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Rekord bei Privatinsolvenzen: Den Schulden den Kampf ansagen

Die deutsche Wirtschaft wächst, doch immer mehr Menschen hierzulande können ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Einen neuen Rekord gibt es bei den Privatinsolvenzen, wie aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. stern.de hilft beim Kampf gegen die Zahlungsnot.

Zehn Prozent aller Erwachsenen stecken in ernsten finanziellen Schwierigkeiten - manchmal hilft nur die Privatinsolvenz

Zehn Prozent aller Erwachsenen stecken in ernsten finanziellen Schwierigkeiten - manchmal hilft nur die Privatinsolvenz

In Deutschland sind 2010 so viele Verbraucher pleitegegangen wie noch nie. Die Zahl der Insolvenzen privater Haushalte stieg um 7,6 Prozent auf den Höchststand von 108.798, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Diese Entwicklung spiegele die tiefe Krise 2009 wider, sagte ein Sprecher der Behörde. Seit Beginn der Erhebungen 1999 hätten – außer im Jahr 2008 - Jahr für Jahr mehr Verbraucher den Gang zum Amtsgericht antreten müssen. Der bisherige Höchstwert von 105.000 Fällen stammte aus dem Jahr 2007.

Während Privathaushalte 2010 noch stark unter den Krisenfolgen litten, ging es dagegen in der Wirtschaft wieder deutlich bergauf. Die deutschen Amtsgerichte meldeten 31.998 Unternehmensinsolvenzen und damit 2,1 Prozent weniger als im Krisenjahr 2009, wo die Anzahl der Firmenpleiten um 11,6 Prozent deutlich zugenommen hatte.

Betroffen sind vor allem junge Menschen

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes stimmen in ihrer Tendenz mit den Daten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform überein. "Der Verlust der Beschäftigung und die damit einhergehenden erheblichen Einkommenseinbußen gelten als Auslöser Nummer eins für den Anstieg der Privatinsolvenzen", sagt Creditreform-Vorstand Helmut Rödl. Allein in Deutschland seien mehr als sechs Millionen Haushalte überschuldet, betroffen seien vor allem junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren. Dem aktuellen Schuldenatlas zufolge kann inzwischen jeder zehnte Erwachsene hierzulande seine Verbindlichkeiten nicht mehr aus den laufenden Einnahmen bedienen.

Viele Menschen sind mit einer derartigen Situation überfordert – und brauchen Hilfe. Vom ersten Gang zur Schuldnerberatung bis hin zu einer möglichen Privatinsolvenz erläutert stern.de auf den folgenden Seiten die wichtigsten Schritte im Kampf gegen die Überschuldung.

Was bedeutet Überschuldung?

Verbraucher gelten als überschuldet, wenn das monatliche Einkommen über einen längeren Zeitraum nicht reicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken und auch eine Reduzierung des Lebensstandards nicht hilft. Häufig führen zu dieser Situation Arbeitslosigkeit, Krankheit Trennungen und andere Schicksalsschläge. Ursache können aber auch Schwierigkeiten sein, maßvoll mit Geld umzugehen.

Sehr oft treibt außerdem der Wunsch, große Anschaffungen über einen Kredit zu finanzieren, Menschen in die Schulden - vor allem dann, wenn sie vorher keine Rücklagen geschaffen haben. Eine Mitschuld daran tragen sicher auch Kreditinstitute und Handel: Sie verleiten zu einem solchen Verhalten, wenn sie Ratenzahlungen als "Sparen im Nachhinein" oder "Rückwärtssparen" bezeichnen.

Haften die Angehörigen?

Nein. Jeder haftet nur für das, was er unterschrieben hat. Wer sich durch eine Unterschrift als Mitkreditnehmer oder Bürge verpflichtet, muss für alle Ansprüche der Bank aus dem Kreditverhältnis einstehen. Von den Kreditinstituten geforderte Mitunterschriften der Ehefrauen und naher Angehöriger bei Krediten und Bürgschaften werden von Gerichten als sittenwidrig eingestuft, wenn
1. die Bürgen zahlungsunfähig waren oder sind oder
2. die Entscheidungsfreiheit des Bürgen durch den Schuldner in unzulässiger Weise beeinflusst war oder
3. der Bürge zum Beispiel durch massiven Druck zur Abgabe der Unterschrift bewegt wurde.

Schuldnerberatung

In Deutschland helfen über 1000 Schuldnerberatungsstellen Menschen dabei, ihre finanzielle Situation wieder in den Griff zu bekommen. Daneben gibt es Beratungsstellen, die überschuldeten Menschen dabei helfen, über das Verbraucher-Insolvenzverfahren eine Restschuld-Befreiung zu erreichen. Eine Beratungsstelle in der Nähe können Verbraucher beim Online-Portal Meine-Schulden.de finden. Dort können Menschen mit Schulden zunächst auch anonym Kontakt zu einem Berater aufnehmen.

Grundsätzlich gilt: Schuldnerberatungen müssen durch die zuständige Landesbehörde (staatlich) anerkannt sein. Und: Häufig werden sie von großen Wohlfahrtsverbänden, Verbraucherberatungsstellen sowie von die Sozialämtern in Gemeinden, Städten und Landkreisen getragen. Dass seriöse Schuldnerberatungen immer kostenlos sein müssen, gilt so nicht mehr. Das liegt vor allem daran, dass Länder und Kommunen ihre Zuschüsse für Schuldner- und Insolvenzberatungen gestrichen haben. Viele seriöse Beratungsstellen sind also gezwungen, die Schuldner an den Kosten zu beteiligen. Seriöse Berater klären ihre Kunden über die möglichen Kosten auf.

Verbraucherinsolvenz

Wer aus der Schuldenfalle herauskommen möchte, kann seit 1999 mithilfe einer Schuldnerberatung, eines Anwalts oder Steuerberaters bei Gericht einen Antrag auf Privatinsolvenz einreichen. Das Verfahren ermöglicht die sogenannte Restschuld-Befreiung, für die überschuldete Person nicht weniger als ein Neuanfang. Voraussetzung für die Eröffnung des Verfahrens ist, dass beim Schuldner pfändbares Vermögen oder Einkommen vorhanden ist. Sechs Jahre lang müssen Verbraucher so viele Schulden wie möglich abstottern. Danach werden ihre Restschulden gestrichen.

Details erfahren Sie in einem Leitfaden zum Verbraucherinsolvenzverfahren vom Bundesjustizministerium.

Außerdem hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung nützliche Hinweise zur Privatinsolvenz zusammengestellt.

Pflichten des Schuldners

Für einen Antrag auf Privatinsolvenz müssen Verbraucher belegen, dass sie sich nicht außergerichtlich mit ihren Gläubigern einigen konnten, um die Schulden zu bereinigen. Das Insolvenzverfahren ist für den Schuldner zudem mit Kosten verbunden. Kann er das Geld dafür nicht aufbringen, werden ihm die Kosten von den Justizkassen der Länder aber gestundet. Eine Restschuld-Befreiung darf außerdem nur einmal in zehn Jahren beantragt werden.

Rechte des Schuldners


Während die Restschuld-Befreiung läuft, darf der Besitz des Schuldners nicht von einem Gerichtsvollzieher gepfändet werden. Sein Arbeitgeber muss den pfändbaren Teil des Einkommens an einen Treuhänder abführen, allerdings erst ab Beiträgen über 985,15 Euro. Wenn der Schuldner Unterhaltspflichten hat, steigt die Grenze entsprechend an.

P-Konto


Außerhalb eines Insolvenzverfahrens können sich Schuldner vor Pfändungen mit einem Pfändungsschutz-Konto schützen. Banken müssen auf Antrag jedes Girokonto in ein solches sogenanntes P-Konto umwandeln. Damit kann es dann durch eine Pfändung nicht mehr blockiert oder von der Bank gekündigt werden. Auch Schuldner können auf diese Weise weiterhin Lohn oder Gehalt beziehen, ihre Miete oder Stromrechnung bezahlen. Verbraucherschützer beklagen allerdings, dass Banken für P-Konten häufig hohe Gebühren verlangen.

Rechte der Gläubiger

Die Gläubiger können beantragen, dass dem Schuldner die Restschuld-Befreiung versagt wird. Dies ist möglich, wenn der Schuldner wegen einer Insolvenzstraftat rechtskräftig verurteilt ist, wenn er etwa Vermögen hinterzogen hat.

Wer sich außerdem seiner finanziellen Misere voll bewusst ist und trotzdem Produkte kauft und Verträge eingeht, die er sich nicht leisten kann, kann unter Umständen wegen sogenannten Eingehungsbetrugs verurteilt werden. Darauf steht eine Strafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis.

Das zielt vor allem gegen diejenigen, die genau wissen, dass bei ihnen zum Beispiel aufgrund eines zu geringen Einkommens oder Vermögens nichts gepfändet werden kann. Manche Menschen sind so dreist und gehen genau deswegen auf umfangreiche "Einkaufstouren", weil sie wissen, dass sie dafür nie bezahlen müssen. Doch dann liegt natürlich eine arglistige Täuschung vor.

be/DPA / DPA