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Trend: Aktionäre schwänzen Hauptversammlungen

Vielen Aktionären ist die Lust auf den Besuch von Hauptversammlungen vergangen. Bevor den Anlegern Würstchen und Kartoffelsalat serviert werden, müssen sie zu oft trübe Geschäftsaussichten verdauen.

Vielen Aktionären ist die Lust auf den Besuch von Hauptversammlungen vergangen. Bevor den Anlegern Würstchen und Kartoffelsalat serviert werden, müssen diese nämlich immer öfter Dividendenkürzungen oder trübe Geschäftsaussichten verdauen. Allein bei den 30 Dax-Unternehmen war 2002 nur noch gut die Hälfte des stimmberechtigten Kapitals auf den Aktionärsversammlungen vertreten, 1998 waren es immerhin noch 61 Prozent, berichtet die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Wer die Mehrheit hat, hat das Sagen

"Wer die Mehrheit auf Hauptversammlungen stellt, hat bei den Gesellschaften auch das Sagen, und es wird immer einfacher, dieses Ziel zu erreichen", sagt DSW-Sprecher Jürgen Kurz. Bei Unternehmen wie Adidas, Bayer oder TUI hätten 2002 weniger als 20 Prozent für eine HV-Mehrheit ausgereicht. "Das ist eine fatale Entwicklung, immerhin sind die Mehrheiten auch entscheidend für die Wahl des Aufsichtsrates, der wiederum den Vorstand bestellt", betont Kurz.

Entwicklung mit Sorge betrachtet

Leere Ränge gab es 2002 beispielsweise bei der Hauptversammlungen von DaimlerChrysler, wo nur noch 38 Prozent des stimmberechtigten Kapitals vertreten waren, gegenüber 64 Prozent 1998. Bei der TUI lag der Anteil bei 37 Prozent (1998: 65 Prozent), bei Adidas-Salomon bei 32 Prozent (1998: 35 Prozent) und bei der Telekom bei 56 Prozent (1998: 86 Prozent). Auch beim Deutschen Aktieninstitut (DAI) sieht man die Entwicklung mit Sorge. Bei Präsenzen von weniger als 50 Prozent der Stimmrechte drohten Zufallsmehrheiten, die nicht im Interesse der Aktionärsmehrheit lägen, heißt es.

Einige Banken wollen nicht mehr vertreten

2003 droht sich die Situation weiter zu verschärfen, denn viele Kreditinstitute wollen die Stimmrechte nicht mehr wahrnehmen, die ihnen von vielen Depotkunden dauerhaft oder für ein Jahr übertragen wurden. Die Kunden einiger Sparkassen sowie der Volks- und Raiffeisenbanken könnten sich nicht mehr durch die depotführenden Institute vertreten lassen, wie die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) berichtet. "Den Banken ist das zu teuer geworden, obwohl die Kosten in den Depotgebühren enthalten sind", kritisiert SDK-Sprecherin Reinhild Keitel. Daher müssten die Gebühren eigentlich gesenkt werden.

Viele fragen den Service auch nicht nach

Die Sparkassen halten sich mit Stellungnahmen zurück. "Es mag sein, dass einige Institute den Service nicht mehr anbieten, das Interesse der Kunden daran ist deutlich zurück gegangen", sagt Michaela Roth vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Wie viele Sparkassen den Service verweigern, weiß der Verband nicht. Anders bei den Volksbanken. "Der Service der Stimmrechtsvertretung wird von den Kunden schon seit geraumer Zeit kaum noch nachgefragt und daher von Volks- und Raiffeisenbanken nicht mehr angeboten", erklärt dessen Bundesverband in Berlin.

Stimmrecht kann kostenlos übertragen werden

Wer sein Stimmrecht übertragen will, kann das kostenlos bei den großen Anlegerschutzvereinigungen SdK und DSW tun. Beide fordern Banken und Sparkassen auf, ihre Kunden über die neue Situation informieren und ihnen Alternativen zur Stimmrechtsübertragung zu nennen. „Immerhin sind die Aktionäre an den Unternehmen beteiligt und verfügen damit auch über Rechte“, betont DSW-Sprecher Kurz.