Francesco Bandarin Wer steckt hinter dem Unesco-Welterbe?


830 Kultur- und Naturdenkmäler auf der Welt hat die Unesco bis heute als besonders schützenswert eingestuft. Francesco Bandarin ist Generalsekretär des Komitees, das die Auswahl trifft.
Von Stéphanie Souron

Wenn man es genau nimmt, besteht Herrn Bandarins Arbeit darin, sich die schönsten Plätze der Erde anzuschauen. Gerade ist er aus St. Petersburg zurückgekommen, nächste Woche unternimmt er eine Dienstreise nach Neuseeland. Er soll dort einen Kongress organisieren, aber er wird sicherlich auch zum Tongariro Nationalpark fliegen, die Subantarktischen Inseln besuchen und auch den Südwesten des Landes bereisen, weil der Nationalpark Te Wahipounamu gerade im neuseeländischen Sommer besonders beeindruckend sein soll.

Die Weltkarte stets im Gepäck

Auf seinen Reisen hat Herr Bandarin stets eine Weltkarte im Gepäck. Das ist ihm wichtig, sagt er, damit er die Orientierung nicht verliert. Auf seiner Karte sind neben Kontinenten und Ozeanen auch noch 830 kleine Punkte eingezeichnet. Jeder von ihnen steht für eine Stätte des Unesco-Welterbes. Die Hälfte davon hat Herr Bandarin bereits besucht. "Alle schaffe ich in diesem Leben wohl nicht mehr", sagt er. Aber er hat sich vorgenommen, dass er sie in den nächsten zwei Jahren zumindest alle auswendig lernen will.

Francesco Bandarin, 57, trägt das weiße Haar nach hinten gekämmt und den Stolz eines Italieners vor sich her. Er ist der Direktor des Welterbezentrums und Generalsekretär eines 21-köpfigen Komitees, das unter dem Vorsitz des Neuseeländers Tumu te Heuheu darüber entscheidet, welche Bauwerke, Kultstätten und Naturdenkmäler in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen werden. 830 Orte hat das Komitee seit seiner Gründung 1972 bereits auserwählt, jeder von ihnen gehört nun zum kulturellen oder landschaftlichen Erbe der Erde. "Der Wert dieser Orte geht über nationale Grenzen hinaus und soll auch für die kommenden Generationen erhalten bleiben", sagt Bandarin. Sie sind über 138 Länder verteilt: von den Rocky Mountains im Westen Kanadas bis zum Great Barrier Reef an der Ostküste Australiens, von Kischi Pogost in Nordrussland bis zu den Cueva de las Manos am südlichen Zipfel Argentiniens. In Deutschland gibt es 32 Welterbe-Stätten, 31 davon sind Kulturgut. Der Kölner Dom zählt dazu, die Berliner Museumsinsel, das Kloster Maulbronn und die Völklinger Hütte im Saarland. Lediglich die Grube Messel wurde wegen ihrer fossilen Zeugen der Vergangenheit für den Bereich Natur nominiert.

Nubische Monumente vor der Vernichtung gerettet

Das erste Welterbe der Geschichte waren die Galápagos-Inseln, das größte ist der geodätische Bogen des Astronomen Friedrich von Struve, der sich von Nord- nach Osteuropa über zehn Länder und 2820 Kilometer hinwegzieht. Von den 265 Vermessungspunkten entlang der gedachten Linie ist nicht viel zu sehen, weil man aber mithilfe des Bogens die Größe und Form der Erde ausrechnen kann, wurde er 2005 als erstes wissenschaftliches Instrument auf die Liste gesetzt. Die Idee des Welterbes entstand bereits 1959, als durch den Bau des Assuan-Hochdamms in Ägypten die nubischen Monumente von Abu Simbel bis Philae vor der Vernichtung standen. Seither versucht die Unesco, die Denkmäler der Menschheit für ihre Nachkommen zu erhalten.

In diesem Jahr sollen 45 Stätten in die Liste aufgenommen werden. Eine Gruppe aus Architekten, Archäologen, Ökologen und Stadtplanern bereist vor der Wahl jeden Kandidatenort, bewertet ihn und legt die Expertisen dem 21-köpfigen Komitee vor. Wenn ein Ort gewählt wird, hat das Konsequenzen, nicht nur für den Tourismus. "Wer auf der Liste steht, schmeißt erst einmal eine Party", sagt Bandarin. Im vergangenen Jahr hat es die mexikanische Agaven-Landschaft mitsamt ihrer Tequila-Produktionsstätten auf die Liste geschafft. "Die Mexikaner haben zur Feier des Tages eine Flasche Tequila nach der anderen geöffnet", sagt Bandarin. Nicht alle Länder sind von der Entscheidung des Komitees begeistert: Die Indonesier beispielsweise weigern sich, die Tempelgemeinschaft von Besakih in die Liste der Welterbe-Stätten aufnehmen zu lassen. Sie haben aus den schlechten Erfahrungen mit dem Borobudur-Tempel auf Java gelernt: Dort ist durch den Eintrag auf die Liste die heilige Kultstätte zum Pilgerort für Touristen geworden.

Dresden - ein Problemfall

Das Minarett von Jam, der Palast von Baku, die Reis-Terrassen auf den Philippinen und 28 weitere Denkmäler sind vom Untergang bedroht. Die Unesco versucht hier mit logistischer und finanzieller Unterstützung zu helfen. Noch nie wurde einer Welterbe-Stätte im Nachhinein ihr Status wieder entzogen. Doch in diesem Jahr gibt es einen Problemfall: Dresden. Seit die Stadt plant, eine vierspurige Straßenbrücke über die Elbe zu spannen, ist nach Ansicht der Unesco der ausgewählte Ort in Gefahr. Bis zur Konferenz im Juni muss Dresden eine Entscheidung treffen. "Wenn sie sich für die Brücke entscheiden, müssen wir ihnen das Prädikat "Welterbe" leider wieder entziehen", sagt Bandarin. Er glaubt aber, dass die Stadtväter die richtige Entscheidung treffen: "Am Ende ist ihnen das Welterbe wichtiger als die Autobahn."


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