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"Entry Standard": Eine Börse für die Kleinen

Die Deutsche Börse will kleine und mittlere Unternehmen an den Aktienmarkt locken: Deshalb startet heute das neue Segment "Entry Standard" - allerdings mit Skepsis.

Als erster Teilnehmer wird der Kieler Fertighausbauer Design Bau aufgenommen und profitiert dabei von wesentlich niedrigeren formalen Eintrittskriterien als in den "höheren" Segmenten Prime und General Standard. Gleichzeitig bekennen sich die Unternehmen zu mehr Einblick in ihre Bücher. Kritiker befürchten indes Schwarze Schafe und "blindes Zeichnen" der Anleger wie einst beim Neuen Markt.

Die Deutsche Börse rechnet mit einem erfolgreichen Start. Der zuständige Manager Rainer Riess erwartet bis Jahresende zehn bis 20 Notierungen. Unternehmen aus dem In- und Ausland hätten Interesse bekundet, es geht um Neuemissionen sowie auch Wechselkandidaten aus dem Freiverkehr. Dazu zählen die Frankfurter Immobilien AG (FRIMAG), der Kölner IT-Dienstleister Tecon Technologies und die Axxon Wertpapierhandels AG. "Das Segment ist eine flexible und kostengünstige Alternative für den Zugang zum Kapitalmarkt, für Investoren bringt es Visibilität", sagt Börsen-Sprecherin Susanne Kreuzer. Ein eigener Aktienindex soll die Kursentwicklung verfolgen, der Name ist allerdings noch geheim.

Geringe Transparenz im neuen Segment

Karl Fickel, Fondsmanager von Lupus Alpha, bemängelt dagegen eine vergleichsweise geringe Transparenz in dem neuen Segment, vor allem bei Neuemissionen. Immerhin sind die Unternehmen beim "Entry Standard" - anders als etwa im "Prime Standard" oder "General Standard" - vor dem Sprung aufs Parkett nicht verpflichtet, einen Börsenprospekt zu veröffentlichen. "Ohne verlässliche Informationen kann ich ein Unternehmen nicht richtig einschätzen", sagte Fickel.

Die "Katze im Sack" kauft der Anleger laut Deutscher Börse aber nicht. Der Investor könne die gewünschten Informationen jederzeit beim Unternehmen erfragen, sagt Riess. Testierte Jahresabschlüsse und ein Zwischenbericht sollen veröffentlicht und so die Transparenz gegenüber dem Freiverkehr verbessert werden. Außerdem herrscht eine Quasi-Ad-hoc-Pflicht: Kursrelevante Nachrichten müssen sofort auf der Internetseite veröffentlicht werden. Zudem bekommen die Vertreter des Segments so genannte Listing Partner an die Seite gestellt, Design Bau etwa wird von der West LB begleitet.

"Ich habe wirklich Bedenken, dass sich der Neue Markt wiederholt"

Der Fertighausbauer sieht in dem Listing eine große Chance, sich von den mehr als 5900 im Freiverkehr notierten Unternehmen abzuheben. Kandidaten für das Segment betonen zudem ihr Bekenntnis zu mehr Transparenz. "Wir sind nicht in den Freiverkehr gegangen, weil wir das Licht scheuen, sondern weil der Zugang leicht war", sagt ein Frimag-Sprecher. Allein das Publizieren in zwei Sprachen und die Umstellung des Bilanzierungsverfahrens für die Aufnahme in die Premium-Segmente sind für die Kleinen teuer und aufwendig. Die aufwendigere Buchhaltung und andere Vorschriften verursachen Kosten von mindestens 500.000 Euro pro Jahr. "Das lohnt sich nur für Unternehmen, die eine gewisse Größenordnung haben", sagt Riess.

Dennoch gibt es Skepsis - auch bei bereits gelisteten Unternehmen. Nach Meinung von Premiere-Finanzchef Michael Börnicke ist Vorsicht geboten. "Da muss vorsichtig und sorgsam mit umgegangen werden. Ich habe wirklich Bedenken, dass sich der Neue Markt wiederholt." Wenn zwei bis drei Jahre Dinge falsch gemacht würden, könne das wie einst beim Neuen Markt auf den gesamten Kapitalmarkt ausstrahlen. Das ehemalige Wachstumssegment Neuer Markt war 2003 nach zahlreichen Firmenzusammenbrüchen und Skandalen aufgelöst worden.

"Es wird ein paar Skandale geben - ohne Zweifel"

Vor einer solchen Entwicklung fürchtet sich auch die Deutsche Börse und appelliert daher an die Verantwortung der Investoren. Es dürfe nicht passieren wie beim Neuen Markt, wo viele Investoren einfach blind gezeichnet hätten. "Unternehmen und Investoren müssen beweisen, dass sie damit verantwortungsvoll umgehen können", mahnt Riess.

Weniger Informationen und damit höhere Risiken müssten die Anleger in den Preisen berücksichtigen, die sie zu zahlen bereit sind. Nach Ansicht von Stefan Sanne, Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Allianz Capital Partners, sind viele Investoren aber genau dazu nicht imstande. "Es wird ein paar Skandale geben - ohne Zweifel", sagte er. Für Beteiligungsgesellschaften, die über das neue Segment Unternehmensbeteiligungen verkaufen können, sei das neue Segment dennoch sinnvoll.

Ein Segment speziell für mittelständische Unternehmen, die in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern an der Börse eher schwach vertreten sind, wurde schon seit längerem gefordert. Bei den internationalen Konkurrenten der Deutschen Börse, der London Stock Exchange (LSE) und der Vierländerbörse Euronext, wurden ähnliche Segmente bereits eingeführt.

Nadine Schwede und Kathrin Schulte-Bunert/DPA

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