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Asien: Hungrig auf Leistung

Ein Wachstum von 6,5 Prozent, ein ausgeglichener Staatshaushalt und Investoren, die Schlange stehen - davon kann Deutschland nur träumen. In Asien ist das dagegen Alltag.

"Da kann ein deutscher Wirtschaftsminister nur neidisch werden", räumt Wolfgang Clement freimütig ein. Der asiatisch-pazifische Markt brodelt und gilt als stärkste Boomregion der Welt. "Die Menschen hier sind hungrig auf Leistung und bestrebt, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern", sagt Siemens-Konzernchef Heinrich von Pierer, der sich seit Jahren als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses für die Belange der deutschen Wirtschaft in Asien einsetzt. Wenn 3 Milliarden Menschen in Asien immer mehr zu Konsumenten werden, dann will Deutschlands Wirtschaft dabei sein.

China braucht Mindestwachstum von 7 Prozent

Allein China hat 1,3 Milliarden Einwohner. 1800 Unternehmen aus Deutschland sind im Reich der Mitte aktiv, das derzeit Acht geben muss, dass seine Wirtschaft wegen zunehmender Inflationsgefahr nicht zu schnell wächst. Trotz restriktiverer Kredithandhabung und leichter Zinsanhebung wird Chinas Wirtschaft dieses Jahr aber wohl um satte 9 Prozent wachsen, schätzen Experten auf der Asien-Pazifik-Konferenz in Bangkok. Allerdings darf das Wachstum eine bestimmte Grenze auch gar nicht unterschreiten. "China ist auf ein jährliches Wachstum zwischen 7 und 8 Prozent angewiesen", gibt Hans-Christian Reichel zu bedenken, der sich im Wirtschaftsministerium seit Jahren mit Asien befasst.

Seit dem WTO-Beitritt des Landes 2001 bekommen auch chinesische Unternehmen auf dem heimischen Markt den rauen Wind des Wettbewerbs zu spüren. Nur Wachstum beschafft das Geld für die Umstrukturierung der riesigen und oft ineffizienten Staatsbetriebe. Nur Wachstum kann die Arbeitslosigkeit von geschätzten 4 Prozent in den Städten und 8 bis zu 30 Prozent auf dem Land auffangen. Von Pierer weiß um die große Anziehungskraft Chinas, das Japan mittlerweile als wichtigsten deutschen Handelspartner in der Region ablöste. Die deutschen Exporte nach China stiegen im ersten Halbjahr um 27 Prozent. Allerdings warnt auch er vor einer zu starken Konzentration: "Wir dürfen die anderen Länder in der Region nicht vernachlässigen. Auch woanders gibt es hübsche Töchter."

Andere Länder nicht vernachlässigen

Zum Beispiel in Vietnam, wo auf den Fluren der Regierungsgebäude oft akzentfreies Deutsch zu hören ist. Viele zurückgekehrte ehemalige DDR-Vertragsarbeiter sind heute in oberen Behördenetagen anzutreffen. Der Vize-Bürgermeister von Ho-Tschi-Minh-Stadt (ehemals Saigon) ist nur einer von vielen, die in Deutschland studiert haben. "Made in Germany" ist in Vietnam willkommen. Das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner bekam den Zuschlag für den Bau des neuen Parlaments- und Kongressgebäudes in Hanoi, in Ho-Tschi-Minh-Stadt produziert DaimlerChrysler und demnächst werden 10 Airbusse nach Vietnam geliefert. "Es gibt hier viele Nischen", sagt eine langjährige Vietnam-Kennerin.

Auch in Thailand drängt die Wirtschaft ungestüm nach vorn, obwohl in dem Land die demokratischen Strukturen zu wünschen übrig lassen und auch die Korruption an vielen Stellen blüht. Die Regierung stärkt die Landwirtschaft als "Rückgrat der Nation", setzt auch auf erneuerbare Energien und hat bereits Freihandelsabkommen mit China und Indien abgeschlossen. Das Rezept trägt Früchte, denn das Wachstum liegt bei 6,5 Prozent und die Devisenreserven befinden sich auf Rekordniveau. Auch die Industrie soll nach vorne gebracht werden. Thailand wolle 2010 rund 1,8 Millionen Autos produzieren, davon die Hälfte für den Export, formulierte der ökonomisch versierte Premierminister Thaksin Shinawatra als Ziel. "Es ist also jetzt die richtige Zeit für die deutsche Automobilindustrie."

Helmut Reuter, dpa / DPA