Taschengeld Jung, leichtsinnig und überschuldet


Wenn Kinder von Geschäftemachern übers Ohr gehauen werden, kann der Taschengeldparagraf helfen. Was der besagt - und wie Heranwachsende den Umgang mit Geld lernen.
Von Silke Gronwald

Es war einer dieser Nachmittage, an denen Bianca lieber durchs Internet klickte, als sich mit Geometrie oder dem Aufsatz über Bertolt Brecht zu plagen. Und dann poppte diese Seite mit dem verlockenden Angebot auf: "Anmelden und mehr als 3000 Hausaufgaben down- loaden." Name und Adresse waren schnell eingetippt, und schon hatte Bianca Zugriff auf die Daten von www.hausaufgabenheute.com

Der Ärger begann zwei Wochen später, als die Schülerin eine Rechnung über 168 Euro erhielt. Davon zahlbar sofort 84 Euro. Bianca ignorierte das Schreiben. Doch die nächsten Zahlungsaufforderungen folgten in kurzen Abständen - von Mal zu Mal drängender und rüder im Ton.

Die vermeintlich kostenlose Schülerhilfe entpuppte sich als klassische Kostenfalle. Die 15-Jährige hatte die kleingedruckten Vertragsbedingungen nicht zu Ende gelesen und versäumt, sich noch am selben Tag per E-Mail wieder abzumelden. Nun hatte sie ein teures Zwei-Jahres-Abo an der Backe. In ihrer Verzweiflung wandte sich Bianca an Carola Scharner von der Finanzsprechstunde für Jugendliche des Katholischen Vereins für Soziale Dienste (SKM) in Dortmund. Die Beraterin gab erst einmal Entwarnung. Sie müsse gar nichts zahlen. Für Jugendliche unter 18 Jahren gelte der sogenannte Taschengeldparagraf. Danach müssen die Eltern sämtlichen Einkäufen oder Bestellungen zustimmen, deren Wert die altersgemäße Geldration deutlich übersteigt. Tun sie das nicht, sind die Geschäfte null und nichtig.

Lukrative Opfer

Doch wer weiß das schon? Aus Angst vor Ärger mit den Eltern, aus Scham vor der eigenen Unerfahrenheit lassen sich viele Jugendliche einschüchtern und zahlen. Zumal die Abzocker nicht gerade zimperlich vorgehen. Sie drohen mit Anzeigen, Pfändung, Einträgen in Schuldnerdateien oder Meldungen beim Ausbildungsbetrieb. Auch Bianca war kurz davor, die Summe zu überweisen. "Das Mädchen wurde regelrecht panisch", erinnert sich Carola Scharner, "sie rief ständig an - ließ sich von jeder Mahnung aufs Neue einschüchtern. Was, wenn ich einen Eintrag bei der Schufa bekomme, was, wenn plötzlich der Gerichtsvollzieher bei meinen Eltern vor der Tür steht?"

Dubiose Seiten im Internet, Nepp bei Handyverträgen, halbseidene Finanz- und Versicherungsberater - mit immer neuen Tricks versuchen skrupellose Firmen, Kindern und Jugendlichen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und die sind lukrative Opfer. Allein eine Milliarde Euro bekommt schon die Generation der 6- bis 13-Jährigen Jahr für Jahr an Weihnachten, Ostern und zum Geburtstag in bar zugesteckt. Mit weiteren fünf Milliarden Euro, die sich an Geldgeschenken, Sparguthaben und Taschengeld ansammeln, verfügen Jugendliche über so viel Geld wie noch nie zuvor, errechnet die "Kids Verbraucheranalyse 2007".

"Das Problem ist nur, dass viele überhaupt nicht wissen, wie sie damit vernünftig umgehen sollen", sagt Alwin Buddenkotte von der Schuldnerberatung in Dortmund. "Vielen fehlt jegliches ökonomisches Grundwissen, um in der verführerischen Waren- und Konsumwelt klarzukommen, und sie tappen sorglos in jede Schuldenfalle."

Den Wert des Geldes vermitteln

Die Defizite in Geldfragen, auf die Buddenkotte und seine Kollegen bei ihrer Arbeit stoßen, sind erschütternd. Beispielsweise glauben viele junge Leute, "Flatrate" hieße, dass alles umsonst sei. Und bei anderen rührt sich nicht mal der Hauch eines schlechten Gewissens, wenn sie drei Handyverträge gleichzeitig abschließen oder ohne Unterlass im Internet Klamotten bestellen, obwohl der Kleiderschrank voll und das Portemonnaie leer ist. Immer in der vermeintlichen Gewissheit, dass am Ende schon irgendwer die Sache richten werde. "In den Gesprächen mit den Betroffenen stellen wir fest, die haben nicht das gesunde Verhältnis zum Geld verloren, sondern schlimmer noch, die haben überhaupt nie eins gehabt", sagt Angelika Frevel vom Schuldenpräventionsprojekt "Kids und Knete". Den meisten fehlt schlicht eine grundlegende Gelderziehung. Und da das Thema in der Schule praktisch nicht vorkommt, müssten die Eltern das nötige Wissen vermitteln.

Doch in vielen Familien gilt ein Gesetz aus Großmutters Zeiten: Über Geld spricht man nicht - und schon gar nicht mit dem eigenen Nachwuchs. Wie aber sollen Kinder eine Vorstellung davon bekommen, was das Leben kostet, wenn sie nicht wissen, was Vater und Mutter für Miete, Strom oder Telefon ausgeben, wie lange die Familie gespart hat, um sich das neue Auto zu leisten? Und wenn dann auch noch der wöchentliche Großeinkauf per Karte bezahlt wird, bleibt überhaupt kein Anschauungsmaterial, anhand dessen die Jugendlichen eine realistische Vorstellung über Einnahmen und Ausgaben bekommen.

Dabei sind es gerade die kleinen Dinge des Alltags, mit denen Eltern ihren Sprösslingen den Wert des Geldes vermitteln können. Ein erster wichtiger Schritt ist das gemeinsame Einkaufen. Zwischen den Supermarktregalen begreifen schon Fünfjährige, dass es für einen Euro entweder einen Liter Milch oder ein Überraschungsei gibt. Aber eben nicht beides gleichzeitig.

Nachgiebigkeit ist fatal

Spätestens ab der ersten Klasse sollten Kinder dann ihr eigenes Taschengeld erhalten. So lernen sie das Abwägen, das Haushalten und, ganz wichtig, auch einmal zu verzichten oder zu sparen, um sich einen größeren Wunsch zu erfüllen.

Und sie lernen, das richtige Maß zu finden. Es ist nämlich gar nicht so einfach, die Balance zu halten zwischen geizig und sparsam und zwischen großzügig und verschwenderisch. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, sollten die Kleinen ihr Geld auch ruhig mal auf den Kopf hauen dürfen. Natürlich fällt es Eltern schwer, sich mit Kommentaren zurückzuhalten, wenn das komplette Taschengeld in billigen Plastikschrott vom Jahrmarkt investiert wird, der am nächsten Tag kaputt ist. Doch genau solche Fehlkäufe lehren mehr als 1000 gut gemeinte Ratschläge.

Und wie so oft in Erziehungsfragen geht es auch hier um Konsequenz. Ist das Geld erst einmal weg, dann ist das eben so. "Wenn ich in Klassen gehe und frage:"Wer von euch bekommt Taschengeld?", gehen 95 Prozent der Finger hoch", erzählt Finanzcoach Carola Schrader. "Und wenn ich dann frage, wer am Ende des Monats einen Nachschlag bekommt, wenn die Kohle alle ist, dann bleiben die Finger oben." Genau diese Nachgiebigkeit aber ist fatal. Beim Nachwuchs schleicht sich das Gefühl ein, der Geldfluss versiege nie. Viel lehrreicher ist hingegen der Frust, wenn alle anderen ins Kino gehen und man selbst aber zu Hause bleiben muss, weil die nötigen Euro schon in Süßigkeiten investiert wurden.

Kleine Nebenjobs

Allerdings wird sich der Lernerfolg nur dann einstellen, wenn Großeltern oder Paten mitziehen. Andernfalls finden die Kinder bei finanziellem Engpass schnell den beliebten Ausweg "Oma besuchen".

Und wenn das Taschengeld mal partout nicht reichen will, sollten Eltern kleine Nebenjobs anbieten. Etwa das Rasenmähen oder das Entmüllen des Dachbodens. Eine besondere Anstrengung darf es aber schon sein - für Selbstverständlichkeiten zu zahlen wie das Aufräumen des eigenen Zimmers ist kontraproduktiv. Ab dem 13. Geburtstag dürfen Jugendliche auch ganz offiziell jobben. "Wer drei Stunden lang Regale aufgefüllt hat, spürt plötzlich am eigenen Leib, wie hart die Eltern ihr Geld verdienen", sagt Christina Huber von der Jugendschuldnerberatung des DGB.

Kinder lernen aber nicht nur anhand von eigenen Erfahrungen. Sie lernen vor allem von Vorbildern - guten wie schlechten. Ein Grund, weshalb es nach Ansicht von Bestsellerautor Robert T. Kiyosaki ("Rich Dad, Poor Dad - Was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen") in manchen Familien regelrechte Armutskarrieren gibt. Denn wer es nie richtig tig gezeigt bekommt, der hat später kaum Gut zu wissen eine Chance, es richtig zu machen. Dabei können Eltern schon bei Kleinigkeiten Beispiele geben. Wer zum Zoobesuch eigene Getränke mitnimmt, statt sie teuer am Kiosk zu kaufen, lebt vor, dass sich das Sparen auch bei kleinen Summen lohnt. Wer hingegen stets den modernsten Flachbildschirmfernseher auf Raten finanziert, darf sich nicht wundern, wenn auch der Nachwuchs das neueste Handymodell auf Pump kauft.

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