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Vererben oder schenken?: Was mit der Immobilie im Erbfall geschieht

Die gesetzliche Erbfolge kann zu unnötigen Kosten und Rechtsstreitigkeiten führen. Wer zu Lebzeiten bestimmt, was mit seiner Immobilie passieren soll, baut dem vor.

Von Bernhard F. Klinger

Das Vererben von Immobilien kann Tücken bergen

Das Vererben von Immobilien kann Tücken bergen

Wer mit dem Gedanken spielt, Immobilien zu Lebzeiten auf den Ehepartner oder auf die nächste Generation zu übertragen (auch als vorweggenommene Erbfolge bezeichnet), sollte sich zunächst vor Augen führen, was geschieht, wenn die beabsichtigte "vorweggenommene" Erbfolge nie umgesetzt wird und deshalb der Grundbesitz aufgrund gesetzlicher oder testamentarischer Erbfolge auf die Angehörigen übergeht.

Immobilienübergang kraft gesetzlicher Erbfolge

Liegt kein "letzer Wille", also kein wirksames Testament oder notariell beurkundeter Erbver-trag) vor, tritt automatisch die gesetzliche Erbfolge ein. Diese sieht ein Verwandtenerbrecht vor. Die Verwandten des Erblassers werden in sogenannte Ordnungen eingeteilt:
• Gesetzliche Erben der ersten Ordnung und damit vorrangige Erben sind die Ab-kömmlinge des Erblassers.
• Gesetzliche Erben der zweiten Ordnung sind die Eltern des Erblassers und deren Abkömmlinge, somit beispielsweise die Geschwister.
• Gesetzliche Erben der dritten Ordnung sind die Großeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge.
• In den weiteren Ordnungen finden sich entferntere Verwandte.

Sobald in einer vorangehenden Ordnung eine Person vorhanden ist, schließt dies alle weite-ren Ordnungen von der Erbfolge aus. Ein einziges eigenes Kind schließt also die Eltern und entferntere Verwandte aus. Hat jemand weder Ehegatten noch Kinder, erben die Eltern und deren Abkömmlinge (Geschwister und deren Kinder) und schließen sämtliche entfernteren Verwandten aus. Mit dem Erblasser im gleichen Grade verwandte Personen erben zu glei-chen Teilen. Neben den Verwandten eines Erblassers erbt auch der Ehegatte oder der Part-ner einer eingetragenen Lebenspartnerschaft eines Erblassers. Dessen Erbrecht bestimmt sich zum einen nach dem Güterstand, in dem er mit dem Erblasser lebte und zum anderen danach, welche Verwandten beim Tod des Erblassers vorhanden sind.

Beispiel 1: Die Erblasserin, Frau Müller, hinterlässt einen Sohn und eine Tochter, die wiederum jeweils zwei eigene Kinder haben. Nach dem Tod von Frau Müller erben Sohn und Tochter zu gleichen Teilen.

Variante:

Wäre die Tochter vor ihrer Mutter verstorben, so würden deren zwei Kinder, also die Enkelkinder der Erblasserin, an ihre Stelle treten. Die Kinder des Sohnes sind nicht als Erben von Frau Müller berufen, da der Sohn als "Stammoberhaupt" seine eigenen Kinder von der Erbfolge ausschließt. Es entsteht damit eine Erbengemeinschaft, bestehend aus dem Sohn von Frau Müller mit einer Erbquote von 1/2 und den beiden Enkelkindern mit einer Erbquote von je 1/4.

Beispiel 2:

Herr Schmid verstirbt unverheiratet und ohne Kinder zu hinterlassen. Sein Nachlass fällt zu gleichen Teilen an seine Eltern.

Variante:

Lebt nur noch der Vater oder die Mutter von Herrn Schmid, so erbt dieser Elternteil die Hälfte des Nachlasses. An die Stelle des verstorbenen Elternteils treten dessen Abkömmlinge. Dies sind die Geschwister bzw. Halbgeschwister von Herrn Schmid und deren Abkömmlinge. Sind keine Abkömmlinge des vorverstorbenen Elternteils vorhanden, erbt der überlebende Elternteil allein.

Welchen Erbteil erhält der länger lebende Ehegatte kraft Gesetz?

Hat der verheiratete Erblasser weder ein Testament noch einen Erbvertrag errichtet, wird er von seinem Ehepartner und den Kindern beerbt. Die Erbquote des Ehegatten hängt dabei vom ehelichen Güterstand ab. Es muss dabei zwischen Zugewinngemeinschaft, Gütertren-nung und Gütergemeinschaft unterschieden werden:

Der gesetzliche Erbteil des Ehegatten:

Güterstandneben einem Kindneben zwei Kindernbei mehr als zwei Kindern
Zugewinngemeinschaft1/4 + 1/4 = 1/21/4 + 1/4 = 1/21/4 + 1/4 = 1/2
Gütertrennung1/21/31/4
Gütergemeinschaft1/41/41/4

Welche Nachteile hat die gesetzliche Erbfolge?

Es lässt sich immer wieder feststellen, dass ein fehlendes Testament und eine unterlassene "vorweggenommene" Erbfolge oft zu folgenden Problemen führen:
• Es erben Personen, die der Erblasser nicht oder nicht in diesem Umfang als seine Erben sehen wollte.
• Mehrere Personen bilden eine Erbengemeinschaft. Die Verwaltung des Erbes und die Auseinandersetzung einer solchen Erbengemeinschaft verursachen oft mehrjährige, kostenintensive Rechtsstreitigkeiten zwischen den Erben.
• Oft sind die gesetzlichen Erben erst aufgrund schwieriger Ermittlungen festzustellen.
• Auch wenn die Erbschaftsteuer grundsätzlich für nächste Angehörige und damit für die gesetzlichen Erben geringer ausfällt als für entfernt verwandte oder nicht ver-wandte Personen, kann auch die gesetzliche Erbfolge zu hohen steuerlichen Belas-tungen führen. Durch eine vorweggenommene Erbfolge (Schenkungen) oder durch die Gründung einer Stiftung lassen sich Steuerzahlungen erheblich reduzieren.
• Oft sind minderjährige Kinder an der Erbengemeinschaft beteiligt. Dies führt bei be-stimmten Rechtsgeschäften zu Schwierigkeiten, weil das Vormundschaftsgericht und oft ein Ergänzungspfleger zu beteiligen sind.
• Die gesetzliche Erbfolge kann die wirtschaftliche Absicherung des überlebenden Partners gefährden.

Expertentipp

Jeder der erkennt, dass die vom Gesetz geregelte Erbfolge nicht seinem Willen entspricht, sollte durch lebzeitige Schenkungen oder durch ein "wasserdicht" formuliertes Testament vorsorgen und klare Verhältnisse schaffen.