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Markus N. Beeko Ein Jahr Hanau: Vom Gedenken zum Handeln für die Überlebenden. Ein Aufruf

Eine Frau geht vor Porträts von Opfern des Anschlags von Hanau entlang
Ein Gemälde unter der Frankfurter Friedensbrücke zeigt die Porträts von neun Opfer der Anschläge in Hanau. Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, fordert zum Jahrestag des Anschlags ein Umdenken in der Gesellschaft im Kampf gegen Rassismus.
© Andreas Arnold / DPA
Vor einem Jahr hatte Tobias R. neun Menschen mit Migrationshintergrund an mehreren Orten in Hanau erschossen. Die Tat reiht sich ein in weitere Angriffe. Was es braucht, damit das Gedenken an Hanau einen Unterschied machen kann. Ein Gastkommentar von Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland.

Es gibt Momente des Gedenkens und es gibt Momente des Handelns. Heute gedenken wir der neun Menschen, die am 19. Februar 2020 in Hanau aus rassistischem Motiv ermordet wurden: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Wir gedenken ihrer und unsere Solidarität und Anteilnahme gilt ihren Familien, Freund*innen und Bekannten. Wir gedenken neun Menschen, die rassistische Gewalt plötzlich und unerwartet, aber nicht unangekündigt traf.

Tagtäglich gehen Verunglimpfungen, Herabwürdigungen und Aufrufe rassistischer Gewalt voraus. Die Morde in Hanau und Halle, die Tötung von Walter Lübcke, die Morde des NSU sowie alle rassistischen Gewalttaten, die es nicht ans Licht der Öffentlichkeit schaffen – sie sind Gewalt "mit Ansage". 

Die rassistische Gewalt folgt der Sprache der Verrohung, der Entmenschlichung, der Ausgrenzung und Einschüchterung. Ob sie verborgen, scheinbar nuanciert in Debatten daherkommt oder als offene Drohung und Aufruf zu Angriff, Mord und Terror an Mitmenschen in Social-Media-Kanälen.

Diese Aufrufe zu Gewalt sind eine Kriegserklärung. Es folgen Taten, die uns sprachlos machen, stumm in unserer Trauer, benommen in scheinbarer Ohnmacht.

Als Carolin Emcke 2016 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche entgegennahm, erinnerte sie: "Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt." 

Ein Jahr "nach Hanau" müssen wir fragen: Werden wir dem Gedenken der Ermordeten von Hanau gerecht, greifen wir "sprechend und handelnd" ein? Setzen wir uns für Aufklärung und Gerechtigkeit ein, wie es die Angehörigen tun? Verhindern wir, dass der Anschlag in Hanau sich stumm einreiht in die Liste rassistischer Gewaltverbrechen in Deutschland? Bis ein weiterer Anschlag folgt? Ein weiterer Gedenktag?

Der Toten gedenken, die Überlebenden schützen

In diesem Jahr "nach Hanau" haben rechtsextreme Gewalttäter rund 23.000 Straftaten begangen, ein Anstieg um 700 Taten im Vergleich zu 2019.  Ein Anstieg ergab sich auch bei islamfeindlichen, antimuslimischen und antisemitischen Straftaten.  

Es ist klar: Selbst wenn die Täter von "Halle", "Hanau" oder des NSU tot oder in Haft sind, droht Gewalt durch die nächsten, rassistischen Angreifer – quicklebendig und zum Äußersten bereit. 

Markus N. Beeko: Ein Jahr Hanau: Vom Gedenken zum Handeln für die Überlebenden. Ein Aufruf

Deshalb muss das Gedenken an die Opfer auch ein Gedenken an "die Überlebenden" des rassistischen Terrors in Deutschland sein. Das sind all diejenigen, die weiterhin in unserer Mitte in Angst leben müssen, weil rassistische Hetzer sie einzeln oder als Gruppe öffentlich zur Zielscheibe machen, bedrohen und gegen sie aufstacheln.

"Hanau" kann dann einen Unterschied machen, wenn unser Gedenken am heutigen Tag, an jedem Tag, als Solidarität erlebbar ist für jene, deren Leben überschattet wird von dieser Kriegserklärung. Wenn wir "sprechen und handeln" mit und für alle, die weiter akut der antisemitischen, rassistischen und homofeindlichen Bedrohung ausgesetzt sind. Damit sie nicht die nächsten Opfer werden.

Denken und Handeln

Rassismus beginnt im Alltag. Der Kampf gegen Rassismus beginnt in Kopf und Herz: Indem wir eigene und gesellschaftliche Stereotype und Klischees hinterfragen und erkennen, dass diese durchaus rassistisch, sexistisch oder LGBTIQ-feindlich sein können.

Dass wir mit Vorurteilen und gesellschaftlichen Zuschreibungen durch die Welt gehen, ist wissenschaftlich belegt. Wir handeln bei Weitem nicht so rational, wie wir glauben. Der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hat dies im Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" überzeugend dargelegt: Wir verlassen uns oft auf unsere Intuition, unser Bauchgefühl. Die Welt "in Schubladen" zu denken, hilft uns schnell zu agieren, macht uns aber empfänglich und öffnet den Weg für Klischees, Vorurteile und Stigmatisierungen. Um im eigenen Kopf gegen Rassismus vorzugehen, braucht es deshalb den "zweiten Gedanken", den "zweiten Blick". 

Im gesellschaftlichen Kampf gegen Rassismus fehlt dieser "zweite Blick" viel zu häufig: Er fehlt, wenn Innenminister eine Studie zu Rassismus in der Polizei ablehnen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Wenn von "Döner-Morden" die Rede ist bei Bedrohungen gegen Teile der Bevölkerung. Wenn Medienschaffende die berechtigten Ängste von Rassismus betroffenen Menschen als "Übersensibilität" verharmlosen. Oder wenn Rundfunkanstalten Talkshow-Gäste ohne Rassismus-Erfahrung Rassismus relativieren lassen.

Um antirassistisch handeln zu können, müssen wir rassistische Denkmuster erkennen. Bei uns. In unserem Umfeld. In unserer Gesellschaft. Und darüber sprechen. Mit Nachbar*innen und Arbeitskolleg*innen; mit unseren Kindern, Enkeln, Neffen oder Eltern. In Behörden, der Polizei, in Schule, in Betrieben, in Vereinen. Mindestens so laut wie diejenigen, die versuchen, Rassismus und Antisemitismus zu relativieren.

Und wir müssen handeln: Der Schutz vor rassistischer Gewalt ist ein Menschenrecht und deswegen eine Aufgabe der inneren Sicherheit. Aber wie sollen sich von Rassismus, Antisemitismus oder Homofeindlichkeit betroffene Menschen in Deutschland sicher fühlen, wenn Sicherheitsbehörden Rassismus nicht erkennen können oder wollen? 

Amnesty International fordert eine breite Professionalisierung der Polizei in der Antirassismus-Arbeit, verpflichtende Antirassismus-Trainings für alle Sicherheitsbehörden und unabhängige Beschwerdestellen bei Bund und Ländern – für Betroffene wie für Beamt*innen. Deutschland – wir alle – brauchen nicht nur eine rassismus-sensible und rassismus-arme Polizei, sondern eine antirassistische, die sich dem erklärten Krieg gegen Teile unserer Gesellschaft mit aller Staatsgewalt entgegenstemmt.

Auch braucht es eine breite Menschenrechtsbildung, die über die Formen von Diskriminierung und Rassismus sensibilisiert. Nicht nur an Schulen und Bildungseinrichtungen, sondern auch als Teil der Ausbildung von Beamt*innen, im Jura- oder Journalismusstudium, der Ausbildung von Lehrer*innen und Erzieher*innen, in der gesamten Jugendarbeit.

Der Maßnahmenkatalog des Kabinettsausschusses zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus ist ein Anfang, um ins Handeln zu kommen.

Der 19. Februar ist ein Tag des Gedenkens. Machen wir ihn auch zu einem Tag des Sprechens und Handelns – für eine Gesellschaft des Zusammenhalts, der Solidarität und der Menschenrechte und gegen rassistische Gewalt und Ausgrenzung in Deutschland!

rw

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