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Professionelle Spendensammler: Die Wegelagerer aus der Fußgängerzone

Sie machen den Bummel durch die Fußgängerzone zum Hindernislauf: Promoter, die Spenden für den WWF oder andere Organisationen sammeln. Ihr Lohn ist abhängig vom Erfolg. Das macht sie aufdringlich. 

Eine Frau sammelt Spenden mit einer Spendenbüchse

Man trifft sie zuhauf in Fußgängerzonen: professionelle Spendensammler, und sie sind oft nicht zimperlich.

Es geschieht am hellichten Tag. Mitten in der . Plötzlich ist ein Mann hinter mir. "Ich bin ihr persönlicher Autopilot", sagt er mit abgehackter Stimme, er versucht offenbar, einen Roboter zu imitieren. Oh Gott, ein Irrer, denke ich und gehe schneller. Doch der Mann bleibt hinter mir. "Nach drei Metern bitte rechts abbiegen", sagt er. Als ich nicht pariere, wiederholt er: "Nach drei Metern rechts abbiegen, habe ich gesagt." Ich drehe mich um. "Wo ich hingehe, entscheide ich immer noch alleine", herrsche ich ihn an und gehe weiter. Als ich mich in Sicherheit wähne, drehe ich mich doch noch mal um. Der Mann winkt mir zu. Aufdringlicher Typ, denke ich, als ich plötzlich  den WWF-Infostand sehe und begreife, was der Autopilot wollte: Mich zum Stand lotsen, um mich als Spenderin für die Umweltschutzorganisation zu werben. 

Als ehemalige taz-Redakteurin habe durchaus ein Herz für Gutmenschen, aber dieser Typ hat mich einfach nur erschreckt. Außerdem habe ich nichts mehr für diese Stiftung übrig, seitdem ich das "Schwarzbuch – dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda" von Wilfried Huismann gelesen habe. "Überall auf der Welt kaufen die Agrar- und Energieriesen Land auf", schreibt der Journalist. "Der WWF verleiht diesem Beutezug einen zivilisatorischen Anstrich. Vor allem dazu sind die Runden Tische gut: Sie verteilen kaum mehr als Persilscheine für die 'nachhaltige und sozial verträgliche' Produktion strategischer Rohstoffe: Zucker, Holz, Biotreibstoff, Fisch Fleisch, Mais, Soja, Palmöl. Das Zertifizierungsgeschäft blüht – und der WWF lebt nicht schlecht damit!

WWF sorgt für Negativschlagzeilen

Schon vor der Veröffentlichung übte WWF über seine Anwälte so viel Druck aus, dass die großen Online-Buchhändler kuschten und das Buch nicht verkauften. Autor und WWF einigten sich später außergerichtlich. Textpassagen wurden gestrichen. Inzwischen ist das Buch über den Online-Handel wieder erhältlich.

Erst kürzlich sorgte WWF wieder für negative Schlagzeilen: Die OECD, die , die die Wirtschafts-, Handels- und Entwicklungspolitik der westlichen Industrieländer koordiniert, hat kürzlich ein Mediationsverfahren gegen WWF eingeleitet. Der Vorwurf: WWF finanziere Wildhüter in Kamerun, die Menschenrechtsverletzungen begingen.

Diskussion mit dem Autopiloten

All das will ich mit dem nicht diskutieren, aber ihm wenigstens sagen, wie er auf mich gewirkt hat. Der Typ ist jung, nicht mal unsympathisch. Als ich ihm gegenüberstehe, sehe ich das WWF-Logo auf seiner roten Jacke. Ich sage ihm, dass er mich mit seiner Autopilot-Nummer erschreckt hat. Dass ich dachte, ein Irrer sei hinter mir her. Er ist freundlich, scheint aber nicht richtig zu verstehen. Die Leute hätten über seine Nummer mit dem Autopiloten bisher immer gelacht, sagt er und wünscht mir noch einen "schönen Samstag".

Offenbar hält er mich für eine empfindliche, humorlose Zicke. Vielleicht bin ich das auch. Aber eine Umweltschutzorganisation, die Spenden werben will, muss damit rechnen, dass am Samstag auch humorlose, empfindliche Zicken in der Fußgängerzone unterwegs sind. Oder Leute, die schlicht in Eile sind und keinen Kopf für den Naturschutz haben, weil sie einkaufen müssen.

Moderne Wegelagerer

Im Internet lese ich, dass ich kein Einzelfall bin. "Fass mich nicht an, Gutmensch!“ , schrieb eine Kollegin 2013 im Tagesspiegel. Auch ihr hatte ein WWF-Mann zugesetzt, war ihr gefolgt, hatte sich nicht abschütteln lassen. "Die Methoden beim Buhlen um Aufmerksamkeit werden immer rabiater, die Hemmungen der modernen Wegelagerer, auf Passanten zuzugehen und für ihr Anliegen zu kämpfen, sinken stetig."

Warum sind diese Leute so aufdringlich? Ganz einfach. Es sind keine Gutmenschen, sondern professionelle Spendensammler. Sie arbeiten für Agenturen, nennen sich Promoter, Dialoger oder Fundraiser.  "Meistens handelt es sich um junge Leute, die zum Beispiel ihr Studium finanzieren wollen und für einige Wochen oder Monate in der Promotion arbeiten", schreibt die WWF Presseabteilung.

WWF arbeitet mit zwei Berliner Agenturen zusammen. "Die Bezahlung der Promoter erfolgt auch dort in einem Mix aus Mindestlohn und Qualitätsprämien."  Die Promoter bekommen eine Art Fixum plus Erfolgsprämie. Je mehr Spender, desto mehr Geld. Klar, dass diese Leute sich was einfallen lassen müssen. Böse formuliert könnte man schreiben, dass WWF eine Art Drückerkolonne auf die Straße schickt, um Spender zu werben. 

"Wir hatten täglich bestimmte Quoten zu erreichen, was aber immer äußerst schwierig war, denn im Schnitt blieb von 100 Personen, die man angesprochen hatte, nur eine Person stehen und hat einem zugehört", zitiert das Hamburger Abendblatt eine ehemalige Promoterin. Aus purem Frust über das Desinteresse der Passanten sei sie Leuten schon mal nachgelaufen: "Das hätte ich wirklich nicht von mir gedacht."

Ein anderer Promoter schreibt in einem Forum über seine Erfahrungen: "Man 'arbeitet' gar nicht wirklich, sondern man belästigt Leute, sucht sich jeweils das am schwächsten erscheinende Opfer aus, stellt sich ihm mit ausgebreiteten Armen in den Weg, läuft ihm nach, setzt Leute, die nur zur Uni oder zur Arbeit müssen, massiv unter Druck."

Zwölf Prozent für die Agentur

WWF teilt die Spendengelder also mit den Agenturen. "Im Schnitt unterstützen uns die Förderer sechs Jahre und spenden in diesem Zeitraum etwa 1.000 Euro. Die Kosten für Agenturleistungen liegen bei circa zwölf Prozent." Also gehen rund 120 Euro von einer Spende an die Agentur. Nach Ansicht des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen ist das sogar vertretbar. 70 Prozent der Spendengelder sollten in die Programme fließen, mit 30 Prozent dürften die Kosten zu Buche schlagen.

Trotzdem behagt es mir nicht, dass Agenturen Profit  aus dem guten Willen von Spendern schlagen. Und noch eine Frage interessiert mich. Werden Promoter geschult? Und wenn ja, wie? Welche Voraussetzung braucht man, um so einen Job als Fundraiser zu kriegen? "Dafür ist ohne Frage nicht jeder geeignet, das ist sicher eher ein Job für extrovertiertere Typen, die Spaß an Kommunikation haben", schreibt die Pressestelle. Mit anderen Worten: Man muss quatschen können. 

Kampf gegen professionelle Spendensammler

Ab dem 1. Juni sollen die Promoter nach neuen Richtlinien geschult werden. "Respektvoll und höflich" sollen sie auf die Passanten zugehen. "Es ist nicht zulässig, Passanten anzufassen, mit ihnen mitzulaufen oder ihnen den Weg zu versperren." Die Nummer mit dem Autopiloten dürfte dann also der Vergangenheit angehören.

Womöglich sind die neuen Richtlinien eine Reaktion auf die zahlreichen Beschwerden. In Hamburg versuchte die SPD-Politikerin Anne-Marie Hovingh sich den professionellen Spendensammlern in den Weg  zu stellen, weil sich viele Passanten über die aufdringliche Anmache beschwert hatten. Ohne rechten Erfolg. "Bislang hat sich noch nichts an der gängigen Praxis im Bezirk Altona verändert", sagt sie. In Freiburg hat die Stadt  professionelle Spendensammler aus der City verbannt. "Auch der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel", schrieb der Kollege von der badischen Zeitung. "Es gab Tage, da glich ein Bummel ... einem unvergnüglichen Hindernislauf." Wohl wahr. Aber letztendlich tut mir der Autopilot, nach all dem, was ich erfahren habe, nun fast ein bisschen leid.

Wilfried Huismann: Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda, Gütersloher Verlagshaus, 29,99 Euro


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