scharen auf der Kirchentreppe niedergelassen haben, dass an ein Durchkommen nicht zu denken ist. "Viele", sagt De Martino, "kaufen auf Capri nicht einmal ein Brötchen."

Nichts geht mehr: Am Eingang der Standseilbahn vom Hafen in die Stadt drängen sich Besucher

Nichts geht mehr: Am Eingang der Standseilbahn vom Hafen in die Stadt drängen sich Besucher

Zwar haben verärgerte Anwohner begonnen, aus Gießkannen Wasser auf die Stufen zu schütten, damit niemand mehr auf die Idee kommt, sich dort hinzusetzen. Bei Temperaturen um die 35 Grad ist das Nass aber schneller verdunstet, als die Leute schütten können. Darum hat Bürgermeister De Martino vor einiger Zeit die kommunale Polizei angewiesen, die Treppe in regelmäßigen Abständen zu räumen. Doch auch die ist mit der Masse der Picknickenden überfordert. "Wir haben ja nur zwölf Beamte", sagt der Bürgermeister. Derweil bleiben auf der Caféterrasse des "Grand Hotel Quisisana" ein paar Schritte weiter viele Stühle leer. "Viele Hoteliers haben Angst, dass wegen des Massenandrangs der Tagesausflügler ihre Gäste wegbleiben", sagt De Martino.

Francesco Cerrotta, der Bürgermeister von Anacapri, hätte gern noch mehr Besucher auf Capri

Francesco Cerrotta, der Bürgermeister von Anacapri, hätte gern noch mehr Besucher auf Capri

Je länger man ihm zuhört, desto mehr wächst der Eindruck: Der Bürgermeister von Capri würde sich am liebsten an die Hafenmole stellen und persönlich die Fähren abweisen, wenn es mal wieder zu voll wird auf seiner Insel. Doch aus leidvoller Erfahrung weiß er: Er kann es nicht. De Martinos Vorschlag, die Zahl der einlaufenden Fähren auf ein verträgliches Maß zu limitieren, hat die Regionalregierung abgeschmettert. Wohl nicht zuletzt auf Druck der großen Fährbetreiber, die Sommer für Sommer glänzende Geschäfte machen. "Ich kann einfach nicht verhindern, dass so viele kommen", sagt De Martino. Vor einigen Wochen hat er sich mit dem Bürgermeister von Venedig und Vertretern der Region Cinque Terre getroffen, die mit ähnlichen Touristenmassen zu kämpfen haben. Vielleicht, so die Hoffnung der verzweifelten Behördenchefs, dringen sie gemeinsam bei den Verantwortlichen durch. "Ich habe Angst, dass es keine Regelung gibt und noch mehr Menschen anreisen. Dann wäre Capri bald ruiniert."

"Heute musst du nicht mehr der Schah von Persien sein, um nach Capri zu kommen"

Aus Anacapri ist derweil mehr Spott als Unterstützung für diese Bemühungen zu hören. Vergangenes Jahr hatte Bürgermeister Cerrotta seinem Capreser Cousin blinde Nostalgie für die alten Zeiten unterstellt, als Capri ein Ziel der Reichen und Schönen war und Jackie Kennedy mit Aristoteles Onassis durch die Gassen schlenderte. Diesen Sommer sagt Cerrotta ganz geschmeidig: "Heute musst du nicht mehr der Schah von Persien sein, um nach Capri zu kommen. Das Reisen ist viel demokratischer geworden – und das kann doch nur gut sein."

Giovanni De Martino findet: Das Maß ist voll

Giovanni De Martino findet: Das Maß ist voll

Doch auch der "Prinz von Anacapri" hegt angesichts der wachsenden Touristenströme neue Pläne für die Insel. Mit einer Seilbahn will Cerrotta Touristen vom Hafen direkt hinüber nach Anacapri bringen. 120 Millionen Euro soll sie kosten, in zwei Jahren schon könnte sie fertig sein. Eine Machbarkeitsstudie liegt vor.

Ein privater Investor für das Projekt ist zwar noch nicht gefunden. Doch die Unterstützung der Nachbargemeinde ist Cerrotta schon sicher. Schließlich ist jeder Ausflügler, der nach Anacapri gelotst wird, eine Entlastung für Capri. "Wir kommen schon klar miteinander", sagt Giovanni De Martino lächelnd. "Wir sind doch Cousins."

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