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Wirtschaftsklima: Unternehmerflucht nach Österreich?

Dass Unternehmen Deutschland im Moment gern den Rücken kehren, ist kein Geheimnis. Kaum mehr als ein Gerücht ist allerdings, dass sie dabei besonders gern in Österreich landen. Sorgfältig gepflegt wird die Mär dennoch.

Der bayerische Modelleisenbahnhersteller Roco hat seine Firmenzentrale ins Salzburger Hallein verlegt. "Ein mittelständisches Unternehmen aus Nordbayern steht vor der Verlagerung zu uns", heißt es geheimnisvoll bei der Innsbrucker Betriebsansiedlungsgesellschaft TechTirol. Doch von einer regelrechten Flucht deutscher Unternehmen nach Österreich, von der immer wieder die Rede ist, will niemand etwas bemerkt haben. Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei den vielen österreichischen Werbern: "Viele jammern, aber wenig wagen diesen rigorosen Schritt!".

Gezielter Optimimus

Die österreichische Betriebsansiedlungsagentur (ABA) verbreitet Optimismus. Im vergangenen Jahr hätten 310 deutsche Betriebe angefragt, bis August diesen Jahres seien es schon 607 gewesen, heißt es bei der vom Wirtschaftsministerium in Wien gegründeten Agentur. Die Vorteile des österreichischen Standorts lägen auf der Hand: Die Lohnstückkosten in der Industrie lägen 7,3 Prozent unter den deutschen. Während die effektive Gewinnbesteuerung in Deutschland mehr als 39 Prozent betrage, erreiche die österreichische Körperschaftssteuer nur 34 Prozent. Auch beim Produktivitätszuwachs pro Beschäftigten überflügele Österreich den deutschen Nachbarn.

Beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin kann man die angebliche Massenabwanderung deutscher Betriebe nicht bestätigen: "Es gibt kein gestiegenes Interesse an Österreich, der Trend geht in die EU-Beitrittländer", schildert Matthias Schoder. Bei Siemens wird nur noch müde darüber gelächelt, dass österreichische Medien in regelmäßigen Abständen berichten, der Elektronikkonzern plane eine Verlegung der Hauptverwaltung von München nach Salzburg.

Interesse am Markt ist vorhanden

"Probleme der Investitionssicherheit in Deutschland, hohe Steuern und Unzufriedenheit mit der politischen Lage" verstärkten das Interesse deutscher Firmen an dem Nachbarland, sagt Michael Rechberger von der 'Salzburg Agentur', die Unternehmen nach Österreich locken will. "Doch es handelt sich nicht um echte Verlagerungen, sondern um die Ausweitung der Produktion auch wegen der hiesigen besseren staatlichen Förderung." Auch Florian Höhland von der Deutschen Handelskammer in Österreich berichtet: "Wir werden recht häufig angesprochen. Das verstärkte Interesse gilt aber dem Markt und betrifft keine echten Verlagerungen."

Deutsche Firmen größter Auslandsinvestor

Dabei hatte die rechtskonservative österreichische Regierung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Wahlkampf mit Anzeigen massiv gegen die Wirtschaftspolitik der rot-grünen deutschen Bundesregierung Stimmung gemacht. Doch die umworbenen deutschen Unternehmen folgten dem Lockruf nicht. Denn auch ohne verstärkte Abwerbung sind deutsche Unternehmen in dem Nachbarland stark vertreten: Es gibt 5300 deutsche Niederlassungen, deutsche Firmen sind mit 18 Milliarden Euro in den vergangenen zehn Jahren die größten Auslandsinvestoren im Land und stellen 44 Prozent aller Direktinvestitionen.

Siemens Österreich zählt zu den größten Arbeitgebern, Rewe führt die größte österreichische Handelskette Billa. BMW investiert derzeit 500 Millionen Euro in den Ausbau der Motorenproduktion in Steyr, Infineon 300 Millionen in die Chip-Produktion in Villach. Hinzu kommen deutsche Großinvestoren in den Medien und bei Banken. Schon heute kommen mehr als 40 Prozent aller österreichischen Importe von dem Nachbarn (31,1 Milliarden Euro) und die deutschen Urlauber stellen in Österreich die größte Gruppe - noch vor den Einheimischen.

Thomas Brey / DPA