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stern-Reportage aus dem Baumarkt: Ein Besuch im Spielzeugparadies für Erwachsene

Am Wochenende stürmen die Deutschen die Baumärkte und schleppen Millionen Bretter, Kloschüsseln und Kabelbinder ab. Was wird nur daraus? Ein Besuch im Spielzeugparadies für Erwachsene.

Von Holger Witzel

Helene Bialek kauft im Baumarkt Holzlatten für den heimischen Garten.

Krumme Dinger kommen Helene Bialek, 81, nicht ins Haus. Sie sortiert im Baumarkt Latten, während Pudel Chico im Wagen wartet.

Was – um Himmels willen – will ein Zahnarzt mit zehn Tuben Holzleim? Seit Minuten schon steht Niels Hoffmann zwischen Holzzuschnitt und Restekiste und grübelt. Auf einem kleinen Zettel hat er Maße notiert, im Einkaufswagen liegen außerdem Tischbeine und eine Klobrille. Bauen sich Heimwerker jetzt auch schon Donnerbalken selbst?

Ein paar Regale weiter belehrt eine drahtige Oma den Fachberater über Vor- und Nachteile eines 18-Volt-Akkuschraubers – sie ihn, nicht umgekehrt. Außer im Garten bevorzugt Helene Bialek, 81, allerdings „den Zehner“. Nur mit dessen Magnet, der die Schrauben halten soll, ist sie überhaupt nicht zufrieden. Gleichzeitig begrüßen einige Mitarbeiter bei Obi in Leipzig eine Studentin wie eine alte Bekannte. Jennifer Englisch, 25, war gestern erst hier und – wie es aussieht – auch heute nicht zum letzten Mal da. Sie weiß zwar inzwischen „wie“ und „wo“, aber noch nicht genau „was“ sie auf ihrem Balkon verlegen wird. Weil Obi das laut Werbung alles auf einmal zu wissen behauptet, ist der Markt am Leipziger Hauptbahnhof Jennifers erste Wahl. Nur warum sie so gern und „meist öfter als nötig“ hier ist, kann die Psychologiestudentin auch nur mit Fragezeichen erklären: „Aus Spaß? Oder weil in meiner Familie auch schon immer gebastelt wurde? Womöglich bin ich sogar süchtig?“ Auf jeden Fall ist sie damit nicht allein. 

Das Wochenende beginnt für Hunderttausende Deutsche im Baumarkt. Als steckte das Land 70 Jahre nach Kriegsende immer noch im Wiederaufbau, schleppen sie Zement, Holz und eimerweise Farbe nach Hause. Sie lassen sich wie Kinder am Süßigkeitenregal kurz vor der Kasse noch von einem billigen Pinselset oder 200 Kabelbindern verführen. Und gigantische Werbeetats spielen treffsicher mit ihren Gefühlen. Bei Hornbach „gibt es immer was zu tun“. Zu Bauhaus muss man, „wenn’s gut werden muss“. Hagebau zwinkert mehrdeutig: „Hier hilft man sich“. Dagegen wirkt „Wer baut, braucht Globus“ platt. Toom („Der Wow-Markt“) verspricht „Respekt, wer’s selber macht“.

Dieses „Jippi-jaja-jippi-jippijeh“- Adrenalin scheint sogar in Leuten zu stecken, bei denen sich Selbstbetrug („Handwerker sind viel teurer!“) und Selbstüberschätzung („Kann ich auch!“) die linken Hände reichen. Spätestens an dieser Stelle verlangt die journalistische Transparenz, dass der Autor sich als Obi- Treuepunktsammler outet. Eine Bauhaus-Plus-Card hat er auch.

Seit ich eine Datsche habe, bin ich samstags sogar öfter im Baumarkt als Sonntag in der Kirche. Ich liebe den Duft nach viel zu kurz gelagertem Fichtenholz und Unkrautchemie. Ehrlich gesagt, brauchte ich außerdem dringend Flachverbinder und einen Türfutterspanner. Der Fotograf gibt sogar zu, „manchmal nur so reinzugehen“. Aber wir müssen uns zusammenreißen. Schließlich sind wir diesmal dienstlich hier und nicht zum Spaß. Der leidet anscheinend oft schon auf dem Heimweg. Auf den Straßen rund um die Obi-Filiale am Leipziger Hauptbahnhof zeugen unzählige Kleckse von Versuchen, Farbeimer an Fahrradlenkern zu transportieren.

Der Teich als Sommerurlaub

Baumarktkunden sind wie Ameisen, die nie fertig werden und ihren Feierabend meist lebenslang im Steinbruch verbringen. Karsten Jost, 46, schleppt Steine in 25-Kilo-Säcken zu seinem ohnehin tiefergelegten Opel. Acht Säcke „Buntkies Rhein“ braucht er für die Uferbefestigung des neuen Gartenteichs, so zumindest der Plan. Dazu Vlies und Teichfolie, die auch einiges wiegt, und eine Douglasie für die künftige Terrasse daneben. Auf dem Parkplatz wird klar: Er muss zweimal fahren. Seine Frau Cindy bewacht die Beute und brütet schon wieder das nächste Projekt aus.

„Er hat den Bautrieb und ich die Ideen“, sagt Cindy Orlamünde, 37. Damit bilden die Kunstlehrerin und der Mobilfunkverkäufer die perfekte Baumarktsymbiose. In ihrer Wohnung ist leider schon alles fertig. Deshalb ist nun der Garten dran. Am Vormittag hat Karsten bereits die Grube ausgehoben, sechs Quadratmeter Wasserfläche, einen Meter tief. „Der Teich wird unser Sommerurlaub“, sagt sie und treibt ihn scherzhaft an: „Raboti, raboti!“ Aber dann stellen sie zu Hause fest, dass doch mindestens fünf Säcke Steine fehlen. Er muss noch mal los und kann gleich die Pflanztaschen mitbringen, die sie beim letzten Mal entdeckt hat. Nach einer Woche sind Teich und Terrasse fertig, mit Pumpe, Filter – alles in allem: 1000 Euro. Der Klodeckel-Zahnarzt versucht zunächst, auch noch den Rest der Arbeitsplatte ins Auto zu bekommen.

Schließlich hat Niels Hoffmann nicht nur den zugeschnittenen Streifen bezahlt – und wer weiß, wofür man den Rest mal brauchen kann. Eine typische Heimwerker-Tugend.
Dann lässt er ihn doch da, genau wie den vielen Holzleim, den seine Tochter Luise, 2, in den Wagen geladen hatte, während er noch in seine Maße vertieft war. Der Klodeckel gehört zu einem anderen Projekt. Zu Hause muss er noch etwas bohren und schleifen, dann passt alles wie ein Inlay in die Nische des riesigen Loftfensters. Kissen drauf, und fertig ist die Bank; stabil und mit zwei Handgriffen zu entfernen. Er ist zufrieden.

"Nie wieder Kreuzschlitz, nur noch Spax!" "Sie meinen sicher Torx ..."

Ganz anders die Akkuschrauber- Oma: Helene Bialek ist eine anspruchsvolle Stammkundin. Seit Jahrzehnten macht sie alles selbst: fliesen, tischlern, malern. Früher, weil sie musste, als alleinerziehende Mutter in der DDR – „heute, weil ich’s kann“. In ihrem kleinen Garten ist kaum noch ein Fleck unbebaut. Laubengänge überall, gepflasterte Wege, Hochbeete. Der Werkzeugschuppen sieht selbst aus wie ein gut sortierter Baumarkt. „Nicht dass ich mich nicht mehr bücken könnte“, schimpft sie über den neuen Bosch-Schrauber, „aber die Schrauben halten einfach nie am Bit!“ Stefan Krause, der zuständige Fachverkäufer, steckt gerade in einer Spreizdübel-Beratung. Ein junges Paar, sie schwanger, möchte Küchenschränke aufhängen. „Wie sieht denn die Wand aus?“, fragt Krause. Die Antwort: „Weiß.“ Geduldig erklärt er, dass eigentlich der Aufbau gemeint war, „zum Beispiel einfach oder doppelt Gipskarton?“ Sein Tipp: „Wenn man die nötige Tiefe nicht kennt: Büroklammer rein, umbiegen, wiederkommen.“ 

Krause, 37, war vorher in einer ländlichen Filiale, das sei etwas ganz anderes gewesen: „In der Stadt fragen die Kunden: Wie mach ich das? Was brauche ich dafür? Auf dem Land oft nur: Wo steht das?“ Manchmal hat er auch Bauchschmerzen, „wenn sich augenscheinlich völlig ungeschickte Menschen eine Walzenschleifmaschine oder eine Kettensäge“ ausleihen. Zur Not müsse man dann auch mal gegen das
„Do-it-yourself“-Credo verstoßen und lieber abraten. Und was macht so ein Baumarktfachverkäufer in seiner Freizeit? Er häkelt.

Inzwischen kümmert sich ein Metabo-Promoter um Oma Helene, auch wenn ihn Geräte von der Konkurrenz eigentlich nichts angehen. Sie probieren verschiedene Bits. „Vielleicht“, sagt er, „sind es ja die falschen Kreuzschlitzschrauben?“ Der Reporter hält es nicht mehr aus und mischt sich ein: „Nie wieder Kreuzschlitz, nur noch Spax!“ Herr Krause lächelt mild: „Sie meinen sicher Torx, die mit dem Stern.“ Genau, egal: jedenfalls dieses herrliche Gefühl, wenn sich die Schraube mit einem frisch geladenen Akku wie von selbst ins Holz saugt. Ich könnte schon wieder …
Leider hat Helene Bialek keine Zeit mehr für Fachsimpelei unter Laien. Sie braucht noch vier Bretter und sortiert das halbe Regal mit Hobelware um, bis sie ein paar nicht ganz so krumme findet. „Nächste Woche“, droht sie, „bin ich wegen des Magneten wieder da.“ Doch schon an der Kasse holt sie der Fachberater noch einmal ein. Es hat ihm keine Ruhe gelassen: „Wahrscheinlich sind es die falschen Bits.“

Jeder erfahrene Baumarktkunde weiß, dass nie alles passt. Dass man für jedes Projekt mindestens zweimal hinmuss – und dann doch noch eine Dichtung fehlt. Dass, was einem ja auch Profihandwerker gern einreden, allein das Wort Baumarktqualität ein Witz sei. Dass es dafür nicht mal besonders billig ist. Dass Farben nicht richtig decken und Maschinen für 39,90 Euro nur Murks sein können. Aus der Vorfreude wird dann schnell Frust, schließlich Pfusch. Aber dafür ist fast immer alles da. Was man nicht braucht – oder irgendwann mal gebrauchen kann – leider auch.

Die Massenpsychose griff nach dem Vorbild der USA 1960 mit dem ersten „Bauhaus Fachcentrum“ in Mannheim auf Deutschland über. Ein gewisser Herr Hornbach eröffnete 1968 den ersten kombinierten Bau- und Gartenmarkt in Bornheim, Rheinland-Pfalz. Obi trat 1970 von Hamburg aus an. Ihren Höhepunkt erreichte die deutsche „Do-it-yourself“- Welle, als 1990 ein nach Handkreissägen lechzendes, aber ebenso improvisierfreudiges Völkchen im Osten dazukam, wo alle Zementkontingente jahrzehntelang in die Mauer geflossen waren.

Bis heute ist die Baumarktdichte nirgendwo auf der Welt größer als im Land der Dübler und Denker. Obwohl die Branche seit Jahren von Konsolidierung und viel zu viel Verkaufsfläche redet, sind nach der Pleite von Max Bahr und Praktiker 2013, die sich mit „20 Prozent auf alles“ kaputtgeramscht hatten, mehr als ein Drittel dieser Märkte schon wieder unter anderem Namen offen. Allein 30 Bahr-Standorte hat Hagebau übernommen, meist auch deren Kunden, denn der nächste Baumarkt ist immer der beste. 

Unberechenbare Kundschaft

Trotzdem scheint die Zeit der „Big Boxes“, wie das Fachmagazin „Baumarktmanager“ die Riesenmärkte nennt, zu Ende zu gehen. Onlinebestellungen verhindern die lukrativen „Spontankäufe“ der Laufkundschaft. Fast alle Ketten bieten deshalb einen Abholservice in der nächsten Filiale an. Außerdem suchen alle händeringend nach kleineren Flächen und Konzepten. „Werkers Welt“ der Hagebau-Gruppe oder „Hornbach Compact“ sind solche Versuche und schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie wollen gern vom Stadtrand wieder näher an die Kunden, auch in kleinere Städte – und dafür nur das Nötigste anbieten.
Für routinierte Kunden wie Mario Greif macht das vermutlich keinen Unterschied. Der Leipziger Steuerkaufmann trägt jedes Wochenende Latzhosen, schiebt seinen Wagen mit Bitumenwellplatten zielstrebig zur Kasse und braucht das als Ausgleich zum Büro: „Den ganzen Tag nur Zahlen, da möchte man auch mal was Echtes machen.“
Diesmal deckt er das Spielehaus im Garten neu. Ursprünglich sollte das nur ein Sandkasten mit Dach werden, doch dann hat es sich über die Jahre verselbstständigt. Am Ende ist eine Art Kindervilla auf Stelzen draus geworden, mit Rutsche, Veranda und historischen Bauteilen. Weil Greifs Kinder inzwischen zu groß sind, hat er nach dem letzten Sturm kurz an Abriss gedacht. Aber nun soll es die Garage für den Rasenroboter werden – das nächste Projekt.
Die großen Baumarktketten unterscheiden sich im Angebot kaum. Ob zehn Liter Alpinaweiß einen Euro mehr kosten oder einen weniger – darauf kommt es nicht an. Vielmehr geht es um die Wurst. Nach dem Einkauf. Der Lübecker Hagebau-Marktleiter Jens-Dieter Haß ist dafür extra nach Hamburg gefahren, um Pommes und Currywurst eines Imbiss-Anbieters zu testen. Bei allem anderen sei die Baumarktkundschaft ziemlich unberechenbar. Vor manchen Wochenenden mit Brückentagen reichen die Kassen kaum. Dann ist plötzlich wieder Flaute, und niemand weiß, ob es an zu gutem oder zu schlechtem Wetter liegt. Mit „Ladies Nights“ versuchen viele Ketten eine angeblich immer noch unerschlossene Kundengruppe für die Heimwerkerei zu begeistern. Und natürlich: Beratung, Beratung, Beratung.

Damit brüsten sich alle und zittern jedes Jahr vor dem neuen „Service-Atlas Bau- und Heimwerkermärkte“, der die Kundenzufriedenheit analysiert und ein Ranking der zehn größten Ketten erstellt. Die Kölner Service Value GmbH finanziert die Studie selbst, was sie unabhängig von Verbänden und Einzelinteressen macht. Wie schon im Vorjahr waren demnach die Kunden von Bauhaus insgesamt am zufriedensten, dicht gefolgt von Hornbach und Hagebau auf Platz zwei. Kategorien wie „Emotionale Kundenbindung“ und „Verständliche Kommunikation“ wiegen dabei offenbar schwerer als „Sonderangebote“ oder die „Glaubwürdigkeit der Werbung“.

Nichts ist peinlich

Bei Obi in Leipzig kauft ein Gothic- Pärchen Ketten von der Meterrolle. Sie nehmen gegenseitig Maß an der Hüfte. „Dreimal sollte es rumgehen“, sagen sie und lachen. „Das hat aber nichts mit ,Shades of Greyʻ zu tun!“ Weil in dem Bestseller SM-Utensilien aus dem Baumarkt vorkommen, scheint neuerdings jede Rohrschelle etwas Frivoles zu haben. Karabiner brauchen sie auch noch. Sie lassen alles gleich an und den Barcode von der Kassiererin am Körper scannen. Im Baumarkt muss einem nichts peinlich sein. Vielleicht ist das sogar das Geheimnis. Dumme Fragen, geschmackloser Deko-Mist – es ist ja alles nur für zu Hause. Privatsache. Wenn die Welt schon immer unübersichtlicher und digitaler wird, bauen wir wenigstens unsere Höhle selbst. Nur zu viel Wasserstoffperoxid darf es nicht sein. Dann kann es passieren, dass eine aufmerksame Hornbach-Mitarbeiterin die Polizei alarmiert – und damit, wie im April dieses Jahres, womöglich einen Anschlag in Frankfurt am Main verhindert hat. Vor allem kann Baumarkt aber auch richtig romantisch sein. In Lübeck steht ein Pärchen an der Farbmischmaschine und küsst sich selbstvergessen, während ein Hagebau- Mitarbeiter ihr Traum-Grau mixt. Melina, 19, und Torben, 20, wollen ihre erste gemeinsame Wohnung malern. Sie haben genau ausgerechnet, wie viele Liter sie brauchen.
Etwas Veilchenlila soll Akzente setzen. Dazu ein paar Pinsel und Rollen. Baumarktfüchse wie der Fotograf oder ich könnten ihnen jetzt sagen, was man noch alles braucht oder gebrauchen kann: Malerkrepp und Abdeckvlies, Spachtelmasse, Verdünner und die richtige Leiter. Vermutlich haben sie sogar die Zimmerdecken vergessen zu berechnen und kommen bestimmt wieder. Aber sie sehen noch so glücklich aus.

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