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Prozessbeginn: Wertheim-Nachfahren siegessicher

Unmittelbar vor einer möglicherweise entscheidenden Verhandlung im Fall Wertheim zeigen sich die Nachfahren der von den Nazis enteigneten Kaufmannsfamilie siegessicher.

"Ich habe viel Vertrauen in das deutsche Rechtssystem und die Menschen hier", sagte die Sprecherin der Wertheim-Erben, Barbara Principe, in Berlin. Am Freitag entscheidet das Verwaltungsgericht, ob KarstadtQuelle ein Grundstück an die Jewish Claims Conference (JCC) abtreten muss. Die JCC vertritt die Wertheim-Familie.

In dem Verfahren geht es um ein auf 15 Millionen Euro taxiertes Grundstück an Berlins Leipziger Straße, auf dem sich die Discothek "Tresor" befindet. Das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hatte das Grundstück aus dem früheren Wertheim-Besitz nach JCC-Angaben 2001 der Claims Conference zugesprochen. KarstadtQuelle als Besitzer klagte dagegen.

Insgesamt geht es um 50 Grundstücke

Sollte die Klage abgewiesen werden, könnte das die weitere Zusprechung von Wiedergutmachungsansprüchen an die JCC bedeuten: In KarstadtQuelle-Besitz sind oder waren den Angaben zufolge noch weitere Wertheim-Grundstücke, darunter das mit dem Luxushotel Ritz-Carlton bebaute so genannte Lenne-Dreieck. Das gut zwei Hektar große, auf einen Wert von 145 Millionen Euro geschätzte Grundstück, war im April 2000 von Karstadt an den Metro-Gründer Otto Beisheim verkauft worden. Insgesamt geht es Medienberichten zufolge um 50 Grundstücke mit einem Wert zwischen 300 und 500 Millionen Euro.

Vor dem Verwaltungsgericht werde sich klären, „wer denn nun hier der Verfolgte ist: KarstadtQuelle oder die Wertheim-Erben“, sagte Wertheim-Anwalt Matthias Druba. Zuversichtlich zeigte sich Druba über Verhandlungen mit dem Deutschen Bundestag, der auf einem weiteren ehemaligen Wertheim-Grundstück im Regierungsviertel das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus errichten ließ.

"Wir sind guter Dinge"

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse habe bei der Eröffnung des Hauses zugesagt, dass berechtigte Forderungen selbstverständlich zu erfüllen seien, sagte Druba. Aus dem Bundesfinanzministerium habe ein Parlamentarischer Staatssekretär im Namen von Minister Hans Eichel die Wiedergutmachungsansprüche der JCC anerkannt. "Wir sind guter Dinge, dass wir mit dem Bund in fairen und zügigen Verhandlungen zu einem Ergebnis kommen werden", sagte Druba.

1937 zwang Adolf Hitler einer Wertheim-Chronik zufolge den Konzern zum Verkauf der überwiegend im Ostteil Berlins gelegenen Grundstücke an die Nazi-Regierung. Auf den Flächen wurden unter anderem die neue Reichskanzlei und das NSDAP-Hauptquartier errichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmte die damalige Besatzungsmacht Sowjetunion große Teile des ehemaligen Wertheim-Grundbesitzes und übertrug sie später der DDR-Regierung.

Negative Auswirkungen auf KarstadtQuelle

Nach dem Mauerfall wurden die ehemaligen Wertheim-Grundstücke dem Warenhauskonzern Hertie zugesprochen, der später von KarstadtQuelle übernommen wurde. Der Chronik zufolge hatte Hertie im August 1951 in einer nebulösen Aktion den Wertheim-Erben ihre Firmenanteile für ein Sechzehntel des eigentlichen Wertes abgeluchst.

KarstadtQuelle hatte bereits anlässlich der jüngsten Kapitalerhöhung um 500 Millionen Euro in einem Risikobericht darauf hingewiesen, dass sich Entschädigungsansprüche von Wertheim-Nachkommen negativ auf den Konzern auswirken könnten.

Stefan Lange/AP