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BÖRSE: Make-up für eine Ruine

Der Neue Markt wird abgeschafft - Kritiker sehen darin lediglich einen Marketingtrick. Was Anleger künftig beachten müssen.

Natürlich könnte man jetzt ein bisschen fies sein und mal im Archiv nachschauen, was Werner Seifert, Chef der Deutschen Börse, vor drei Jahren über die kolossalen Wachstumsmöglichkeiten des Neuen Marktes gesagt hat. Man könnte auch nachschauen, welche Bank die größten Betrüger an die Börse brachte und welche Analysten die dümmsten Prognosen abgaben. Aber dann wäre man auch ziemlich schnell bei manchen Journalisten, die begeistert die Stimmung anheizten. Und vielen Anlegern, die vor lauter Dollarzeichen vor Augen die Benutzung des Gehirns vergaßen. Also machen wir zur Abschaffung des Neuen Marktes ausnahmsweise mal einen Bogen ums Archiv und schauen, was die Deutsche Börse künftig tun will, um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Grund zum Jubeln, so viel vorab, besteht nicht.

Als Erstes

integriert sie die Firmen des verblichenen Neuen Markts in den Amtlichen Markt. Im Gegensatz zu dem, an dem Daimler, BMW und 600 andere Unternehmen gehandelt werden und der durch öffentliches Recht geregelt ist, war der Neue Markt eine Art Privatveranstaltung zwischen der Börse und den New-Economy-Firmen. Die Regeln, die hier galten, waren zwar strenger als die am Amtlichen Markt, Verstöße musste die Börse aber privatrechtlich ahnden - und das hat nie so richtig geklappt. Mit diesem ganzen Konstrukt ist ab 1. Januar 2003 Schluss. Von da an gibt es nur noch den amtlichen Markt, der in zwei Teile unterschieden wird: den so genannten Prime Standard und den General Standard.

Grundsätzlich

kommen alle Firmen erst mal in den General Standard. Will eine in den höherwertigen Prime Standard, muss sie einen Antrag bei der Börse stellen und verschärfte Regeln erfüllen. Sie muss künftig statt einmal im Jahr alle drei Monate einen Geschäftsbericht abliefern. Die Jahresbilanz muss neben dem deutschen noch nach einem internationalen Rechenmodell erfolgen: entweder nach den europäischen IAS- oder nach US-GAAP-Regeln. Außerdem muss die Firma alle Mitteilungen auch auf Englisch veröffentlichen und mindestens einmal im Jahr eine Analystenkonferenz veranstalten.

Peter Heinrich, 47, Chef der Münchner Biotechfirma Medigene, will in den Prime Standard aufgenommen werden, auch wenn ihn der Mehraufwand, wie bisher am Neuen Markt, weiterhin 500.000 Euro jedes Jahr kostet. Er glaubt aber: »Nur wer im Prime Standard ist, ist auch im internationalen Kapitalmarkt präsent und kann ausländische Investoren gewinnen.« Für die Firmen des Neuen Marktes dürfte es eine finanzielle Entscheidung sein, ob sie sich den Prime Standard leisten wollen oder nicht, denn sie mussten die hohen Anforderungen schon bisher erfüllen. Dass hohe Standards noch längst nicht bedeuten, dass an der Spitze solcher Firmen ehrbare Kaufleute stehen, ist allerdings inzwischen auch jedem bekannt.

Wolfgang Gerke,

Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg, schätzt, dass zwei Drittel aller börsennotierten deutschen Firmen in den Prime Standard drängen: »Ich hoffe aber, dass der General Standard am Ende nicht zu einer Zockerbörse verkommt.« Volker Potthoff, Vorstandsmitglied der Deutschen Börse, schätzt dagegen, dass nur etwa ein Drittel aller Firmen ins Prime-Segment will. Er ist ziemlich begeistert von der bevorstehenden Neusegmentierung, mit der man »die höchsten Transparenzstandards in Europa« schaffe.

Warum Potthoff

dann einige Regeln abgeschafft hat, die bisher für Neue-Markt-Firmen galten, bleibt sein Geheimnis. So fehlt in der neuen Börsenordnung die Lock-up-Vorschrift, nach der es Firmenvorständen innerhalb von sechs Monaten nach dem Börsengang verboten ist, eigene Aktien zu verkaufen. Börsen-Professor Gerke schlägt »grundsätzlich strengere Regeln« für die Fälle vor, in denen Vorstandsmitglieder Aktien ihrer Firmen kaufen oder verkaufen: »Damit gewinnt man viel eher das Vertrauen unter Anlegern zurück.«

Neben der

Unterscheidung in Prime und General Standard ab 1. Januar ordnet die Börse auch ihre Indexlandschaft neu. Ende März 2003 löst der TecDax30 den Nemax50 ab. Der Index für mittelgroße Firmen, der MDax, wird von 70 auf 50 Unternehmen verringert. Beim SDax, dem Index für kleine Unternehmen, bleibt es bei 50. Unverändert bleibt auch der Leithammel, der Dax. Über die Zugehörigkeit zu einem Index entscheiden die Marktkapitalisierung und der Börsenumsatz.

Wendet man die Kriterien jetzt schon auf den Nemax50 an, käme Heinrichs Biotechfirma Medigene nur auf Platz 34, wäre im TecDax30 also nicht vertreten. Der Chef ist dennoch optimistisch, am Ende drin zu sein, denn Stichtag ist der 31. Januar - und Medigenes Kurs steigt derzeit wieder. »Aktien leben davon, dass sie beobachtet werden«, sagt Heinrich, »sie müssen sichtbar sein, und Indizes sind eben Schaufenster für Anleger.« Deshalb ist es wichtig, überhaupt in einem vertreten zu sein - möglichst noch im richtigen. Der Münchner Chip-Broker CE Consumer Electronic, bisher im Nemax50, hatte sich jedenfalls echauffiert, als die Börse ihre neuen Indexpläne veröffentlichte und ihn, statt in den neuen TecDax30, in den SDax steckte - zusammen mit Sex-Artiklern, Baumärkten und Brauereien.

Auch Verwalter

von Fonds beobachten mit Argusaugen die neuen Indizes. Karl Fickel, 42, Mitgründer von Lupus alpha Asset Management in Frankfurt, verwaltet ein Vermögen von über 700 Millionen Euro. Was macht Fickel nach Abschaffung des Neuen Markts mit seinem Fonds Lupus alpha Neue Märkte Plus? »Die Firmen hinter den Indizes verschwinden ja nicht«, sagt Fickel, »die bleiben die Gleichen.« Deshalb werde seine Gesellschaft die neuen Indizes erst mal beobachten und die Anleger nach ihren Interessen fragen. Wenn Fickel künftig nach Firmen für seinen Neue-Märkte-Plus-Fonds sucht, wird er sie aus der neu geschaffenen Branche Technology im Prime Standard herauspicken.

Klingt alles

nach Schönheitsoperation, wo eine Herztransplantation nötig wäre? Das »Wall Street Journal« lästerte bereits über die deutsche Börsenreform: »Marketingtrick«. Schließlich werden die Regeln, die bisher für den Neuen Markt galten, nicht verschärft, sondern auf den Prime Standard übertragen. Börsenvorstand Potthoff wehrt sich gegen die Vorstellung, dass die Börse die Seriosität der Firmen bewerten soll: »Wir wollen Transparenz, aber allein können wir es nicht schaffen, die Kontrolle muss vom Staat kommen.« Und von jedem Einzelnen. Börsenmanager Potthoff hat gelernt: »Wo die Ethik nicht funktioniert, können wir das auch über Regeln nicht in den Griff bekommen.«

Wie wär's da mal mit einer ganz neuen Eigenschaft an der Börse: Bescheidenheit?

Markus Grill