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Wohnungsnot: 3000 Wohnungen und eine Schule - Lidl will eine ganze Stadt bauen

In England will der Discounter Genehmigungen für neue Filialen bekommen. Den Behörden bietet Lidl im Gegenzug an, über den Märkten im großen Maßstab Wohnungen zu errichten. Das kann auch ein Modell für Deutschland sein.

Mehr Wohnhaus als Supermarkt. Die Erträge aus den Vermietungen werden auch benötigt, um die teuren Grundstücke zu finanzieren.

Mehr Wohnhaus als Supermarkt. Die Erträge aus den Vermietungen werden auch benötigt, um die teuren Grundstücke zu finanzieren.

Hersteller

Kann man so die Wohnungsnot besiegen? In Großbritannien bietet Lidl den Behörden folgenden Deal an: Der Discounter ist bereit, 3000 günstige Wohnungen zu errichten und zusätzlich auch noch eine Schule zu bauen, wenn die Kette im Gegenzug weitere Märkte im Großraum London errichten kann. Insgesamt wäre das eine Kleinstadt, doch die Gebäude werden natürlich nicht auf einem geschlossenen Areal errichtet.

Bislang haben Supermärkte und Discounter einen enormen Flächenverbrauch: Während die ganze Stadt mehrgeschossig bebaut wird, nutzen sie die Fläche nur mit einem Stockwerk – selbst die Parkplätze werden nicht unter der Erde untergebracht, sondern verbrauchen weiteren knappen Boden.

In Deutschland gibt es ähnliche Projekte.

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In Großbritannien überlegte man, Stelzenhäuser über Parkplätzen zu errichten.

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Neue Dimension

Doch nun nimmt der Deal "Supermarkt gegen Wohnungen" ganz andere Dimensionen an, wie die ersten Computergrafiken verraten. Hier türmen sich ausgewachsene Wohnblocks über den Märkten auf. Es werden nicht nur ein paar Alibi-Wohnungen errichtet, sondern im großen Maßstab Wohnraum geschaffen.

Im Stadtteil Richmond soll eine Grundschule auf zwei Etagen über einem Lidl-Laden errichtet werden. Sie soll im nächsten Jahr fertig sein. In der Grafschaft Kent öffnet demnächst eine Filiale mit sechs Ebenen über dem Laden. Experten gehen davon aus, dass sich das Unternehmen auf bezahlbare Wohnungen und nicht auf Luxusimmobilien konzentrieren wird.

Wege aus der Wohnungskrise: Warum sollten nicht Fertighäuser über Parkplätzen thronen?
Die einzelnen Häuser sind schmal, aber nicht winzig.

Die einzelnen Häuser sind schmal, aber nicht winzig.

Der Bau von Wohnungen wie auch kommunalen Einrichtungen soll der Kette helfen, Genehmigungen zu bekommen, um an attraktiven Standorten große Geschäfte zu errichten.

Zweite Ertragssäule

Unabhängig von der Genehmigung wird der Bau von Wohnungen auch den Ertrag steigern. Anders als auf dem flachen Land, erfordert der Boden in den Metropolen große Investitionen. Dem steht bisher nur der Ertrag aus der Ladenkasse. "Lidl und Aldi müssen beide aggressiv in den Südosten des Landes vordringen, vor allem aber nach London. Und der einzige Weg, wie sie es sich leisten können, das Bauland zu bezahlen, ist das Thema Wohnen", sagt Tom Edson, ein Experte von der Immobilienberatung Colliers dem "Guardian".

Und: "Leute über dem Laden wohnen zu haben, ist keine schlechte Sache. Dann hat man auch einen festen Kundenstamm."

Das Thema könnte auch für Deutschland interessant werden. In Boomregionen wird in Wohngebieten aufgestockt und massiv nachverdichtet. Doch Gewerbegebiete bleiben von dem Zwang zur dichteren Bebauung bisher verschont. Discounter und Baumärkte verbrauchen nach wie vor Flächen so groß wie ein Fußballplatz, die sie mit einem Geschoss und riesigen Parkflächen nur spärlich nutzen. Auch diese Areale könnten mit fünf – oder sechsgeschossigen Mietshäusern überbaut werden.

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