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Dispokredit bei Girokonten: Abzocke mit Wucherzinsen

Banken und Sparkassen verlangen Wucherzinsen für Dispokredite bei Girokonten - und verdienen sich daran eine goldene Nase. Verbraucherschützer fordern härtere Gesetze.

Von Peter Neitzsch

Nicht für jeden selbstverständlich: ein eigenes Girokonto mit Geldkarten

Nicht für jeden selbstverständlich: ein eigenes Girokonto mit Geldkarten

Banken locken ihre Kunden in eine Falle: die Dispo-Falle. Und die funktioniert so: Auch wenn das Geld am Monatsende alle ist, lässt sich weiter welches abheben. Unkomplizierter als über den Dispo kann man sich nicht verschulden! Etwa bei jedem sechsten Bankkunden in Deutschland steht das Girokonto im Minus. Doch der Kredit vom Geldautomaten kann schnell teuer werden: Banken verlangen von ihren Kunden laut der Zeitschrift "Finanztest" in der Regel Dispozinsen im zweistelligen Prozentbereich.

Im Durchschnitt müssen die Kunden 12,4 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie ihr Girokonto überziehen, so das Ergebnis der "Finanztest"-Untersuchung. Vor allem Volksbanken und Sparkassen bitten ihre Kunden mit hohen Zinssätzen zur Kasse. Den absoluten Spitzensatz verlangt mit 18,25 Prozent Dispozinsen die Volksbank Randerath-Immendorf. Immerhin noch 14,75 Prozent fordern zwei weitere Genossenschaftsbanken (die Kaltenkirchener Bank und die Volksbank Braunlage) sowie die Sparkasse Münden. Die teuerste überregionale Privatbank ist die Targobank mit einem Dispozins von 14,7 Prozent.

Nur eine von 20 Banken bietet einen Dispokredit mit weniger als zehn Prozent Zinsen. Der Grund ist einfach: Die Banken verdienen am Dispozins hervorragend. Allein zwischen Dezember 2008 und April 2010 haben die Geldhäuser durch den großen Abstand zum Marktzins 777 Millionen Euro Gewinn gemacht, schätzt die Verbraucherzentrale Bremen.

Alternative Abruf- oder Ratenkredit

Die Verbraucherexperten von "Finanztest" raten dazu, Dispozinsen wenn irgend möglich zu vermeiden und das Girokonto nur im Notfall zu überziehen. "Wenn Sie langfristig mehr Geld brauchen, sollten Sie über einen Abruf- oder Ratenkredit nachdenken." Die beste Methode, dem Ärger über hohe Dispozinsen Luft zu machen, sei der Wechsel der Bank. Denn dass es auch anders geht, beweist etwa die Deutsche Skatbank, die ihren Kunden nur 6 Prozent für die Kontoüberziehung berechnet. Die DAB-Bank verlangt moderate 6,95 Prozent.

Insgesamt haben die Tester 642 Girokonten verglichen. Die Zahl der angefragten Banken und Sparkassen sei noch deutlich größer gewesen: Fast 1000 Institute hätten jedoch gar keine Auskünfte erteilt. Alle Zinssätze finden Sie in dieser Tabelle (PDF).

Banken verweigern die Umschuldung

Doch nicht jeder Schuldner, der hohe Dispozinsen bezahlen muss, kann auf einen anderen Kredit ausweichen. Selbst bei völlig überschuldeten Kunden verweigern die Banken oft die Umschuldung und pochen auf die teuren Überziehungszinsen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) unter behördlich anerkannten Schuldnerberatungsstellen.

Zwischen drei und vier Millionen überschuldete Privathaushalte gibt es in Deutschland. Über 90 Prozent davon überziehen ihr Girokonto länger als zwölf Monate. Im Schnitt werden 70 Prozent aller Anträge abgelehnt, den teuren Dispokredit in einen günstigeren Ratenkredit umzuwandeln - häufig mit der Begründung fehlender Kreditwürdigkeit. "Das ist ein Ablenkungsmanöver", urteilt Andrea Heyer, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen. "Der Dispokredit wurde ja bereits eingeräumt."

"Dieser Zinswucher muss ein Ende haben"

Nach Angaben der Verbraucherschützer sind vier von zehn Betroffenen mit 3000 Euro und mehr im Minus. Bei einem durchschnittlichen Dispozinssatz von 12,4 Prozent müssen sie jedes Jahr 372 Euro Zinsen zahlen. "Dieser Zinswucher muss ein Ende haben", sagt vzbv-Vorstand Gerd Billen. Banken müssten per Gesetz verpflichtet werden, eine Umschuldung anzubieten, wenn der Dispokredit länger als ein Jahr ausgeschöpft wird. Darüber hinaus fordert Billen eine gesetzlich festgelegte Obergrenze für Dispozinsen.

Bis dahin bleibt Kontoinhabern nur, ihren Dispo so wenig wie möglich zu beanspruchen oder gleich die Bank zu wechseln. Welche Geldhäuser die niedrigsten Dispozinsen verlangen und die besten Konditionen bieten, können Sie mit dem Girokontenvergleich von stern.de ganz einfach selbst ermitteln.

Hier geht's zum stern.de-Girokontenvergleich.

Von Peter Neitzsch
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