Stella Awards 2005 Undank bringt die Million


Sieben Gerichtsstreitigkeiten wurden bei den Stella Awards 2005 ausgezeichnet. In allen Fällen ging es um Klagen, bei denen die Kläger hohe Schadensersatzsummen erstreiten wollten - egal, von wem.
Von Karin Spitra

Dass amerikanische Gerichte in ihrem Urteilen dazu neigen, für den europäischen Geschmack wahnwitzig hohe Schadenersatz-Urteile zu fällen, ist immer für eine Meldung gut. Was in der begleitenden Berichterstattung gerne übersehen wird: Die horrenden Summen sind meist der Streitwert oder das Urteil der ersten Instanz. "Fast keine dieser Summen hält dann einer Verhandlung in der Berufung stand," erklärt Randy Cassingham, mittlerweile Experte auf dem Gebiet merkwürdiger Rechtsprechung. Auslöser war ein Becher heißer McDonald's Kaffee - und die von Stella Liebig eingereichte Schadenersatzklage über 2,9 Millionen US-Dollar, weil er zu heiß war.

Das erregte Cassingham dermaßen, dass er seitdem die Stella-Awards verleiht. Damit werden von ihm jedes Jahr besonders absurde und sinnlose Gerichtsprozesse in den USA ausgezeichnet. Außerdem trägt er ständig skurrile Fälle der amerikanischen Rechtsprechung zusammen und macht sie per Newsletter und auf seiner Homepage publik.

Mittlerweile hat seine Seite Kultcharakter - und die Plagiate mehren sich. Aber nur auf der offiziellen Homepage der 'True Stella Awards' stehen die Fälle, die "wirklich echt so passiert sind". Außerdem kann man dort die Entwicklung der späktakulärsten Urteile durch alle Instanzen verfolgen - und oft auch, wie die Summen langsam sinken. Was bleibt, ist die Fassungslosigkeit, dass Menschen sich zu solchen Klagen hinreißen lassen. "Und oft damit durchkommen," wie Cassingham bedauert.

Der Gewinner 2005: Christopher Roller (Burnsville, Minnesota)

Professionelle Zauberkünstler verwirren Christopher Roller. Deshalb verklagte er die beiden US-Star-Magier David Blaine und David Copperfield zur Herausgabe ihrer Berufsgeheimnisse - oder sie müssen ihm zehn Prozent ihrer lebenslangen Einnahmen zahlen. Das wäre bei David Copperfield immerhin ein geschätzter Streitwert von 50 Millionen US-Dollar und auch bei David Blaine würden immer noch zwei Millionen US-Dollar fließen. Die Grundlage dieser Klage ist so schlicht, wie überzeugend: Roller behauptet, dass die Zauberer den Regeln der Physik trotzen, und somit "göttliche Kräfte" einsetzen. Aber da Roller (zumindest nach eigenen Angaben) GOTT ist, stehlen ihm die beiden "irgendwie" diese Kraft.

Fall 2: Wanita "Renea" Young (Durango, Colorado)

Zwei junge Mädchen hatten als anonyme Geste nachbarschaftlicher Nettigkeit Kekse gebacken und sie heimlich vor den Türen der Nachbarn deponiert. Bei einer riefen sie mit ihrer Aktion allerdings keine Freude hervor: Wanita Young erschreckte sich, als sie die Teenager auf der Verande vor ihrem Haus hörte. Zwar entschuldigten sich die beiden Mädchen - auch schriftlich - bei ihr, doch Young verklagte sie trotzdem auf 3000 US-Dollar: Wegen der "erlittenen Pein". Als Young dann 900 US-Dollar gewonnen (!!) hatte, posaunte sie ihren Fall in lokalen Zeitungen und TV-Sendungen heraus. Jetzt ist sie schockiert, dass jeder in Durango sie für ihre Boshaftigkeit hasst - und fürchtet, dass sie deshalb vielleicht umziehen muss. Aber hey: Sie hat gewonnen!

Fall 3: Barnard Lorence (Stuart, Florida)

Lorence schaffte etwas Alltägliches: Er überzog sein Bankkonto. Als ihm die Bank daraufhin eine Bearbeitungsgebühr in Rechnung stellte, erhob er Klage wegen "Stress und Schmerz" und den Schlafstörungen, die er deshalb bekommen hatte. Einige hunderttausend Dollar, so Lorence, wären ja nur "ein Klaps auf die Hand" - während sein Streitwert in Höhe von zwei Millionen US-Dollar wohl eher einem Hieb mit dem Vorschlaghammer gleichkommt. Pervers!

Fall 4: Rhonda Nichols (Fairview Heights, Illinois)

Die Provinz ist langweilig? Von wegen: Rhonda Nichols teilte mit, dass ein Wildvogel sie vor "Lowe's" Heimwerkerladen in Fairview Heights "angegriffen" und verletzt hätte. Richtig: VOR dem Geschäft. Dennoch befand sie Lowe's für schuldig, wilden Vögeln zu erlauben, frei in der Luft herumzufliegen. Zwar meldete Nichols den Vorfall nie bei Lowe's, verklagte die Heimwerkerkette aber auf "mindestens" 100.000 US-Dollar an Schadenersatz. Im Januar 2006 wurde der Fall vom Gericht abgelehnt.

Fall 5: Michelle Knepper (Vancouver, Washington)

Frau Knepper suchte sich aus dem Telefonbuch einen Arzt, der ihr Fett absaugen sollte. Sie ließ den Eingriff vornehmen, obwohl der Doktor "nur" Dermatologe (also Hautarzt) und nicht Schönheitschirurg war. Nachdem es Komplikationen gab, beschwerte sich Knepper, sie hätte diesen Arzt natürlich niemals ausgesucht, wenn sie gewusst hätte, dass er für solche Eingriffe keine Zertifizierung der Kammer besitzt. Sie vertraute also eher dem Telefonbuch-Eintrag, als beim Arzt nachzufragen oder sich einmal die Dplome an der Wand anzusehen! Also verklagte Knepper ... die Telefongesellschaft! Und gewann 1,2 Millionen US-Dollar PLUS 375.000 Dollar für ihren Ehemann wegen "Verlusts ehelicher Dienste und Gemeinschaft".

Fall 6: Barbara Connors (Medfield, Massachusetts)

Eigentlich nichts Ungewöhnliches: Barbara Conners saß im Auto - und ihr 70-jähriger (!) Schwiegersohn am Steuer. Doch der Unglücksrabe versenkte das Auto im Connecticut River und Barbara gleich mit. Gott sei Dank waren innerhalb weniger Minuten Rettungstaucher am Unfallort und konnten Conners lebend bergen. Allerdings erlitt die Dame Hirnschäden durch ihr beinahe-Ertrinken. Den Fahrer verklagen? Sicher, man könnte sagen, das ist begründet. Aber Conenrs verklagte auch die tapferen Rettungstaucher, die ihr eigenes Leben riskiert hatten, um ihres zu retten.

Fall 7: Bob Dougherty (Louisville, Colorado)

Ein harmloser Scherz und die Folgen: Im beschaulichen Louisville, Colorado beschmierte ein Witzbold einen Toilettensitz in der örtlichen Filiale der Ladenkette "Home Depot" - und der arme Bob Dougherty klebte fest, als er sich darauf niederließ. "Das ist nicht der Fehler von Home Depot", erkannte Dogherty völlig richtig. Als Entgegenkommen bot ihm der Baumarkt dann immerhin 2000 US-Dollar an. Darauf beschwerte sich Dougherty, das Angebot sei beleidigend - und verklagte Home Depot auf drei Millionen Dollar.

Außer Konkurrenz: Der Fall Stella Liebig

Ein Kaffee und die Folgen: Nur weil sich 1992 die damals 79-jährige Stella Liebig bei McDonald's einen Becher Kaffee kaufte und ihn nicht sofort austrank, erfreuen uns alljährlich die nach ihr benannten Stella-Awards. Kaffeeliebhaberin Stella setzte sich nämlich mit dem Kaffee in das Auto ihres Enkels und fuhr los. Beim Fummeln am Deckel des Kaffeebechers - sie wollte noch Zucker und Sahne hinzufügen - schwappte das Heißgetränk über, und Stella Liebig verbrühte sich schmerzhaft an sonst nicht so leicht zugänglichen Stellen. Grund genug für die Dame, mittels ihrer Anwälte McDonald's zu verklagen - immerhin hätte ihrer Meinung nach der Fastfood-Konzern auf die Temperatur des Kaffees hinweisen und vor dieser unsachgemäßen Transportvariante warnen müssen. Ein Gericht sah das ähnlich und sprach ihr daraufhin 2,9 Millionen Dollar Schmerzensgeld zu.

Damit avancierte Stella Liebig zur Namenspatronin der Stella-Awards für besonder bizarre und skurrile Urteile.


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