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Versicherungen: Teure Unisex-Tarife verärgern Verbraucherschützer

Die gesetzliche Grundlage fehlt noch, doch de facto sind die neuen Unisex-Versicherungen im Markt. Erste Analysen zeigen: Es wird teurer. Und nicht alle Tarife entwickeln sich wie gedacht.

Von Daniel Bakir

Seit dem 21. Dezember zahlen Männer und Frauen für Versicherungen gleich viel. Die Betonung liegt hier auf viel. Denn das Preisniveau der neuen Tarife stößt Verbraucherschützern sauer auf. Die Unisex-Tarife würden krass zu Lasten der Versicherten umgesetzt, reklamierte Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten bereits öffentlich. Die Versicherer hätten die Umstellung zur "Verschleierung ihrer Preiserhöhungen" genutzt, sagt auch Anke Puzicha vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Denn wo die Policen für das eine Geschlecht teurer werden, profitiert das andere Geschlecht nicht im gleichen Maße.

Die Versicherungswirtschaft argumentiert, dass sie vorsichtig kalkulieren müsse, wie viele Männer und Frauen ihre Tarife künftig nutzen. Zu vorsichtig, findet Verbraucherschützerin Puzicha: "Die Versicherer haben einen Anreiz, sich zu verkalkulieren." Denn die so erwirtschafteten Überschüsse müssten sie nur zum Teil wieder an die Kunden zurückzahlen, 25 Prozent dürften sie behalten. "Wir fordern ein Gesetz, nach dem 90 Prozent der Risikoüberschüsse zurückgezahlt werden", sagt Puzicha.

100 Euro mehr pro Monat

Eine erste Auswertung des Analysehauses "Morgen & Morgen" zeigt, wie sich die neuen Regeln auf die Tarife auswirken. Besonders teuer wird es bei den privaten Krankenversicherungen. Ein 30-jähriger Mann muss demnach im Schnitt rund 100 Euro mehr pro Monat für eine neue Police zahlen, für einen 40-Jährigen ist die Steigerung annähernd genauso hoch. Aus Verbrauchersicht enttäuschend ist, dass auf der anderen Seite die Beitragsreduktion für Frauen ausbleibt. Eine Dreißigjährige zahlt dem Vergleich zufolge annähernd genauso viel wie vorher, die Vierzigjährige sogar etwas mehr.

Der Preis für Risikolebensversicherungen pendelt sich wie erwartet zwischen den vorherigen Männer- und Frauentarifen ein. Da die Frauen das frühere Sterberisiko der Männer nun mitbezahlen müssen, ist es für sie deutlich teurer geworden. Eine 30-jährige Bürokauffrau zahlt der Untersuchung zufolge für einen Todesfallschutz von 250.000 Euro durchschnittlich 47 Euro mehr im Jahr. Bei einer Bäckerin sind es sogar rund 68 Euro. Der Bürokaufmann zahlt dagegen im Schnitt 37 Euro weniger, der Bäcker 23 Euro weniger.

Bei Rentenversicherungen sind dagegen die Männer im Nachteil. Sie zahlen nun den gleichen Beitrag, obwohl sie statistisch gesehen eher sterben. Für den gleichen Einsatz bekommen Männer nun etwas weniger raus, die Frauen dagegen etwas mehr. Die Änderungen sind aber moderat. Bei der Riesterrente gilt die Unisex-Regel schon seit 2006.

Überraschendes stellte das Analysehaus bei den Berufsunfähigkeitsversicherungen fest. Da das Kriterium des Geschlechts wegfällt, differenzieren die Versicherer offenbar noch stärker als zuvor nach Berufen. Eine Beispielrechnung für Bürokaufmann und -frau im Alter von 30 Jahren ergibt günstigere Tarife für beide Geschlechter. Experten erwarten allerdings, dass es für Männer insgesamt teurer wird als zuvor.

Hickhack um die gesetzliche Grundlage

Für zusätzlichen Ärger sorgt das Hickhack um die gesetzliche Grundlage für Unisex. Obwohl seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im März 2011 die Einführung der Unisex-Tarife feststand, schaffte es die deutsche Politik in mehr als anderthalb Jahren nicht, dies wie vorgeschrieben im deutschen Recht zu verankern.

Der Bundesrat lehnte das Gesetz in letzter Minute ab, weil er mit einem ganz anderen Vorhaben - Änderungen bei der Überschussbeteiligung - nicht einverstanden war. Die Bundesregierung hatte beide Vorhaben formal miteinander verknüpft, sodass auch der unstrittige Unisex-Part nicht in Kraft treten konnte. Am 29. Januar soll der Vermittlungsausschuss nun zu einer Lösung kommen. Der Bund der Versicherten gibt der Regierung die Schuld für die Verzögerung und der damit verbundenen Unsicherheit für die Verbraucher. Wer derzeit einen Vertrag abschließe, solle sich schriftlich bestätigen lassen, ob es sich um einen Unisex-Tarif oder um einen alten Tarif handle, rät Axel Kleinlein vom BdV.

Der Branchenverband GDV verweist darauf, dass die Unisex-Tarife de facto in Kraft sind. Versicherer dürften laut EuGH-Entscheidung keine neuen Verträge mehr anbieten, die nach dem Geschlecht differenzieren. "Wir gehen davon aus, dass sich die Unternehmen daran halten, unabhängig davon, dass die Umsetzung in deutsches Recht noch aussteht", sagte ein Sprecher des GDV. Die Finanzaufsicht BaFin bestätigt ebenfalls, dass die deutsche Schlamperei die Einführung der Unisex-Tarife nicht verhindere. Für geschlechtsspezifische Tarife, die nach dem Stichtag angeboten werden, sieht sie "große Rechtsrisiken".