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Sparen in der Krise: Herr Bankdirektor, wo ist mein Geld?

Vor einem Jahr legte stern-Autorin Beate Flemming bei der Kreissparkasse Waiblingen 3000 Euro an. Nun hat sie sich auf die Suche nach ihrem Ersparten gemacht - die führte sie zu Hausherren, Unternehmern und Geldhändlern.

Von Beate Flemming

Vor einem Jahr habe ich bei der Sparkasse ein Sparkonto eröffnet und 3000 Euro eingezahlt. Man sicherte mir Zinsen zu: im ersten Jahr vier, im zweiten Jahr 4,25 und im dritten Jahr 4,6 Prozent. Grundsolide, oder? Oder doch nicht? Seit Wochen muss ich sehen, wie Wertpapierhändler vor zittrigen Nikkei-, Dow-Jones- oder Dax-Kurven sich die Haare raufen. Ihre Verzweiflung fast so groß wie die klobigen Uhren an ihren Handgelenken. Milliarden Euro und Dollar sind virtuell verdampft. Im Heimatland des Kapitalismus kauft sich der Staat in die Banken ein. Hierzulande geben Kanzlerin und Finanzminister Versprechen mit elf Nullen ab, und das Kindergeld wird um 10 Euro erhöht. Besserwisser raten, man hätte besser nur Produkte gekauft, die man versteht.

Da fiel mir mein Sparkonto ein: Wo das Geld wohl gerade ist? Bei einer künstlich beatmeten Benelux-Bank? Hat sich eine Clique Londoner Investmentbanker damit seine Zigarren angezündet? Oder liegt es im Tresor? Was macht die Bank mit meinem Geld?

Schwer nachzuvollziehen

"Das ist eine wichtige Frage", sagt Albert Häberle von der Kreissparkasse Waiblingen. "Mögen Sie Western? Ich schon. Da kann man gut sehen, was die Bank ursprünglich mit dem Geld gemacht hat. Erstens: Sie hat es aufbewahrt. Und zweitens hat sie es in der Postkutsche von A nach B transportiert. Das waren Zeiten", sagt Häberle und kriegt so was Schwärmerisches in den Blick über seinem Schnauzbart. Herr Häberle, muss man wissen, sitzt zwar in einem luftigen Banker-Büro mit weichem Teppich und abstrakter Kunst an der Wand und ist jetzt Sparkassendirektor. Aber vor über 40 Jahren, da war er oft genauso wie die im Wilden Westen unterwegs, nur eben im Schwäbischen, mit mehr als 100.000 Mark von der Landeszentralbank im Kofferraum, Pistole unterm Jackett. "Heute", sagt er, "macht man das mit einem Mausklick, heute besteht das Geld aus Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm."

Seitdem haben die Banker ein Rechtfertigungsproblem. Wieso zahlen die der Oma dürre zwei Prozent für ihr Sparbuchgeld, aber wenn Oma ihr Girokonto überzieht, will die Bank von ihr zwölf Prozent? Milliardäre fühlen sich offenbar auch nicht besser behandelt. "Bankgeschäfte braucht man, Banken nicht", so der Microsoft-Gründer Bill Gates.

Das sieht Häberle natürlich anders. Das soll er jetzt erklären. Zuerst mal keine Panik. Meine 3000 Euro sind "in der Bilanz", sagt der Sparkassendirektor, "Passivseite, Ziffer zwei: ‚Verbindlichkeiten gegenüber Kunden‘, Unterpunkt ab) ‚Spareinlagen mit vereinbarter Kündigungsfrist von mehr als drei Monaten‘: 205 804 870,88 Euro stehen da." Da sind meine 3000 Euro dabei. Insgesamt, so zeigt die Bilanz, schuldet die Kreissparkasse ihren Kunden rund 4,2 Milliarden Euro. Auch das ist nicht wirklich viel: Das Waiblinger Institut ist nur die 25-größte Sparkasse der Republik. "Wir sind kein Großwildjäger, wir sind ein Ameisensammler", sagt Häberle. Deshalb könne er zurzeit auch ruhig schlafen. Die Ameisen, die Häberle sammelt, krabbeln nämlich zwischen den Flüsschen Rems und Murr.

Und sie arbeiten fleißig. Auf der Aktivseite der Bilanz. Häberle sagt: "Da, wo wir das Geld sammeln, geben wir es auch wieder aus." Mit vollen Händen. Das heißt, zu rund 90 Prozent. Auch meine 3000 Euro sind dabei. Aber wo?

1000 Euro stecken schon mal in der Tür zur begehbaren Dusche von Daniel Petschenig und Edith Heilenmann. Vergangenes Jahr entdeckten der Serviceberater eines Autohauses und die Altenpflegerin ein 300 Jahre altes Dorfhäuschen in Berglen, rund 25 Kilometer östlich von Stuttgart: 44 000 Euro günstig. "Eigentlich wollten wir es sanieren", sagt Petschenig. Aber das wäre noch viel teurer geworden als die rund 145 000 Euro, die ihnen die Sparkasse für den Neubau geliehen hat. Zu 4,25 Prozent verzinst. Laufzeit: noch sieben Jahre. Die Sparkassen-Baufinanzberaterin Doreen Riedel war so nett, die günstigen Zinsen des Kreditvertrags, mit dem Petschenig vor drei Jahren eine Wohnung gekauft hatte, auf das Haus umzuschreiben. Ist mein Spargeld da sicher angelegt? "Bestimmt", sagt Riedel. Die Kunden haben keinen Schufa-Eintrag, sind beide in Festanstellung, und vor der Unterschrift hat sich Riedel natürlich das Haus angeschaut. Das ist Vorschrift. Man will ja im Ernstfall nicht eine Hundehütte versilbern müssen.

Riskanter Alltag

Der Ernstfall heißt im Extremfall? "Zwangsversteigerung", sagt Riedel trocken. Fügt aber beruhigend hinzu: "Die kommt nur sehr selten vor." Also: Ich bekomme in den nächsten drei Jahren im Schnitt 4,28 Prozent von der Sparkasse, die Sparkasse bekommt aber nur 4,25 Prozent von den Häuslebauern. Ist Herr Häberle ein Samariter?

Nein, ein Banker durch und durch. Für einen Autokredit nimmt er auch 5,99 Prozent. Je größer das Risiko, desto höher der Zins. Banker leben vom Risiko, sagt Häberle. Indem sie es einschätzen - und übernehmen. Das Hauptproblem dabei: "Die Liquiditätsansprüche von Verleihern und Leihern passen nicht zusammen. Das sogenannte Liquiditätsrisiko." Aber das ist nicht das einzig Riskante an seinem Job.

"Das zweite Risiko ist das Zinsrisiko." Häberle übersetzt: "Der normale Kunde leiht der Bank schon gern sein Geld, aber er möchte gern spontan darauf zurückgreifen können, zum Beispiel wenn er es in einer Notsituation dringend benötigt - kurze Liquidität. Aber jetzt hat die Bank das Geld an einen Kunden geliehen, der sehr lange braucht, um es zurückzuzahlen - lange Liquidität. Und für die lange Zeit hat die Bank ihm auch noch einen möglichst niedrigen, feststehenden Zinssatz zugesichert."

Häberle sagt: "Die Existenzberechtigung der Banken liegt darin, dass sie diese Risiken ausgleichen." Die Berater haben Vorgaben, welche Summen sie zu welchem Zinssatz und mit welcher Laufzeit verleihen dürfen, damit die Bank immer flüssig ist. Klar, wenn jetzt alle plötzlich ihre Girokonten und Sparbücher leer räumten, würde es schon eng. Aber die Erfahrung spricht dagegen - und darauf baut Häberle.

Bieder, aber solide

Trotzdem hat auch die Sparkasse das Grundproblem vieler Banken, dass sie auf der einen Seite viele kurzfristige Spareinlagen annimmt, aber auf der anderen Seite das Geld überwiegend mit langfristigen Krediten verleiht. "Bei 90 Prozent der Kredite ist der Zins festgeschrieben, meistens auf zehn Jahre." Da helfen Swap-Geschäfte, bei denen Banken Zinsverpflichtungen tauschen, also nur die Zinsbeträge, die sie zahlen müssen. "Wir kaufen feste Zinsen dazu, wo wir zu wenige haben, und verkaufen variable Zinsen, wo wir zu viele haben. Wir tauschen also Zinszahlungen, um unsere Zinsänderungsrisiken zu reduzieren."

Das hat auch immer gut geklappt, solange die kurzfristigen Zinsen niedriger waren als die langfristigen. Aber jetzt gibt es da kaum noch einen Unterschied, sagt Häberle. Das macht ihm langfristig etwas Sorgen, weil dann ja die Sparkasse weniger Gewinn macht.

Häberles Geschäftsphilosophie heißt Vorsicht. "Geschäfte, von denen wir nichts verstehen, machen wir nicht", sagt er. Zu viel virtuelle Geschäftsakrobatik ist nicht sein Ding: "Das Risiko ist mir, gemessen an der Bilanzsumme, zu groß." Und deshalb "war das Geld unserer Kunden auch schon vor dem Hilfspaket der Bundesregierung sicher". Wobei er dieses natürlich grundsätzlich "begrüßt", aber nicht in Anspruch nehmen will.

Die Krise hat Häberle sogar noch viele Ameisen in die Arme getrieben: "Wir haben in den vergangenen Wochen einen spürbaren Anstieg bei den Kundeneinlagen zu verzeichnen." Sparkassen haben in diesen Tagen einen guten Ruf - sind zwar bieder, passen aber auf mein Geld gut auf. Häberle und seine Mitarbeiter schwätzen Schwäbisch, viele kommen aus der Region. Die kennen sie, und außerdem gehen ihre Kinder mit den Kindern ihrer Kunden in dieselbe Klasse.

Endloses Vertrauen

So hat die Sparkasse vergangenes Jahr der Firma Carl Wüst fünf Millionen Euro geliehen, damit die umziehen und sich vergrößern kann. Die Firma Wüst stanzt Flansche und andere Komponenten für die Automobilindustrie. Sie hat seit über 50 Jahren dieselbe Kontonummer bei der Sparkasse. Firmenkundenberater Joachim Volmer kennt die Firma Wüst, seit er bei der Sparkasse angefangen hat, und das ist auch schon über 30 Jahre her. Ob die Sparkasse mein Geld gut bei Wüst angelegt hat, überprüften Volmer und sein Kollege Hubert Uhl mittels zahlreicher "Was wäre wenn"-Rechnungen. Firmenkundenberater Volmer und Hermann Bachmann, Geschäftsführer der Carl Wüst GmbH & Co. KG, jedenfalls sagen, sie schliefen bestens. Das sollte ich ruhig auch.

Wirklich? Noch mal zurück zur Bilanz. Da ist etwas nicht geklärt: rund 1,2 Milliarden nämlich. Die schuldet die Sparkasse anderen Banken. Außerdem schulden andere Banken der Sparkasse 782,7 Millionen Euro. Aha. Kommt das wieder in Ordnung? Oder hat die Sparkasse etwa mein Geld für immer an Lehman und Konsorten überwiesen?

Als Lehman zusammenbrach, war Christoph Beck, Abteilungsdirektor Auslands- und Handelsabteilung, gerade im Urlaub. Jetzt ist er wieder da und ganz lässig. Das, was gerade abläuft, findet er "sehr spannend", aber mehr so als Zuschauer. Normalerweise leihen sich die Banken gern mal gegenseitig Geld, aber jetzt ist das Geschäft noch immer "total vertrocknet. Vertrauenskrise". Und nicht mal die 500-Milliarden-Garantie der Bundesregierung hat bislang das Geld zum Fließen gebracht, sagt Beck. Die einzige Bank, die nach wie vor anderen Banken noch selbstverständlich Geld leiht, ist die Europäische Zentralbank.

Millionen-Boni, auf die sie mit großer Geste verzichten könnten wie der Deutschbanker Josef Ackermann, bekommt Beck auch nicht. Das Gehaltsniveau passt zur Sparkasse. Und so scheint die größte Herausforderung für ihn und seine Kollegen nach wie vor darin zu bestehen, am 15. jedes Monats angesichts der vierstelligen Gehaltszahl auf ihrem eigenen Kontoauszug nicht in Tränen auszubrechen. Alles wird gut. In zwei Jahren überweist mir die Sparkasse 3400 Euro. Oder Frau Merkel.

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