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Deutscher Gründerpreis : Die intelligente Verbindung von Mensch und Maschine

Menschen Superkräfte zu verleihen ist ein alter Traum. Warum sollte er nicht wahr werden, fragten sich zwei Augsburger Cousins. Die Geschichte des Gründerpreis-Finalisten German Bionic Systems und ihres aktiven Exoskeletts

Muskelkraft zum Umschnallen: Armin Schmidt und Peter Heiligensetzer (v.l.), die Gründer von German Bionic Systems, mit dem von ihnen entwickelten Exoskelett

Muskelkraft zum Umschnallen: Armin Schmidt und Peter Heiligensetzer (v.l.), die Gründer von German Bionic Systems, mit dem von ihnen entwickelten Exoskelett

Der massive Motorblock liegt in einer sperrigen Gitterbox. Er dürfte um die 40 Kilogramm wiegen. Man muss sich weit über den Rand der Kiste beugen, um ihn überhaupt zu fassen zu kriegen. In der Regel würde ein normal trainierter Mensch es nicht schaffen, diese Last anzuheben. Mindestens Rückenschmerzen drohen schon beim Versuch, vielleicht sogar ein Hexenschuss.

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Doch mit einem „Cray X“ auf dem Rücken ist der Hebevorgang kein Problem: Mühelos beugt man sich vor, greift den Metallklotz und hebt an. Mit einem Surren greift der Elektromotor ein und verschafft dem Träger 20 bis 25 Kilogramm zusätzliche Hebekraft. Es ist verblüffend: Plötzlich fühlt man sich ein ganzes Stück stärker.

Ein Roboter zum anziehen

Der Cray X ist ein so genanntes Exoskelett, eine künstliche Verstärkung des menschlichen Systems aus Knochen, Sehnen und Muskeln, das unsere Kraft überträgt. Man zieht ihn an, wie einen Rüucksack mit Beckengurt und zusätzlichen Beinschlaufen. Ein breiter Brustgurt überträgt die Kraft beim Heben auf den Oberkörper seines Trägers. Das entlastet die Wirbelsäule und schont die Bandscheiben.

Ausgedacht haben sich das ganze Peter Heiligensetzer und Armin Schmidt mit ihrer Firma German Bionic Systems (GBS). Der Cray X ist das erste Produkt des Augsburger Startups, das man kaufen kann. Ein Roboter zum anziehen. „So ein Produkt gibt es bisher in Europa noch nicht“, sagt Heiligensetzer, der Techniker unter den beiden Gründern, die sich von Familienfeiern kannten. Sie sind Cousins.

Ein früherer Arbeitgeber wollte die Technik nicht

Heiligensetzer hat lange für einen großen Hersteller von Industrierobotern gearbeitet und dabei die Idee für das Exoskelett entwickelt. „Nur hat das da niemanden wirklich interessiert“, erinnert er sich. „Also haben wir selber gegründet.“ Konkurrenzprodukte gibt es bisher nur aus Japan und Südkorea, allerdings mit weniger Power.

Inzwischen sind gute zwei Jahre vergangen, GBS hat rund 50 Mitarbeiter und die ersten Geräte sind verkauft. Stückpreis: ab rund 25.000 Euro. „Das klingt vielleicht viel“, sagt Schmidt, „aber im Vergleich mit anderen Hebehilfen, die in der Industrie eingesetzt werden, ist der Preis eher günstig.“ Es ist klar: Der Cray X ist kein Spielzeug für die Freizeit. Aber im Berufsleben sind beim regelmäßigen Heben von Lasten schon bei wenigen Kilo Hebehilfen von der Berufsgenossenschaft vorgeschrieben. Etwa, wenn Reifen an Autos montiert, Pakete in Logistikzentren sortiert oder Koffer an Flughäfen verladen werden.

Flexibler als ein Kran

Ein Exoskelett ist da flexibler einsetzbar, als ein fest installierter Kran oder ähnliche Lösungen. Allerdings erfordert es, dass man sich mit allerlei Gurten fest mit dem Gerät verbindet, damit die Antriebskraft des E-Motors gut auf den eigenen Körper übertragen wird. Bei einer acht-Stunden-Schicht ist das nicht nur komfortabel. Auf so eine Schicht ist übrigens auch der Akku ausgelegt. Er stammt von einem herkömmlichen, leistungsstarken Akkuschrauber und kann bei Bedarf mit einem Handgriff ausgetauscht und geladen werden.

Mehr als 1000 Crays, einige davon in einer wetterfesten Variante für Einsätze in Katastrophengebieten, will GBS im nächsten Jahr verkaufen. Um die herzustellen, hat das Unternehmen gerade eine moderne Produktionslinie in einer Halle am Firmensitz aufgebaut. Auch in Asien, dem bisher größten Markt für solche Geräte, ist das Startup aktiv. „Dort sind die Menschen einer Verbindung von Mensch und Maschine gegenüber viel aufgeschlossener“, sagt Schmidt.

Der große rote Not-Aus-Schalter

Später soll eine neue Generation der Exoskelette auch selbst lernend werden, um sich optimal an die Arbeitsgewohnheiten des Trägers anpassen zu können. Ziel: Die Bewegungen der Maschine sollen immer natürlicher empfunden werden und intuitiv die Muskeln der Menschen entlasten. Momentan wird die Intelligenz noch durch einen großen, roten Knopf ersetzt: den Not-Aus-Schalter. Damit kann man den Roboter-Rucksack ausschalten, wenn er mal nicht so will wie sein Träger.

Die German Bionic Systems GmbH von Armin Schmidt und Peter Heiligensetzer ist einer von drei Finalisten der Kategorie Startup des Deutschen Gründerpreis 2019. Der Preis wird vom stern zusammen mit den Sparkassen, Porsche und dem ZDF jährlich in den Kategorien Schüler, Startup, Aufsteiger und Lebenswerk vergeben und zeichnet Deutschlands beste Gründer aus. Die Preisverleihung findet am 2. Juli im Zollernhof in Berlin statt.

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