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TV-Bericht Berliner Tafel in der Kritik: Klauen die Helfer Lebensmittel?

Ein Berliner Tafel-Mitarbeiter packt Obst in eine Tragetasche.
Die Berliner Tafel soll eigentlich Bedürftigen helfen - einzelne Mitarbeiter nahmen den Auftrag offenbar nicht so genau (Symbolbild)
© Stefan Schaubitzer/DPA
Anstatt die Spenden an Bedürftige der Berliner Tafel auszugeben, sollen die ehrenamtlichen Mitarbeiter sie dreist selbst eingesteckt haben, zeigt ein RTL-Bericht. Die Organisation verspricht Aufklärung.

Der Vorwurf klingt schier unfassbar: In der Berliner Tafel "Laib und Seele" im Stadtteil Reinickendorf sollen ehrenamtliche Mitarbeiter im großen Stil Lebens- und Kosmetikartikel unterschlagen und für sich selbst abgezweigt haben, anstatt sie den Bedürftigen zur Verfügung zu stellen. 

Heimlich gedrehte Aufnahmen des RTL-Mittagsmagazins "Punkt 12" nach dem Tipp eines Insiders zeigen, wie Mitarbeiter der Tafel die Waren in großen Mengen mitgehen lassen, noch bevor die Ausgabestelle für die bedürftigen Menschen öffnet.

Unterschlagung mit System?

Vor allem höherwertige Produkte seien begehrt, so der Reporter des Senders, der sich undercover in die Organisation einschlich und das merkwürdige Treiben aus nächster Nähe beobachten konnte: Mitarbeiter durchsuchten die ankommenden Kisten, die zumeist mit Spenden aus Supermärkten und Drogerien gefüllt sind, nach Brauchbarem und nahmen die Produkte mit nach Hause - ob zum Eigenbedarf oder zum Weiterverkauf, ist nicht bekannt. Für die Menschen, die auf die günstigen oder kostenlosen Lebensmittel von der Tafel angewiesen sind, bleiben so nur noch unbeliebte Restbestände.

Auch der RTL-Reporter bekam direkt an seinem ersten Arbeitstag Lebensmittel zum Mitnehmen angeboten. Ein schlechtes Gewissen habe keiner der Ehrenamtlichen bei den Aktionen gehabt. Ein Mitarbeiter sagte: "Hier fühlt sich keiner dafür verantwortlich."

Helfer fuhren die Spenden direkt nach Hause

Kurz darauf wurde die Dreistigkeit offenbar noch einmal übertroffen: Das TV-Team filmte Mitarbeiter bei ihrer Tour zu den Berliner Händlern, die der Tafel Spenden zur Verfügung stellen. Nach rund einem Dutzend angefahrener Geschäfte fuhren die Tafel-Beschäftigten mit dem Lieferwagen jedoch nicht zur Ausgabestelle, um die Waren abzuliefern, sondern zunächst zu sich nach Hause - um dort Waren in große Tüten umzupacken und für sich zu behalten. Die Spenden kamen also noch nicht einmal in der Ausgabestelle an. Die Vorkommnisse deuten auf Unterschlagung mit System hin.

Mit den Recherche-Ergebnissen konfrontiert, erklärt der Verein "Berliner Tafel e.V.", man habe hausinterne Untersuchungen eingeleitet und wolle das Resultat der Untersuchungen zunächst abwarten. Tafel-Gründerin Sabine Werth und Pressesprecherin Anja Trölsch fügen hinzu: "Wir hatten (...) schon einige Male die Situation, dass Außenstehende den Eindruck hatten, Ehrenamtliche würden sich unrechtmäßig an den Lebensmitteln bereichern. Bei genauer Prüfung hat sich aber meist herausgestellt, dass sie aufgrund eigener Bedürftigkeit rechtmäßig und eine angemessene Menge von Lebensmitteln erhalten haben."

Berliner Tafel verspricht Aufklärung

Auch habe es bereits Fälle gegeben, in denen zu Unrecht entsprechende Vorwürfe erhoben wurden, etwa aus Missgunst oder nach einem Streit unter den Ehrenamtlichen. In den Fällen von Spenden-Unterschlagungen, die bewiesen worden seien, hätten sich die Ausgabestellen von den betreffenden Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern getrennt.

Die lückenlose Aufklärung der Vorwürfe sind die Verantwortlichen nicht nur den Spendern und Bedürftigen, sondern auch den Tausenden Helfern gegenüber schuldig, die den Teil "Ehre" im Wort "Ehrenamt" ernst nehmen. Schließlich sind rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland auf die Hilfen der etwa 900 Tafeln angewiesen.


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