VG-Wort Pixel

Talkshow "Anne Will" Punxsutawney Will: Kritik, Besorgnis und Hoffnung zum Thema Energiekrise – wie letzte Woche

Anne Will mit ihren Gästen
War das nicht schon letzten Sonntag dran? Anne Will sprach mit ihren Gästen über das Thema: "Milliardenschwerer 'Doppel-Wumms' gegen die Krise – Muss sich jetzt niemand mehr sorgen?"
© NDR / Wolfgang Borrs
Wer den "Anne Will"-Talk vergangene Woche versäumt hat, muss sich spätestens seit diesem Sonntagabend nicht mehr grämen. Neue Runde, gleiches Thema, selber Konsens – Deckel, Bremse oder Umlage, Strom, Gas oder AKW, es bleibt schwierig.
Von Ingo Scheel

Die umstrittene Gasumlage auf dem Friedhof der Kuschelpullover beigesetzt, soll es nun eine Strom- oder Gaspreisbremse richten. Bis zu 200 Milliarden Euro will die Bundesregierung im Zuge dessen lockermachen, um die steigenden Energiepreise abzufedern und existentielle Krisen bei Unternehmen und Verbrauchern abzuwenden. Vom "Doppel-Wumms" ist die Rede, an der Realisierung desselben wird noch gearbeitet. Ist das tragfähig? Wen wird es treffen, wo kommen die Entlastungen an, was ist mit der Schuldenbremse und wie ist es eigentlich um den energetischen Zustand unserer Demokratie bestellt?

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

• Kevin Kühnert, SPD-Generalsekretär

Christian Dürr, Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion

Andreas Jung, Stellv. CDU-Bundesvorsitzender und energiepolitischer Sprecher der Unionsfraktion

• Sabine Werth, Gründerin und Vorsitzende Berliner Tafel e.V.

• Antje Höning, Leiterin der Wirtschaftsredaktion "Rheinische Post"

Der Wecker springt von 5.59 Uhr auf 6.00 Uhr, Sonny und Cher fangen an zu singen, Phil Connors alias Bill Murray haut den Wecker zu Klump. Nochmal derselbe Tag, die ganze Chose nochmal von vorn? No Way. Und doch muss Connors durch diesen Tag immer noch einmal durch. Bis das Ganze 24 Stunden später wieder von vorne losgeht. Ob Anne Will am Sonntagmorgen ihren Wecker zertrümmert hat, wissen wir nicht. Fest steht, dass sie sich am Sonntagabend – und mit ihr so einige Zuschauer ebenfalls – so ein wenig wie Connors an jenem Murmeltiertag gefühlt haben dürfte. Alles schon mal gesehen, alles schon mal gehört.

In Punxsutawney, dem Ort des Geschehens von "Und täglich grüßt das Murmeltier", heißt es ja bekanntermaßen: Wirft das berühmteste Pelztier der Stadt, Punxsutawney Phil, am 2. Februar, dem Murmeltiertag, einen Schatten, soll es noch weitere sechs Wochen winterlich bleiben. Hierzulande wird es wohl erst noch einmal weitere sechs Wochen herbstlich bleiben, egal, wer wo einen Schatten wirft.

Und nachdem die Talkrunde bei Anne Will am vergangenen Sonntag die Frage "Niemand soll im Winter frieren oder hungern müssen – Kann die Regierung dieses Versprechen halten?" wenig substantiell beantworten konnte, versuchten sich die Gäste von Anne Will diesmal an der Variante: "Milliardenschwerer 'Doppel-Wumms' gegen die Krise – Muss sich jetzt niemand mehr sorgen?"

War es in der Vorwoche Filmemacherin Julia Friedrichs, die über ihre Arbeit noch am ehesten einen Draht zur "Working Class" hatte, war diesmal Sabine Werth das Sprachrohr der Bedürftigen. "Ich hätte nie gedacht, dass mir das passiert", so lautet der Satz, den die Gründerin und Vorsitzende der Berliner Tafel e.V. in diesen Tagen am meisten hört. Es sind Menschen, die plötzlich auf die Hilfe solcher Sozialdienste angewiesen sind, um überhaupt satt zu werden, die ihn sagen.

Dabei hat Bundeskanzler Scholz doch gerade wieder mal in den Erste-Hilfe-Koffer mit den dröhnend betitelten Maßnahmen gegriffen, also dorthin, wo vor einiger Zeit auch die berühmte Bazooka ihren Platz hatte. Diesmal zauberte er den "Wumms", Verzeihung, den "Doppel-Wumms" hervor. 200 Milliarden schwer soll die Bazooka 2.0 sein, "niemand müsse sich sorgen machen". Soloselbstständige, die in diesen Tagen Überweisungen mit dem Buchungsvermerk "Bazooka in retour" ausfüllen, dürften da müde in ihren Rollkragen geprustet haben. Kein Sorge, Wumms-Fürsorge.

"Der Unmut wird größer"

Wie der Doppel-Wumms nun verteilt werden soll, wen er trifft, wen er betrifft, wer ihn braucht oder womöglich wieder spendet, darüber soll laut Kevin Kühnert schon in den nächsten zwei Wochen, wenn denn die Kommission Ergebnisse vorlegt, Klarheit herrschen. Für Christian Dürr von der FDP kommt es dabei auf drei Punkte an – 1. Energiemengen, 2. Preise, 3. Hilfen, und während Wirtschaftsexpertin Antje Höning von der "Rheinischen Post" forderte, man dürfe jetzt nicht "an Preisen herumdoktern, weil das Sparanreize nehme" und das "Gießkannen-Prinzip" der Bundesregierung kritisierte, konstatierte Andreas Jung als Status Quo nach dem Aus der Gasumlage "ein Maximum an Chaos".

Was der Runde in der Vorwoche an "lebenspraktischem Hintergrund" fehlte, bot dann noch einmal Sabine Werth und das mit einer Einschätzung, die gerade angesichts neuer Zahlen den Ernst der Lage unterstrich. Denn während wie so oft ehemalige Regierungsteile und neue Führungskoalition über Altlasten und Fehlerquellen, über Kommissionen von gestern, Verteilungsschlüssel von morgen und die Schuldenbremse im Allgemein lamentieren, schwindet das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat, erodiert das Gemeinwesen rapide. Einer neuen Umfrage zufolge sind 70 Prozent der Deutschen der Meinung, es gehe hierzulande nicht gerecht zu, im Osten sind es gar 77 Prozent.

Talkshow "Anne Will": Punxsutawney Will: Kritik, Besorgnis und Hoffnung zum Thema Energiekrise – wie letzte Woche

"Der Unmut wird größer", so bestätigt es Sabine Werth. Man müsse "die Menschen zurückgewinnen", gerade angesichts von rechten Kräften, von um sich greifendem Populismus, auf den die Leute reinfiellen. Es ginge am Ende vor allem darum: "die Demokratie zu retten". Christian Dürr konstatierte noch einmal, dass es "den einen perfekten Knopf" dafür nicht gebe, und Kevin Kühnert blickte in die Zukunft, mit einer leisen Hoffnung, die in ihrer beinahe rührenden Zugewandtheit einen Moment lang an Jens Spahn denken ließ, der in den Kindertagen von Corona bereits prophezeite, man werde einander eines Tages viel verzeihen müssen. Kühnerts Wunschzettel klang hoffnungsvoller: Dass man eines Tages zurückschaut und dann denken möge: Das haben wir gut hingekriegt.

Bei Connors und dem Murmeltiertag dauert es ein wenig, bis jener Tag kommt, an dem die Dinge sich zum Guten wenden. Bis dahin muss er einiges weg- und einstecken, eine Menge Kaffee, eine Menge Jack Daniel’s, einiges an Doughnuts und Muffins und Zigaretten. Und etliche Backpfeifen. Was die aktuelle Energiekrise angeht, sollte es hierzulande deutlich schneller gehen.

Mehr zum Thema

Newsticker