Aufruf zum Ungehorsam


Es ist wie beim Autofahren. Die Männer sagen: Ihr Frauen könnt nicht mit Geld umgehen. Und wir glauben es. stern-Redakteurin Elke Schulze über Einparken und Bankgeschäfte

Meine Freundin Petra sagt: "Frauen interessieren sich nicht für Geld. Das liegt in unseren Genen." Petra ist verheiratet. Ihre Geldangelegenheiten regelt Peter, ihr Mann. Peter ist ein "Klassiker". Er hat die Hosen an, auch wenn es ums Geld geht. Folglich lässt Peter seine Petra auch in dem Glauben, sie könne nicht mit Geld umgehen. Der Gene wegen. Eine Forsa-Umfrage für den stern bestätigt, was Petra und Peter sagen: Rund die Hälfte aller Männer hält sich in Sachen Geldanlage und Vorsorge für kompetent. Lediglich 14 Prozent glauben, dass sich ihre Partnerin in finanziellen Dingen besser auskennt. Und die Frauen? Nicht mal jede Dritte (31 Prozent) sagt, dass sie in Gelddingen Bescheid weiß. Bei den jüngeren Frauen (18 bis 29 Jahre) besitzt gar nur jede Fünfte das nötige Selbstvertrauen in monetären Angelegenheiten.

Das muss sich ändern! Wir Frauen können es, wenn wir wollen. Mit Biologie hat das natürlich gar nichts zu tun. Meine Freundin Petra habe ich mit folgendem Beispiel überzeugt: Jahrzehntelang haben uns Männer gesagt, ihr könnt nicht Auto fahren. Und einparken schon gar nicht. Sie haben uns schreiend bunte Kleinwagen aufgeschwatzt, weil wir mit unserer angeblich mangelnden räumlichen Wahrnehmung die leichter in eine Parklücke bugsieren können. Und was tun wir: Vermeiden es, rückwärts einzuparken, anstatt zu üben. Dabei verursachen Frauen laut Statistik nur halb so viele schwere Unfälle wie Männer. Weshalb viele Autoversicherer günstige Frauentarife anbieten. Petra, habe ich gesagt, beim Geld ist es doch genauso. Es ist nur Mittel zum Zweck. Geld anzulegen bedeutet nichts anderes, als zu überlegen: ein Paar Schuhe jetzt zu kaufen oder sich später von Geld und Zins zwei Paar leisten zu können. Nach Studien erzielen Frauen, die sich um ihre Geldanlage kümmern, durchweg höhere Renditen als männliche Anleger. Obwohl Frauen dabei vorsichtiger agieren.

Drei Viertel der Frauen verdrängen den Gedanken an Geld regelrecht

Männer sind risikofreudiger - sagen wir, wie es ist: beratungsresistent - und überschätzen ihr Können (wie beim Autofahren). Auch in anderen Teilen der Welt sind Frauen die besseren Geld-Manager, wie die erfolgreiche Grameen-Bank zeigt: Der aus Bangladesch stammende Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus gründete die Bank, die Kleinkredite für Existenzgründer vergibt, um die Armut im Lande zu bekämpfen. Im vergangenen Jahr bekam er den Friedensnobelpreis dafür. Es kann doch wohl kein Zufall sein, dass diese Kredite zu 97 Prozent an Frauen ausgezahlt werden. Oder, Peter? Wir Frauen müssen jetzt nicht alle Finanzspezialistinnen werden. Es geht nicht darum, täglich die Börsenberichterstattung zu verfolgen. Auf Anhieb zu wissen, was ein Open-End-Zertifikat ist oder wie ein Optionsschein funktioniert. Aber solange Frauen kürzer und konservativer beraten werden, wie eine Untersuchung des Instituts für Psychologie und Arbeitswissenschaft der TU Berlin ergab, gibt es noch einiges zu tun. Zunächst mal, sich Gedanken zu machen: Wie viel von meinem Geld kann ich ausgeben, spare ich oder lege es langfristig an, um finanziell unabhängig zu sein?

Unser Geld-Gen funktioniert ganz gut, solange wir mehr oder weniger allein durchs Leben gehen. Wir kümmern uns um unsere Lebensversicherungen und Sparpläne. Wir hantieren mit Geld wie mit der Bohrmaschine, dübeln Regale an die Wand und flicken Fahrradschläuche. Doch kaum tritt "er" dauerhaft in unser Leben, wandeln wir uns auf wundersame Weise: Wir können keinen Schraubenzieher mehr richtig halten und tun so, als hätten wir das Wort Altersvorsorge noch nie gehört: "Schatz, schau mal, Post von der Versicherung." Schicken unseren Peter bei Verhandlungen mit der Bank vor. Laut einer Studie für die Commerzbank verdrängen drei Viertel der Frauen den Gedanken an Geld regelrecht. Mädels, bis 1958 durften verheiratete Frauen nicht mal ein Konto eröffnen und bis 1977 keinen Arbeitsvertrag annehmen, ohne dass "er" seine schriftliche Zustimmung gegeben hat! Es stimmt ja, die Angebote von Banken und Fondsgesellschaften sind oft verwirrend.

Früher oder später kommt für jede Petra das böse Erwachen

Aber mal unter uns gesagt: Das geht dem Peter doch genauso. Er gibt es nur nicht zu. Früher oder später kommt für jede Petra aber das böse Erwachen: Die durchschnittliche Rente der Frauen lag 2006 bei jämmerlichen 637 Euro, mehr als jede dritte Ehe wird geschieden. Trotzdem treffen 43 Prozent der Frauen keine Vorsorge fürs Alter, wie eine Umfrage der Investmentfonds-Firma Fidelity Deutschland ergab. Obwohl Frauen von Verdienstausfällen und unregelmäßigen Einzahlungen ins Rentensystem viel stärker betroffen sind als Männer. Denn wer erzieht hauptsächlich die Kinder und pflegt Oma und Opa, wenn die nicht mehr können? Um auf meine Freundin Petra zurückzukommen: Sie hat inzwischen mit ihrem Bankberater gesprochen und eine Risikolebensversicherung für ihren Sohn unterschrieben. Und für sich selbst einen Riester- Rentenvertrag abgeschlossen.

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