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Stephen Leatherman: Ein Doktor kürt die schönsten Strände

Stephen Leatherman nimmt Sand sehr, sehr ernst. Was für die Filme der Oscar, ist für Amerikas Strände sein Urteil. Jährlich bringt der Professor für Umwelttechnik eine Liste mit den schönsten Stränden der USA heraus. Im stern.de-Gespräch verrät "Doctor Beach", warum es den perfekten Strand nicht gibt und was an schwarzem Sand so schlimm ist.

Doctor Beach, Sie haben den North Beach in St. Petersburg, Florida zum besten Strand der USA auserkoren. Was hat er, was andere nicht haben?

North Beach ist ein idealer Mix aus unberührter Natur mit Bäumen und Mangroven, perfekter Infrastruktur mit Toiletten, Duschen, kleinen Imbiss-Ständen, Sportmöglichkeiten und nicht zu vergessen genügend Parkplätzen. Es ist ein riesiges Areal, das aus fünf Inseln besteht, die allesamt glasklares Wasser, weichen und weißen Sand und wenig Wellen bieten - das sind die die entscheidenden Punkte.

Wenig Wellen? Ich mag Wellen.

Wenn Sie schwimmen wollen bestimmt nicht mehr. Wellen sind ein Sicherheitsaspekt und zu hohe Wellen, die gefährlich werden können, geben Punktabzug. Tut mir leid.

Ihre Bewertung beruht somit auf einem Punkteprinzip?

Ja, in 50 Kriterien vergebe ich Punkte von eins bis fünf. Wenn ein Kriterium, zum Beispiel die Farbe des Sandes, zur vollsten Zufriedenheit erfüllt wird, vergebe ich fünf Punkte, das ist sehr gut. Ein Punkt hingegen ist sehr schlecht.

Und welche Kriterien sind das?

Alle 50 Punkte berücksichtigen die objektiven Begebenheiten eines Strandes. Das reicht von der Wasserqualität über die Wassertemperatur bis hin zu der ausreichenden Zahl von Parkplätzen oder Toiletten.

Das heißt also, dass verdrecktes Wasser mit einer ausreichenden Zahl von Parkplätzen wieder wettgemacht werden kann?

Nein, auf keinen Fall. Die Wasserqualität und die Beschaffenheit des Sandes sind die wichtigsten Kriterien. Nur wenn diese beiden in Ordnung sind, kommen die 50 Kriterien überhaupt erst zur Anwendung.

Und wer alle Kriterien erfüllt, ist der perfekte Strand?

Ach wissen Sie, den perfekten Strand gibt es nicht, der müsste ja volle 250 Punkte bekommen. Diejenigen, die es unter die ersten zehn schaffen, liegen meist um die 230 Punkte, denn irgendetwas stimmt immer nicht. Ich lege eben sehr strenge Maßstäbe an und achte auch auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Bebauung und Natur. So bekommt ein Strand auch Punkte, wenn an ihm viele Wildvögel leben.

Ein schwarzer Strand kommt in ihrer Bewertung sehr viel schlechter weg, als ein weißer. Ist das nicht sehr subjektiv?

Sicherlich mögen einige Leute einen schwarzen Strand ganz gerne. Objektiv gesehen hat er jedoch Nachteile. Ihre Füße werden nach dem Besuch des Strandes nämlich ebenfalls schwarz sein und, was noch viel schlimmer ist, sie können nicht auf schwarzem Sand laufen, ohne sich die Fußsohlen zu verbrennen. Zudem macht schwarzer Sand das Wasser dunkel und Sie können nicht mehr bis auf den Meeresboden blicken, obwohl das Wasser klar ist. Es spricht sehr vieles dafür, dass weißer Sand besser ist.

Miami Beach, der Strand von Waikiki auf Hawaii oder die Küste von Atlantic City gehören zu den beliebtesten Stränden der USA. Trotzdem sucht man sie auf Ihrer Liste vergebens.

Es geht in meiner Liste nicht darum, welche die beliebtesten Strände mit den meisten Besuchern, sondern welches die besten sind. Und diese drei mögen zwar bekannt und beliebt sein, aber bei weitem nicht gut.

Wie viele Strände der USA werden denn bewertet?

Alle! Ich habe etwa 650 Beaches besucht, um mir persönlich ein Bild von ihnen zu machen.

Und was passiert, wenn sich ein Strand nach ihrem Besuch verschlechtert oder verbessert?

Ich wiederhole meine Besuche an 100 Stränden im Jahr, mindestens jedoch an denen, die eine Chance haben, unter die Top 10 zu kommen. So berücksichtige ich Verbesserungen oder Verschlechterungen in meiner Bewertung.

Auffällig ist aber, dass vor allem Strände in Florida oder auf Hawaii zum Zuge kommen.

In diesem Jahr sind auch Strände in Massachusetts, North Carolina und Kalifornien unter den Top Ten, also stimmt das nicht ganz. Aber es ist schon richtig, dass Gott es offenbar besonders gut meinte mit den Stränden in Florida und auf Hawaii. Deshalb liegen sie meist ganz vorne mit dabei. Die physischen Voraussetzungen stimmen eben.

Hat man Ihnen schon mal Geld dafür geboten, einen Strand besser zu bewerten, als er ist?

Ja, hat man. Aber Doctor Beach ist absolut unbestechlich. Ich bekomme weder Geld dafür, noch wissen die Verantwortlichen vorher, wann ich einen Strand besuche.

Warum gibt es Ihre Liste nicht auch für europäische Strände?

Ich arbeite daran. Aber Sie können sich vorstellen, dass es mich sehr viel Zeit kostet, 100 amerikanische Strände im Jahr zu besuchen. Auf Sylt war ich aber schon mal und der Strand hat mir sehr gut gefallen.

Und welches ist der absolut schrecklichste Strand?

Borderfield State Park und Sie werden es kaum glauben, der liegt im sonst so schönen San Diego. Der Grund ist, dass der Tijuana River sämtliche Abwässer aus Mexiko an den Strand treibt. Sie würden schon allein wegen des Geruchs nicht mal ihren Zeh ins Wasser tauchen.

Das Gespräch führte Jens Maier
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