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Stiftung Stern

Sierra Leone - Äthopien: Gefährliche Geburt

Ein von acht Freuan in Sierra Leona bringt das Gebären ins Grab, weil es an der einfachsten medizinischen Versorgung fehlt.

Was ist denn das für eine Frage? Fatmata Turi, Heilerin und Geburtshelferin im Dorf Mataska im westafrikanischen Sierra Leone, schaut für einen Moment etwas hilflos. Dann verzieht sich ihr schneidezahnloser Mund, und sie beginnt lauthals zu lachen. Ob sie ein Mittel gegen Schmerzen bei der Geburt habe? So etwas Absurdes!

Frauen müssen leiden, das weiß doch jeder, ruft sie. Und beginnt, den Besuchern aus der Stadt, die seltsame Fragen stellen, und den Frauen ihres Dorfes, die geduldig unter dem Baum vor ihrer Hütte sitzen, eine Geschichte zu erzählen. Ihre Zunge schnalzt, die Stimme schwillt, als sie eine Gebärende beschreibt, die schreiend aus der Hütte lief auf die Lehmstraße des Dorfes, verrückt vor Schmerzen. An den Türrahmen gelehnt habe sie, Fatmata, auf die Rückkehr der Verzweifelten gewartet. Das Kind wurde geboren, nach drei Tagen Qual, alles ganz normal. Die Zuhörerinnen nicken anerkennend.

Frauen in den Dörfern Sierra Leones gebären, wie sie seit Jahrtausenden neues Leben auf die Welt gepresst haben: unter Qualen, oftmals in Lebensgefahr. Das Risiko, irgendwann bei oder kurz nach der Geburt zu sterben, liegt hier bei 1 : 8. In Schweden, einem Staat mit vorzüglicher Gesundheitsvorsorge, bei 1 : 17 400. Seit die UN das Thema Müttersterblichkeit im Jahr 2000 zu einem ihrer weltweiten Handlungsschwerpunkte erklärt haben, ist in vielen Ländern viel geschehen - und doch kommen noch immer 350 000 Frauen pro Jahr während der Schwangerschaft oder durch die Entbindung um, erleiden über zwei Millionen schwere Verletzungen. Vor allem im ländlichen Afrika. Kinderkriegen inmitten der Natur hat oft wenig zu tun mit dem Mythos von einer natürlichen Geburt.

Ein Mittel gegen Schmerzen bei der Geburt? So etwas Absurdes!

Bankapu Kanu zum Beispiel würde ihr Kind liebend gern in einem Krankenhaus auf die Welt bringen, wo es Medizin gibt und Hilfe. Die hochgewachsene Frau ist wahrscheinlich im achten Monat schwanger - genau weiß sie es nicht, wie sie auch ihr Alter nicht nennen kann. Zeit misst sie in Regenzeiten, nicht in Monaten und Jahren. Jeden Morgen geht Bankapu mit einem Zehn-Liter- Eimer auf dem Kopf zum Reisfeld des Dorfes Ambalei, um zu arbeiten, nicht weit von dort, wo Fatmata unter dem Baum Hof hält. Es ist Bankapus siebte Schwangerschaft, drei Kinder haben überlebt. Die letzte Geburt war besonders schwierig. "Du musst drücken", war der Rat der Heilerin, während die Schmerzen über Tage kein Ende zu nehmen schienen. Als das Kind endlich da war, blieben die Schmerzen, so schlimm, dass Bankapu ein einziges Mal ins eine Autostunde entfernte Krankenhaus gefahren ist. Aber jetzt hat sie kein Geld für eine weitere Fahrt. Sie wird wieder auf dem Lehmboden gebären, hockend. Bankapu hat Angst vor diesem Moment, eine existenzielle, herzeinschnürende Angst. Sie hat im Dorf erlebt, wie schnell Frauen im Kindbett sterben, durch Blutungen, durch Fieber, das die Gebärenden schüttelt, wenn sie ihre Kinder nicht herauspressen können, auch nach Tagen nicht.

Fast jede dieser Frauen hätte mit einfachen und billigen Mitteln gerettet werden können, die in Industrieländern seit Generationen Standard sind: mit Hygiene bei der Entbindung, Medikamenten gegen Blutungen, mit Kaiserschnitten. Aber nach wie vor finden mehr als die Hälfte der Geburten in Afrika ohne Hilfe durch ausgebildetes Personal statt. Und noch immer ist ein Standardmedikament wie Oxytocin oft nicht erhältlich. Es kann lebensgefährliche Blutungen stoppen - muss aber gekühlt aufbewahrt werden. Eine Unmöglichkeit für Gesundheitszentren, die keine Kühlschränke besitzen oder keine gesicherte Stromzufuhr oder beides nicht. Das Krankenhaus in Port Loko, das Bankapu nur einmal in ihrem Leben aufsuchen konnte, wurde 1975 mit deutschen Geldern gebaut, und der Operationssaal rottet seitdem vor sich hin. Ein einziger engagierter Arzt versucht, gegen den Verfall anzuoperieren. Wer hier gebiert, tut es auf Liegen mit zerfetzten Gummimatten, umgeben vom Wimmern malariakranker Kinder.

Aber etwas anderes gibt es nicht, und wer in der Klinik niederkommt, ist allemal besser versorgt als im Dorf. Die Heilerin Fatmata sagt, eine lange Geburt sei das Ergebnis der Untreue der Frau. Die müsse sich zur Strafe eben mehr anstrengen. Mit Argwohn schaut sie jetzt auf die Besucherin, die zwischen den Schwangeren sitzt und von der Hilfe zu erzählen beginnt, die es im Krankenhaus gibt. Rugiatu Turay, 35, nimmt wenig Rücksicht auf Fatmatas missbilligendes Räuspern. Und die Zuschauerinnen beobachten interessiert, dass sich diese Frau von der Heilerin nicht einschüchtern lässt. Rugiatu weiß, dass Heilerinnen wie Fatmata Kräuter mit Wehen auslösenden Giften verabreichen und dass diese die Gebärmütter reißen lassen können, wenn man sie zu früh nimmt. Sie weiß auch, dass sie Hochschwangeren mit nicht sterilen Rasierklingen in die Wand der Vagina schneiden - weil das dann fließende Blut angeblich die Geburt erleichtert.

Ich sterbe lieber, während ich Leben rette, als zuzuschauen, wie Leben zerstört werden

Rugiatu führt mit ihrer Organisation Amazonian Initiative Movement (AIM) einen beharrlichen Kampf gegen die Unwissenheit. Sie erklärt den Frauen in den Dörfern, was bei einer Geburt passiert, wie sich der Muttermund öffnet, wie das Organ sich verändert in den Wehen. Und wie gefährlich manche Traditionen für schwangere Frauen sind, die Drogen, die blutfördernden Schnitte - und die Beschneidung. Als Rugiatu selbst elf Jahre alt war, trennte ihr eine Heilerin die Schamlippen ab, ihr Vater hatte es nach dem Tod ihrer Mutter so gewollt. Blutend lief sie damals zur Polizei, um die Körperverletzung anzuzeigen. Niemand hörte auf sie. Die Erfahrung hat sie zur Kämpferin werden lassen gegen die Geheimbünde, die in Sierra Leone die Macht der Heiler und Dorfvorsteher bewahren wollen. Man legte Rugiatu als Drohung tote Tiere vor die Tür. Sie musste aus ihrem Heimatort fliehen, ihre Familie war in Gefahr. "Aber ich sterbe lieber, während ich Leben rette, als zuzuschauen, wie Leben zerstört werden", sagt sie.

Rugiatu ist sich sicher, dass die hohe Müttersterblichkeit in Sierra Leone eng verbunden ist mit genitaler Verstümmelung. Die Narben lassen die Scham der Frauen reißen, sie bluten stark, Infektionen können sich leichter festsetzen. Inzwischen ist das Ritual für Mädchen unter 18 Jahren verboten, aber die Opfer wurden dadurch nur jünger. Oft sind sie keine sechs Jahre - so jung, dass sie sich nicht wehren können. Und egal, wie alt es ist: Ein beschnittenes Mädchen gilt als Frau, als sexuell verfügbar.


Isatu Jalloh ist im siebten Monat schwanger. Sie ist elf Jahre alt, ihr Körper noch der eines Kindes. Sie misst kaum 1,50 Meter, im Gesicht und auf der Hüfte sitzt Babyspeck, der dicke Bauch ragt unnatürlich aus der Körpermitte. Sie hat eine Chance, die Geburt des Kindes zu überleben, denn Rugiatu hat sie aus ihrem Dorf geholt, hat sie untergebracht in ihrem Haus nahe Porto Loko, wie 16 andere Mädchen, die sie vor Beschneidung oder Kinderheirat schützen will. Vor allem aber hat sie Isatu einem Arzt vorgestellt. Ein Kaiserschnitt sei unvermeidlich, sagte dieser. Den 80-jährigen Onkel, der Isatu vergewaltigte, hat Rugiatu angezeigt. So richtig verstanden, was er falsch gemacht hat, habe der nicht, sagt sie. Seine Nichte sei doch beschnitten gewesen.

Jetzt liegt das schwangere Kind auf einer Liege im privaten katholischen Krankenhaus nahe Port Loko und hat Angst vor dem Abtaster des Ultraschallgerätes, den ein junger Arzt über seinen Bauch streicht. Als Isatu die Herztöne des Babys hört, werden ihre Augen groß, und sie gluckst. Später fragt sie, ob das Baby jetzt noch drin sei im Bauch. Die Hand Rugiatus lässt sie nicht mehr los. Je jünger ein Mädchen, desto größer ist das Risiko bei der Geburt. Die Becken sind noch zu klein für die Babyköpfe. Tagelange Wehen aber können die Gebärenden massiv verletzen - ein Problem, das kaum Aufmerksamkeit findet in Afrika, obwohl es das Leben vieler Frauen zerstört.

Ins Krankenhaus kommen nur die absoluten Notfälle

Die Äthiopierin Tsega Degenu war 14 Jahre alt, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Ihren Eltern war sie damals davongelaufen, sie habe ihren Mann willig geheiratet, sagt sie. Sechs Jahre ist das her, und noch immer schüttelt es die schmale Frau, wenn sie sich an die Nacht erinnert, mit der das Unglück begann in ihrer Hütte im Süden des Landes. Die Heilerin war überfordert, als Tsega immer weiter in Wehen schrie und sich nichts tat. Sie holte Hilfe in der Nachbarschaft, eine alte Frau steckte ihre Hand in Tsegas Vagina und brüllte dann nach einer Trage, um sie ins nächste Gesundheitszentrum zu bringen. Da spürte Tsega schon, dass ihr Kind tot war. Im Zentrum holten sie das Baby aus ihrem Bauch und schickten sie wieder nach Hause zu ihrem Mann, sie sei in Ordnung, hieß es. Aber nichts war gut. An Tsegas Beinen lief Urin herunter. Im Dorf begannen sie zu flüstern, ein Fluch müsse auf Tsega liegen. "Wir sehen nur die Überlebenden", sagt Catherine Hamlin, australische Gynäkologin und Pionierin der Hilfe für Frauen mit schweren Geburtsverletzungen. Allein in Äthiopien leiden rund 100 000 unter Inkontinenz nach katastrophalen Entbindungen. Wenn der Kopf eines Babys tagelang gegen den Beckenboden drückt, wird die Blutzufuhr in das dazwischen eingeklemmte Gewebe unterbrochen. Es stirbt ab, und damit entstehen Durchgänge zwischen Vagina und Blase. Durch diese Löcher, Fisteln genannt, läuft der Urin, gänzlich unkontrollierbar.

Eine solche Verletzung hatte Doktor Hamlin vor ihrer Ankunft in Äthiopien im Jahr 1959 noch nie gesehen. Sie war entsetzt über die Situation dieser Frauen, die stoisch in den Notaufnahmen auf Hilfe warteten. Oftmals verstoßen von Ehemännern und Dorfgemeinschaft, fristeten sie ihr Dasein obdachlos oder in einsamen, abgelegenen Hütten. Seit damals hat Catherine Hamlin etwa 40 000 Frauen operiert, bis heute arbeitet die 86-Jährige jede Woche im Operationssaal ihres Fistula-Hospitals, das sie 1974 gründete und das sie im Laufe der Jahre um fünf Außenzentren ergänzte. Ihre Arbeit ist in ganz Afrika einzigartig. Äthiopien hat in den vergangenen drei Jahrzehnten seine Müttersterblichkeitsrate nahezu halbieren können. Doch der Fortschritt konzentriert sich in den Städten. In den Weiten des äthiopischen Hinterlandes gebären Schwangere weiter ohne professionelle Hilfe.

Weit weg von Addis Abeba, weit weg von guten Schulen für ihre Kinder und Nebenverdienstmöglichkeiten in Privatkliniken, arbeiten nur Idealisten. Es sind Ärzte wie Fekade Aynachew, 35, der seit fast drei Jahren in einem Außenzentrum des Hamlin-Hospitals operiert, weil er die Frauen hier nicht allein lassen will. Der schlanke Mann, der beständig an seinem Kittel nestelt, erzählt, wie er Frauen hat sterben sehen während seiner Ausbildung. Sie seien unter seinen Händen verblutet, weil die richtigen Medikamente nicht vorhanden waren. Er will, dass das anders wird, überall in Äthiopien.

Das Hamlin-Außenzentrum liegt auf dem Gelände des Regionalkrankenhauses in Yirgalem, das für 14 Millionen Menschen zuständig sein soll. Der Kreißsaal hat die Größe einer durchschnittlichen deutschen Küche, fünf Liegen sind seine ganze Ausstattung. Ein einziger Gynäkologe arbeitet hier. Fekade hilft aus, wann immer er kann. In den Schlafsälen des Krankenhauses herrscht eine unheilige Stille, unterbrochen durch leises Stöhnen. "Hierher kommen nur die absoluten Notfälle", sagt Doktor Fekade. Die meisten Schwangeren sind schon im Schockzustand, wenn sie eingeliefert werden. Auch Tsega Degenu, der Frau mit der Fistelverletzung, ging es schlecht, als ihr Mann sie in das Regionalkrankenhaus brachte. Trotz ihrer Inkontinenz war sie vor vier Jahren ein zweites Mal schwanger geworden, ihre Tochter Yabirra überlebte die schwere Geburt. Das Krankenhaus entließ Tsega als geheilt. Der Urin lief jetzt noch schneller ihre Beine herab. Die Tochter war schon acht Monate alt, als Tsega endlich vom Hamlin-Hospital hörte. Ihr Mann verpfändete das Familienfahrrad, um das Busticket bezahlen zu können, und sie wurde eingeliefert in ein Hospital, das so hell und licht und sauber war, dass sie dachte, sie wäre in einem Luxushotel. Tsega wurde operiert, ihre Fistel entfernt. Seitdem ist sie Teil der Hamlin-Gemeinschaft - der ehemaligen Patienten, um die sich die Ärzte auch weiterhin kümmern. Als Tsega wieder schwanger wurde im vergangenen Jahr, schickte das Außenzentrum einen Krankenwagen, um sie zu Doktor Fekade zu bringen. Der erklärte Tsega, dass er das Kind per Kaiserschnitt holen werde. Läge sie wie zuvor in tagelangen Wehen, könnten die Fistel-Narben aufreißen. Vor neun Monaten holte der Doktor einen gesunden Jungen auf die Welt. Tsega hat ihn Fekade genannt. Es braucht keine neuen Forschungen, keine teuren Medikamente oder komplizierten Apparate, um Mütter zu retten in Ländern wie Sierra Leone oder Äthiopien. Es braucht nur Geburtshelferinnen, die wissen, wann sie Schwangere an einen Arzt überweisen müssen, und Krankenhäuser, die Notfälle behandeln können. In Sierra Leone sind seit April dieses Jahres der Arztbesuch und Medikamente für Schwangere kostenlos. Es sei ein Anfang, sagt Rugiatu Turay, die Kämpferin für Frauengesundheit. Aber sie weiß auch: In dem Land mit knapp sechs Millionen Einwohnern arbeiten zurzeit fünf Gynäkologen.

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