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Deutsche Bank: Der böse Geist von Josef Ackermann

Ackermanns Erbe wird die Deutsche Bank noch länger beschäftigen. Der jüngste Milliardenverlust wird nicht die letzte böse Überraschung sein. Jain und Fitschen sind aber auf dem richtigen Weg.

Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

2,2 Milliarden Euro Verlust, 2,9 Milliarden Extra-Belastungen, 1,6 Milliarden davon für diverse Prozesse: Die neuen Zahlen der Deutschen Bank wirken auf den ersten Blick geradezu erschütternd. Zumal selbst die best informierten Experten das Ausmaß der Verheerungen nicht annähernd vorhergesagt hatten. Die Hinterlassenschaften von Josef Ackermann, ihrem in der Öffentlichkeit zwar unbeliebten, aber vermeintlich erfolgreichen Vorgänger, erweisen sich für das neue Führungsduo Anshu Jain und Jürgen Fitschen als milliardenschwere Hypothek. Erst jetzt erfassen die Nachfolger, wie teuer die Bank Hemmungslosigkeit und Gier zu stehen kommen. Oder wie es Jain am Donnerstag ausdrückte: "Wir befinden uns immer noch am Anfang einer langen Reise."

Kulturwandel kommt

Und was macht die Börse? Schickt die Aktie der Deutschen Bank steil nach oben. Statt abgestraft zu werden, gehörte das Papier zu den Spitzenwerten im Dax. Mal wieder verkehrte, absurde Börsenwelt? Nein, denn es gibt auch Positives im vermeintlich desaströsen Zahlenwerk zu entdecken. Das operative Geschäft läuft nicht schlecht, der Ausblick für 2013 ist beruhigend, die Kernkapitalquote der Bank dank verschärfter Anforderungen gestiegen. "Der Kapitalaufbau ist unsere Top-Priorität", sagte Jain am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz.

Auch ist der Anteil der Bonuszahlungen am Ertrag gesunken - ein Zeichen dafür, dass es das neue Führungsduo Ernst nimmt mit dem viel beschworenen "Kulturwandel". Der soll die Deutsche Bank weg von der hemmungslosen Zockerbude früherer Tage hin zu einem ethisch bewussteren, moralisch integren Geldhaus führen. Die Rückstellungen für die Rechtsstreitereien, bei denen es auch um Markt-Manipulationen geht, zeigen, dass das dringend erforderlich ist - und auch im Interesse der Investoren sein sollte.

Geschäft geht vor

Wer vom Finanzmarkt jetzt aber zu viel Applaus für Ethisches und Moralisches erwartet, ist naiv. Natürlich zählen weiterhin vor allem Profite. Wie die erwirtschaftet werden, wird den Investoren gleich sein - Hauptsache nicht illegal und daher mit hohen Strafzahlungen verbunden. So ist Jürgen Fitschens Plädoyer für eine Bank, bei der der Kunde im Vordergrund steht und nicht der Profit ("Wer bei uns arbeitet und diese Werte nicht respektiert, der sollte besser gehen, das haben wir jedem gesagt") zwar nett anzuhören. Aber natürlich wird die Bank diesen ethisch moralischen Weg nicht gehen, ohne einige zwielichtige Trampelpfade zu betreten. Einer ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln. Die lag 2012 brach. Die Bank ließ untersuchen, ob der Handel mit Terminkontrakten auf Reis, Weizen oder Zucker wirklich die Lebensmittelpreise treibt - und so für Hunger in der Welt sorgt. Vor einigen Tagen verkündete Fitschen dann das vorhersehbare Ergebnis: alles sauber. Die Deutsche Bank zockt also wieder munter mit Nahrung.

Auf dem richtigen Weg

Und bedient damit das professionelle Interesse des Mannes von Geld. Es wäre aus Sicht des Anlegers und auch des Kunden - der ja im Mittelpunkt des Kulturwandels steht - grob fahrlässig, den lukrativen Handel mit Agrar-Derivaten einzustellen. Vertraut man einer Bank, die freiwillig auf Geschäft verzichtet, das laut eigener Untersuchung sauber ist? In der Tat gibt es andere Faktoren, die einen unbestreitbaren treibenden Einfluss auf die Lebensmittelpreise haben: Wetterkapriolen, politische Unruhen, Missernten. Zudem sollte man nicht vergessen, wozu Nahrungsmittel-Kontrakte ursprünglich gedacht waren: zur Absicherung der Landwirte gegen Ernteausfälle.

Fitschen und Jain sind hier also auf dem richtigen Weg. Fragt sich nur, wann sich der Geist von Josef Ackermann verflüchtigt und die Deutsche Bank endlich eine weiße Weste bekommt. Wer glaubt, dass es mit den 1,6 Milliarden Euro getan ist, wird 2013 noch einige Überraschungen erleben.

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