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Steueraffäre: Sportliche Herausforderung

Die Angst vor der Steuerfahndung geht um in Deutschland. Steuersünder beichten bei Steuerexperten wie Jörg Schauf. Der spricht im stern.de-Interview über uneinsichtige Hinterzieher, die aus "Angst vor den Russen" ihr Geld ins Ausland schaffen.

Von Roman Heflik

Welche Rolle spielen Sie und Ihre Kanzlei bei den aktuellen Steuerermittlungen?

Wir sind so eine Art Feuerwehr für Strafrechtsfälle. Zu uns kommen vor allem Haussteuerberater, die sich jetzt Sorgen um die Vermögen ihrer Mandanten machen.

Und diese Leute werden nun langsam nervös?

Oh ja. Da ist die Unruhe seit Freitag etwa groß. Viele entsprechende Selbstanzeigen werden in diesen Tagen abgegeben. Wir beraten dabei.

Und was wollen Ihre Mandanten von Ihnen wissen? Wohin sie das Geld nun am besten transferieren können?

Die Fragen sind meist: Können wir noch die Reißleine ziehen und uns selbst anzeigen? Wie hoch ist die Entdeckungsgefahr? Dürfen die Behörden die Daten möglicherweise gar nicht verwenden, weil sie aufgrund einer kriminellen Handlung erlangt worden sind?

Und was raten Sie denen?

Wir raten ausnahmslos zu einer Selbstanzeige und zeigen Wege auf, wie das geht. Dieses Instrument der Selbstanzeige hat sich übrigens auch sehr bewährt. Wenn die Personen diesen Weg trotzdem nicht gehen wollen und ihr Geld lieber woanders anlegen möchten, erlischt damit unser Auftrag.

Und wie viel Geld haben diese Leute in der Regel versteckt?

Da geht's typischerweise um zweistellige Millionenbeträge. Da redet man dann bei Steuerhinterziehung ab 500.000 Euro Steuerschaden auch über eine Freiheitsstrafe.

Wie hoch ist das Risiko für Steuerflüchtlinge denn wirklich?

Die Problematik ist: 70 bis 80 Prozent von Steuerstrafverfahren werden eingeleitet nicht von Amts wegen, sondern weil die Finanzbehörden einen Tipp bekommen haben. So ein Denunziant ist in der Regel die verlassene Ehefrau oder der entlassene Buchhalter oder der Geschäftspartner, der darüber Bescheid weiß.

Und warum gehen Reiche so ein Risiko ein und werden zum Steuerflüchtling?

Häufig geht es gar nicht um die Steuer, die gespart wird. Stattdessen ist die Motivation, Gläubigerangriffe abzuwehren. Ältere Mandanten sagen mir: 'Es ist die Furcht vor den Russen gewesen, warum wir sie mal in den sechziger Jahren rübergebracht haben.' Es geht also oft darum, einen Notgroschen in Form von unantastbarem Vermögen im Ausland zu haben.

Die Täter sind ja nicht selten erfolgreiche Unternehmer. Geht es da auch um Wettbewerb?

Ja, es geht sicherlich im Einzelfall auch um eine gewisse Gewinnmaximierung. Dazu werden sich viele sagen: 'Ich zahle schon auf Einkünfte aus Lohn oder Gewerbebetrieb Steuern und dann soll ich auf das, was ich für die Kinder anlege, noch mal Steuern zahlen.' Viele dieser Täter sind so ehrlich, die würden noch nicht mal bei Rot über die Ampel laufen. Und trotzdem haben sie irgendwo dieses Gefühl gehabt, Steuern verkürzen zu wollen. Für viele ist es auch eine Art Spiel, eine Art sportliche Herausforderung. Man kann die Motive bei einigen nicht immer logisch erklären. Zumal ja die steuerlichen Vorteile im Ausland oft gar nicht so groß sind.

Inwiefern?

Wenn Sie sehen, wie kreativ manche Menschen bei Steuerhinterziehungen werden, mit welchem Aufwand das verbunden ist: Sie müssen da mal hinfliegen, um zu schauen, ob das Geld noch da ist, sie müssen permanent die Angst haben, dass es entdeckt wird, sie müssen gucken, wie Schriftstücke und Dokumente hin und her gehen - wenn sie den gleichen Aufwand in eine rechtsehrliche Steuergestaltung stecken, kriegen sie meist das gleiche Ergebnis. Im Übrigen kostet ein Verfahren wegen Steuerverkürzung unheimlich viel Lebensqualität: Es dauert in der Regel drei Jahre, wird sehr unangenehm geführt und führt zu negativer Publizität. Und der Großteil dieser Täter hat so was gar nicht nötig.

Das Bundesfinanzministerium hat die Summe des Schwarzgeldes in der Schweiz einmal auf rund 150 Milliarden Euro beziffert. Was glauben Sie, wie viele versteckte Milliarden in Liechtenstein liegen?

Die Summe dürfte ein bisschen darunter liegen. Vielleicht um ein Drittel, aber genau beziffern lässt sich das nicht. Die großen Stiftungen sind übrigens schon in den fünfziger, sechziger Jahren gefüllt worden.

Was wird denn nun mit dem noch unentdeckten Schwarzgeld passieren? Kommt es zurück nach Deutschland oder fließt es einfach in ein anderes Steuerparadies?

Ein Teil wird wohl wieder nach Deutschland zurückfließen. Dass es beispielsweise auf die Cayman Islands geschafft wird, glaube ich nicht. Man kommt dort einfach zu schwer an sein Geld ran. Ich glaube aber auch, dass diese Aufmerksamkeitswelle in ein paar Monaten vorbei ist und man deswegen relativ ruhig ist in Liechtenstein. Die Restvermögen werden dann wohl weiterhin dort bleiben.

Die Liechtensteiner Banker stehen ja auf dem Standpunkt, nicht gegen Steuergesetze zu verstoßen.

Wenn ich einem Steuerpflichtigen in Kenntnis dessen, dass er die Beiträge nicht versteuern will, ein solches Konstrukt empfehle, das der Verschleierung dient, dann ist das von Seiten der liechtensteinischen Banken grundsätzlich eine Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Bei den aktuell aufgetauchten, ausgesprochen guten Daten gibt es übrigens Besprechungsnotizen und Vermerke, aus denen sich möglicherweise schließen lässt, ob ein Bankberater wusste, dass es sich um steuerneutrales Geld handelte. Das ist ein Novum.