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KAPITALMARKT: Aktien profitieren von neuen Gesetzen

Grundsätzlich wird der »Shareholder-Value-Gedanke« - also der Anlagewert für die Aktionäre - weiter in den Vordergrund treten, glauben die Börsenexperten.

Der deutsche Aktienmarkt wird nach Einschätzung von Experten 2002 vom Inkrafttreten des Übernahmegesetzes und der Steuerbefreiung von Gewinnen aus veräußerten Kapitalbeteiligungen profitieren. Grundsätzlich wird der »Shareholder-Value-Gedanke« - also der Anlagewert für die Aktionäre - weiter in den Vordergrund treten, heißt es bei Börsenkennern. Auch dürften sich die Gesellschaften mehr auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Unternehmensrenditen sollen steigen und Managements vermehrt unter Druck stehen. Generell dürften sich die neuen Regelungen kurssteigernd auswirken. Einig sind sich die Experten auch darin, dass die Stellung der Kleinaktionäre bei Übernahmen gestärkt wird.

Entflechtung steht bevor

Vom »größten Reformschritt der Schröder-Regierung« spricht Invesco-Chefvolkswirt Jörg Krämer angesichts der künftigen steuerlichen Neuerungen. Vom ersten Januar an müssen Unternehmen die Erlöse nicht mehr versteuern, die sie erzielen, wenn sie Kapitalbeteiligungen veräußern. Dies dürfte nach Ansicht von Experten zu einer Entflechtung der der »Deutschland AG« - also des weitverzweigten Beteiligungsnetzes der hiesigen Konzerne - führen. »Wenn nun große Aktienpakete steuerfrei veräußert werden, kann das entsprechende Management immer weniger sein eigenes Süppchen kochen«, sagt Krämer.

Übernahmen werden erleichter

Die Vorstände sind immer weniger vor Übernahmen gesichert, weil die Aktienpakete ihrer Unternehmen freier verfügbar sind. Dies verpflichtet das Management noch mehr als bisher, Maßnahmen zur Steigerung des Aktienkurses zu ergreifen. Krämer verwies auf US-Studien, nach denen Aktienkurse sinken, wenn der Staat Übernahmen behindert. Für Deutschland heißt das umgekehrt, dass die Steuerfreiheit Übernahmen erleichtert und damit generell kurssteigernd wirkt.

Geben Banken Industriebeteiligungen ab?

Auf einen anderen Aspekt weist Hartmuth Höhn von der Berenberg-Bank hin. Ein großer Teil der Aktienpakete liegt bei Banken und Versicherungen. Viele Institute werden Höhn zufolge schnell mit der Veräußerung von Kapitalbeteiligungen beginnen und die Erlöse für die Stärkung des Kerngeschäftes investieren. Durch die effizientere Verwendung des Kapitals werden die Eigenkapitalrenditen der Gesellschaften steigen. Vor allem wird davon ausgegangen, dass sich große Finanzhäuser wie Allianz oder Deutsche Bank von ihren Industriebeteiligungen trennen, wie sie es auch bereits vor längerem ankündigten. Darüber hinaus könnte es zu Portfolio-Bereinigungen in bestimmten Industrien wie etwa den Versorgern kommen, die Geld für weitere Akquisitionen in ihren Kerngeschäften brauchen.

Wider die Verkrustung

Die Verkrustungen am deutschen Kapitalmarkt sieht Aktienstratege Rolf Elgeti von Commerzbank Securities als Hauptgrund für die durchschnittlich schwachen Renditen deutscher Unternehmen in den vergangenen Jahren, die lediglich bei einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes lagen. Elgeti erwartet, dass sich infolge der Steuerbefreiung und des Übernahmegesetzes die Renditen dem Niveau von rund zehn Prozent am viel weniger regulierten US-Aktienmarkt annähern werden.

Gesetzlicher Rahmen für Fusionen

Grundsätzlich ähnliche Wirkungen erwarten Experten vom Übernahmegesetz. Hierdurch wird in Deutschland erstmals für Fusionen ein gesetzlicher Rahmen geschaffen. Bieter müssen künftig detaillierte Verfahrensregeln einhalten und unter anderem eine Angebotsunterlage erstellen, für deren Inhalt sie nach den Grundsätzen der Prospekthaftung einzustehen haben. Für den Vorstand eines zum Übernahmeziel gewordenen Unternehmens besteht grundsätzlich eine Neutralitätspflicht gegenüber der vorgelegten Offerte und den Aktionären, die allerdings teilweise durchbrochen wird und deswegen heftig umstritten ist.

Kleinaktionäre profitieren bei Übernahmen

Von Interesse für Kleinaktionäre ist vor allem das »Pflichtangebot«. Wenn ein Erwerber mehr als 30 Prozent an einer Firma und damit die Kontrollmehrheit erworben hat, muss er den verbleibenden Aktionäre ein Angebot unterbreiten, dessen Höhe sich entweder am Durchschnittskurs der vorherigen drei Monate oder an dem zumeist höheren Preis orientiert, den die übernehmende Gesellschaft für ein bereits außerbörslich erworbenes Paket an dem Zielunternehmen bezahlt hat. »Ein großer Vorteil für die Kleinaktionäre«, sagt Jens Jung, Analyst bei Independent Research. Er verweist auf den Automobilzulieferer Grammer, bei dem die Kontrollmehrheit den Besitzer wechselte und den verbleibenden Aktionären ein Angebot zu einem »extrem niedrigen« Preis gemacht wurde. »So einfach wird man die Aktionäre bei dem neuen Gesetz nicht abspeisen können.«

Es kommen auch Nachteile

Experten gehen auch davon aus, dass die von Aktionärsschützern teilweise kritisierte »Squeeze-Out«-Regelung des neuen Übernahmegesetzes vielfach angewandt werden wird. Hiernach kann ein Unternehmen die verbleibenden Aktionäre zum Verkauf ihrer Papiere »herausdrängen«, wenn es mehr als 95 Prozent der Aktien in seinen Besitz gebracht hat. Experten erwarten, dass eine ganze Reihe von Unternehmen diese Regelung anwenden wird, um Tochterfirmen vom Börsenzettel verschwinden zu lassen und sich lästige und teure Hauptversammlungen zu ersparen.