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Umweltgerechtes Reisen: Alles im grünen Bereich?

Gar nicht lange her, da waren Ökotouristen ein belächeltes Häuflein anstrengender Gutmenschen. Inzwischen ist umweltgerechtes Reisen ein Wachstumsmarkt, fast alle Veranstalter wollen dabei sein. Ein kleiner Wegweiser.

Von Mirco Lomoth

Mal eben nach Mallorca, fürs Wochenende nach New York, zum Shopping nach Singapur - im Grunde kostet die Welt nicht mehr als ein Billigflug. Seitdem man aber weiß, dass ungebremste Reiselust dem Planeten schadet, wachsen Nachfrage und Angebot für umweltverträglicheren Tourismus. Ganze Ferienregionen setzen auf autofreie Mobilität und bieten ihren Gästen die kostenlose Nutzung von Bus und Bahn.

Hotels stellen auf umweltbewusste Betriebsführung um, fordern zum Energiesparen auf und lassen sich nach Umweltstandards zertifizieren. Sogar Mietwagenunternehmen geben sich grün und bieten abgasarme Hybridautos an. "In den letzten Jahren ist durch die Klimadiskussion vieles in Bewegung gekommen", sagt Rolf Pfeifer, Vorsitzender des Forum Anders Reisen, eines Zusammenschlusses von inzwischen 159 Veranstaltern, die nachhaltige Reisen anbieten.

Die Mitglieder des Verbandes konnten voriges Jahr ein Umsatzplus von 17 Prozent verzeichnen. Auch die Großen der Branche haben die Ökonische entdeckt. So bündelt der Reiseveranstalter TUI seit Neuestem umweltgerechte Reiseangebote unter der Überschrift "Grüne Welten" und will damit die Zielgruppe der Lohas erreichen - der bewusst konsumierenden Anhänger eines gesunden und nachhaltigen Lebensstils (Lifestyle of health and sustainability), zu denen das Zukunftsinstitut des Trendforschers Matthias Horx mehr als ein Drittel der Bevölkerung in den westlichen Ländern zählt.

Touristische Umweltsiegel

Doch wie lässt sich echtes ökologisches Engagement von Greenwashing zu Marketingzwecken unterscheiden? Oft merkt man erst vor Ort, wenn die im Internet gebuchte "Öko-Lodge" sich nur durch Regenwasser- Klospülung und kaputte Klimaanlage als besonders umweltfreundlich auszeichnet. Orientierung verschaffen touristische Umweltsiegel wie die deutsche Dachmarke Viabono oder das internationale Umweltzeichen Green Globe 21. Doch anders als bei den Biolebensmitteln sind diese Siegel beim Verbraucher kaum bekannt.

"Die Zukunft des Tourismus wird langfristig davon abhängen, ob es gelingt, ihn nachhaltig zu gestalten", sagt Heinz Fuchs von der Arbeitsstelle Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes. Fünf Prozent trägt laut UN-Welttourismusorganisation die Reisebranche zu den globalen CO2-Emissionen bei. Gleichzeitig ist sie selbst Opfer des Klimawandels. So könnten etwa bei einem Anstieg der Meerestemperatur von zwei, drei Grad bis zu 97 Prozent des australischen Great Barrier Reef von Korallenbleiche betroffen sein. Damit wäre die Reiseindustrie der Region ruiniert. Rund 60 Prozent der deutschen Skigebiete werden schon bei einem Temperaturanstieg von nur einem Grad nicht mehr schneesicher sein.

Seltener reisen, länger bleiben

"Die Ressourcen des Tourismus schwinden", sagt Fuchs. Dennoch: Es wird mehr gereist denn je. Im vergangenen Jahr waren weltweit 2,13 Milliarden Fluggäste unterwegs - 2015 werden es voraussichtlich drei Milliarden sein. Allein Indiens Passagieraufkommen wuchs voriges Jahr um 27 Prozent, Chinas um 16 Prozent. Auch in Deutschland nutzen immer mehr Urlauber das Flugzeug, vor allem seit man schon für wenige Euro nach Barcelona oder ins Allgäu fliegen kann. Umweltverbände fordern seit Jahren die Einführung einer Kerosinsteuer, um die klimafreundlicheren Verkehrsmittel Bus und Bahn attraktiver zu machen. In der EU hat man sich darauf geeinigt, von 2012 an eine Obergrenze für den Ausstoß von Treibhausgasen im Luftverkehr einzuführen. Wenn Fluggesellschaften dann zu viel CO2 ausstoßen, müssen sie Zertifikate zukaufen, etwa aus Klimaschutzprojekten. "Der Emissionshandel ist ein guter Schritt, um den Luftverkehr in die Verantwortung zu nehmen", sagt Daniel Kluge vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). "Doch die Reduktionsziele sind bei Weitem nicht ausreichend, um die Klimabelastung spürbar zu senken."

Es liegt also auch bei uns, den Touristen. Bloß, was können wir tun? Selbst Umweltschützer gehen nicht so weit, von Fernreisen grundsätzlich abzuraten. Der WWF bietet in Kooperation mit Reiseveranstaltern seit diesem Jahr sogar Flugreisen zu einem Orang-Utan-Projekt auf Borneo an. "Der negative Effekt des Langstreckenfluges lässt sich nicht wegdiskutieren, aber die Reise bewirkt viel Positives für Wirtschaft und Naturschutz vor Ort", sagt WWF-Tourismusexpertin Birgit Weerts. Wie in vielen ärmeren Ländern ist der Tourismus auch hier zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. "Ein Verzicht auf Fernreisen ist keine Lösung", sagt Weerts. "Die Menschen müssen stattdessen ihr Reiseverhalten bewusster gestalten."

Konkret bedeutet das: weniger reisen und bei Fernreisen längere Aufenthalte einplanen, auf Umweltsiegel achten und nicht vermeidbare Emissionen kompensieren. Der britische Journalist Leo Hickman, der für sein neues Buch "Und tschüß! Was wir anrichten, wenn’s uns in die Ferne zieht" um die halbe Welt reiste (und das dadurch freigesetzte CO2 in den nächsten Jahren wieder einsparen will), schlägt uns eine Drei-Jahres-Regel vor: Im ersten Jahr mit dem Flugzeug in die Ferne, im zweiten mit der Bahn in ein benachbartes Land und im dritten Urlaub irgendwo in der Nähe. Costa Rica, Provence, Schwarzwald also? Klingt doch gar nicht so schlecht.

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