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Konjunktur: Chinas Wirtschaftsboom kühlt ab

Im Wirtschaftswunderland China wachsen die Metropolen rasant, Kraftwerke, Flughäfen und Fabriken werden in Windeseile hochgezogen - doch gravierende Infrastrukturmängel schaffen enorme Probleme.

Eine Armada von Baukränen schwebt über Dutzenden von halbfertigen Hochhausskeletten im Südosten der Wirtschaftsmetropole Schanghai. "Da werden doch nur ein paar Hochhäuser gebaut, viel wichtiger wäre eine neue U-Bahnlinie, um schneller ins Zentrum zu kommen", seufzt die junge Yan. Die Studentin muss wie Hunderte anderer für ihre lukrativen Fremdenführerjobs in der Megacity mit mehr als 17 Millionen Einwohnern stundenlange Anfahrtwege mit Bus und Bahn in Kauf nehmen. In China wachsen die Metropolen rasant, neue Millionen-Städte werden aus dem Boden gestampft, Kraftwerke, Flughäfen und Fabriken in Windeseile hochgezogen - doch gravierende Infrastrukturmängel wie unzureichende Energie-, Nahverkehrs- und Transportsysteme schaffen noch enorme Probleme.

Regierung versicht Wachstumsbremse

Um das überbordende Wachstum in geordnete Bahnen zu lenken, steht die Regierung der Volksrepublik seit vergangenem Frühjahr kräftig auf der Bremse, die Notenbank drosselte die Kreditvergabe drastisch. Von mehr als 9 Prozent in diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum Chinas nach Einschätzung der Weltbank im kommenden Jahr auf rund 8 Prozent sinken. Die Skepsis bei ausländischen Investoren wächst, ob die angestrebte weiche Landung mit gemäßigteren Wachstumsraten gelingen wird.

Eine erhebliche Abkühlung nach dem Boom spüren schon die deutschen Bau- und Baustoffmaschinenhersteller, die in China stark vertreten sind und über einen deutlichen Exportrückgang im ersten Halbjahr berichten. Auf der internationalen Branchenmesse bauma China 2004 (bis 19. November) in Schanghai, einem jungen erfolgreichen Ableger der weltgrößten gleichnamigen bauma in München mit bereits über 740 Ausstellern, geht die Runde, dass Baumaschinen für den chinesischen Markt unterschiedlichster Herkunft bereits in Massen auf Halde lagern, weil - staatlich verordnet - die Nachfrage weggebrochen ist. Selbst bei "heiligen Kühen" wie den Bauten für die Olympischen Spiele 2008 in Peking bremse derzeit der Staat, hieß es.

Keine "abrupten Veränderungen"

Chinas Offizielle wie Chen Zeyan, der auch für die Industriemessen zuständig ist, scheuen sich nicht, den Wachstumseinbruch in den einzelnen Sektoren offen zu legen: "Das Umsatzwachstum der Baumaschinenbranche in China ist seit Jahresanfang von 60 Prozent auf zuletzt 10 Prozent gesunken", berichtete er auf der Messe. Aber dies sei richtig so, "denn der Anstieg ist zu kräftig gewesen". Für das kommende Jahr werde eine "gesündere Rate" von etwa 15 Prozent angestrebt. Mit dem unerschütterlichen Optimismus der Chinesen ausgestattet zeigte er sich überzeugt, dass dies auch gelingen wird. Die deutschen Hersteller reagieren eher vorsichtig. Eine Abkühlung der überhitzten Wirtschaft Chinas sei notwendig, aber "abrupte Veränderungen sollten vermieden werden", warnte der Vorsitzende des Fachverbandes Bau- und Baustoffmaschinen im VDMA, Christof Kemmann.

Mancher China-Kenner der Branche mit eigener Produktion in dem Riesenreich lässt sich von der derzeit schleppenden Nachfrage aber nicht erschüttern, zumal die meisten ihre Einbußen derzeit auf anderen besser laufenden Exportmärkten ausgleichen können. Jochen Görlich, in der Geschäftsleitung der Schwing-Stetter-Gruppe für den Vertrieb zuständig, sieht es als Herausforderung: "In China zu überleben, stärkt die Muskeln."

Rechtsunsicherheit bleibt

Ihn beunruhigt aber die Rechtsunsicherheit in dem Land, in dem die Autoritäten das Sagen hätten und die Regularien je nach Bedürfnissen der heimischen Unternehmen angepasst würden. Manches Lehrgeld habe die Gruppe, die bei Betonmaschinen als Systemhersteller führend sei, in den vergangenen zehn Jahren zahlen müssen. In der Branche wird heftig über das illegale Kopieren von Produkten auf dem China-Markt geklagt. China nutze für seine heimische Industrie jede Gelegenheit, mit dem Ziel einmal den Markt zu beherrschen. "Trotz all dieser Probleme lohnt es sich, hier zu sein. Hier herrscht immer noch Goldgräberstimmung", meint Görlich, wenn auch derzeit nur gedämpft, schränkte Vorstandschef Hinrich Mählmann vom Konkurrenten Putzmeister ein.

Birthe Blechschmidt, dpa / DPA