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stern-Report

Deutschlands größtes Luxusbordell: Die Akte Artemis - oder der Sex und sein Preis

600 Fahnder stürmen das Artemis, Deutschlands größtes Luxusbordell - eine Razzia und ihre Folgen. Wie das Geschäft mit dem Sex wirklich läuft und wie der Staat daran verdient. Ein Report.

Die VIP-Suite im Artemis soll an einen orientalischen Harem erinnern

Die VIP-Suite soll an einen orientalischen Harem erinnern. Im Artemis bieten sich um die hundert Frauen regelmäßig den Freiern an. Sie arbeiten in zwei Schichten.

Der Gast betritt den Salon geduscht, im weinroten Bademantel, an den Füßen Gummisandalen. Den Anzug hat er in einen der mehr als hundert Spinde gehängt, wie man sie aus dem städtischen Schwimmbad kennt. Jetzt schreitet er über das Flammenmuster des Teppichbodens, vorbei an Säulen und Wänden mit Jugendstil- und Charleston-Motiven. Die Atmosphäre ist, wie auch das Licht, gedimmt. Auf goldfarbenen Kunstledersofas und purpurnen Polsterinseln rauchen und ruhen andere Herren in Frottee und Latschen. Sie lassen, so könnte man freundlich sagen, den Blick wandern. Über die nackten Körper junger Frauen.

Mehr als hundert sind es in dieser Arbeitsschicht. Eine stolziert, nur mit einem Strumpfhalter um die Hüfte, auf stelzenhohen Absätzen die Bar entlang, als gelte es, die kühle Unabhängigkeit eines Helmut-Newton-Modells auszustrahlen. Eine andere platziert ihren Körper – das Publikum taxierend – auf den breiten Sofalehnen und bietet ihn mit durchgestrecktem Rücken an. Ein Augenkontakt, ein erwidertes Zwinkern, sie nimmt den Freier an die Hand, führt ihn die breite Wendeltreppe hinauf in den ersten Stock und pflückt den Schlüssel zum "" vom Brett. "Safari" und "Blue Night" sind bereits belegt.

"Ich bin schier gestorben." So beschreibt eine junge Frau ihre Zeit in diesen Räumen. Dieses Angetatsche, die ganzen Männer hätten sie angewidert. An manchem Wochenende bediente sie 20 Freier oder mehr. Von ihrem Freund und sei sie zur Prostitution gezwungen worden. Wenn sie zu Hause zu wenig Geld ablieferte, habe er zugeschlagen. Niemand habe sich darum geschert.

Das Artemis in : ein Haus – zwei Perspektiven.

Die eine: das wohl bekannteste Wellness-Bordell Europas – mit finnischer Sauna und orientalischem Hamam, mit Fitnessstudio, Außenpool und Barbecue, mit fast 100.000 internationalen Gästen und zweistelligen Millionenumsätzen im Jahr. Ein Vorzeigebetrieb – der scheinbar geglückte Versuch, das Geschäft mit dem Sex aus dem Dunkel zu holen, staatlich überwacht und abgekoppelt vom Milieu. Der saubere Puff.

Wie sauber kann das Geschäft mit dem käuflichen Sex sein?

Die andere: die Schilderungen jener jungen Frau, die mit ihrer Aussage bei der die spektakulärste Razzia des Jahres auslöste. Mehr als 600 Beamte von Kripo und Zoll stürmten im April das Artemis, sie führten 118 Frauen zum Verhör ab. Vermögenswerte von rund 6,4 Millionen Euro wurden beschlagnahmt. Die beiden Betreiber und mehrere Angestellte kamen in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Menschenhandel sowie Steuer- und Sozialversicherungsbetrug in Millionenhöhe.


Inzwischen sind alle wieder frei. Die Haftrichter folgten der nicht. Und doch beschäftigt der Fall nicht mehr nur Justiz und Polizei, sondern auch die Politik. Denn die Ermittlungen werfen grundsätzliche Fragen auf: Wie sauber kann das Geschäft mit dem käuflichen Sex sein? Ist menschenwürdige Prostitution überhaupt möglich? Und welche Rolle soll der Staat in dieser 15-Milliarden-Euro-Branche spielen?

Prostitution wächst in Deutschland ungebremst. Seit 2002 ist sie vom Ruch der Sittenwidrigkeit befreit. Bordellbetreiber machen sich seitdem nicht mehr der Kuppelei schuldig, wenn sie den Frauen ein erträgliches Arbeitsumfeld schaffen. Jetzt steht der Bundestag kurz vor einer erneuten Reform des Prostitutionsgesetzes, um – so das Familienministerium – "den großen Graubereich zwischen legaler und illegaler Prostitution kleiner zu machen". Das Artemis nimmt vieles von dem vorweg, was dann deutschlandweit gelten soll. Auch das macht den Fall bedeutsam.

Dem stern liegen bisherige Ermittlungsunterlagen vor. Die Akten geben einen Einblick in den Alltag eines bis in den letzten Winkel durchökonomisierten Bordells. Eines Betriebs, der über Jahre nachweislich mit dem Zoll, dem Finanzamt und der Polizei kooperiert hatte – offenbar ohne größere Beanstandungen. Und doch, das legen die Aussagen der Zeugin nahe, litten hier offenbar Frauen. Die Grenze zum Zwang ist im Sexgewerbe oft schwer zu erkennen.

Mit mehreren Hundertschaften stürmten Berliner Polizei und Zoll am Abend des 13. April das Bordell Artemis.

Mit mehreren Hundertschaften stürmten Berliner Polizei und Zoll am Abend des 13. April das Bordell Artemis.

Deftiges vom Büfett gibt es im Artemis inklusive

Die ersten Kunden kommen gegen elf Uhr morgens. Und greifen zu: Aufbackbrötchen, Aufschnitt und harte Eier. Am Abend verdampfen in Edelstahlbehältern Fleisch, Knödel und Kartoffeln. Dienstags gibt es Grillwürstchen am Pool.

Die Männer, die den ganzen Tag hier verweilen und oft auch noch die Nacht, finden aus aller Herren Länder hierher – die Damen häufig aus den EU-Staaten Rumänien und Bulgarien. Wer von den Kunden zwischendurch, vielleicht geschäftlich, einmal raus muss, lässt sein Eintrittsband ums Handgelenk gebunden. "Du musst dich aber vorher ins Buch eintragen" , ermahnt die Dame am Empfang. Im Bordell gibt es nur das "Du".

Wollte eine Frau, die hier anschaffen geht, das Haus verlassen, müsste es schon ein Notfall sein oder wirklich nichts los. Denn wer eine Arbeitsschicht begonnen hat, muss diese auch zu Ende bringen. Die erste beginnt um elf, die zweite um 20 Uhr. Doppelschichten sind gestattet.

Die Nachmittage vergehen ruhig wie im Sanatorium. Vier Hausdamen leiten alle Abläufe. Sie verlangen Zurückhaltung von den Frauen. Das ist Teil des Konzepts, das Saunaclubs von der sonst üblichen Aufdringlichkeit in Rotlichtbars abhebt. Die Ruhe gibt den Frauen Gelegenheit, sich auszutauschen. "Wenn du Pickel kriegst, dann weißt du, es wird ein Mädchen", sagt eine. "Mädchen sind giftig zu Müttern, schon in der Schwangerschaft", sagt eine andere. Eine dritte will antworten, da tritt ein Mann mit Hipster-Bart heran. "Gehst du mit aufs Zimmer?"

Der Eindruck der entspannten Plauderei trügt, als Freundinnen betrachten sich die Prostituierten meist nicht. Keine habe nachgefragt, wenn sie mit blauen Flecken zur Arbeit erschienen sei, sagte die Zeugin der Polizei. Sie selbst war nicht anders, sie habe auch nichts wissen wollen, als sie bei zwei Rumäninnen überschminkte Hämatome sah. Untereinander kennen sich die Frauen meist nur als Adina, Amy, Mira, Joy oder Lou – Arbeitsnamen, die hier vergeben werden.

Die Tageskarte für den Club kostet 80 Euro, zu zahlen von allen. Von den Freiern. Und von den Prostituierten.

Artemis - Die Schlüssel für die freien "Verrichtungszimmer" hängen am Brett

Die Schlüssel für die freien "Verrichtungszimmer" hängen am Brett

Softdrinks sind frei. Bier gibt es nur für Herren, das Glas zehn Euro, beglichen mit einem briefmarkengroßen Plastikchip. Wer ein paar Gläser zu viel hatte, bekommt nichts mehr. Zum Trinken animiert – anderswo eine wichtige Einnahmequelle – wird in der Bar nicht. Ein Mann ordert trotzdem den großen Champagner im Eiskübel für die drei Damen vorn auf dem Sofa. Der Preis für die Dreiliterflasche liegt laut Getränkekarte bei tausend Euro.

Einmal in der Woche ist "Meeting" unter den Frauen. Dann sprechen vor allem die Hausdamen. Auch mal über Beschwerden der Gäste, etwa dass es vorkäme, dass manche nicht häufig genug duschten.

Die Hausdamen erledigen das Tagesgeschäft, den Schreibkram und die Rezeption. Eine wurde vom Arbeitsamt als Bürokraft an das Artemis vermittelt. Ihre drei Kolleginnen und sie führen auch die Bewerbungsgespräche. Sie sind Herrinnen über eine lange Warteliste von Interessentinnen, kaum irgendwo in Deutschland könne man als Hure so gut verdienen, heißt es. "Do you speak English?", "Sprichst du Deutsch?", fragen die Hausdamen dann, und: "Hast du schon vorher in einem Bordell gearbeitet?" Das Artemis nimmt keine Berufseinsteigerinnen, wenn sie jünger als 21 sind. Sonst gibt es zu viele Nachfragen von der Polizei.

Allergrößten Wert legt das Haus auf ein Formblatt: die Erklärung der Frauen, freiberuflich der Prostitution nachzugehen. Jede arbeitet hier auf eigene Rechnung. Theoretisch könnten Frauen seit der Gesetzesreform von 2002, die Prostitution zu einem sozialversicherungspflichtigen Beruf erklärte, auch in einem Angestelltenverhältnis tätig sein. Sie hätten dann Anspruch auf Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Im Jahr 2014 hat der Bundesrechnungshof versucht, die Zahl der angestellten Huren in Deutschland zu ermitteln. Gefunden hat er: keine.

Als ein zentrales Kriterium für eine freiberufliche Sexarbeit gilt, dass die Frauen selbst entscheiden können, ob und wann sie an wem ihre Dienstleistungen erbringen. So wie die junge Nackte an der Bargerade, die den stürmischen Umarmungsversuch eines reiferen Herrn aus Indien abwehrt. Sie dreht sich auf dem linken Absatz weg und entschwindet, ehe noch weitere Hände aus der Männerclique nach ihr greifen können. Dass sich auch andere Frauen später ihrem hilflosen Werben entziehen, lässt den Samstag für die Ärztegruppe aus Bangalore eher unbefriedigt enden. "Inder sind mir zu aggressiv", sagt eine junge Moldawierin, "manche beißen, oder sie wollen einem die Zunge in den Mund stecken."

Im Artemis ist festgelegt, was auf dem Zimmer gegen eine Grundgebühr von 60 Euro zu erwarten ist: eine halbe Stunde einschließlich Koitus mit Kondom. Als Alternative: "oral Natur" . Der Aufpreis für Extras wird individuell ausgehandelt. Aber auch da haben sich Marktpreise eingependelt. Für "oral total" , wie eine Ejakulation in den Mund umschrieben wird, werden 50 Euro verlangt, "anal geschützt" macht 100 Euro extra. Wer unsympathisch oder unhygienisch sei, so erzählt eine der Frauen, müsse auf Extras verzichten. Aber auch untereinander sind die Frauen streng: Wer sich unter Preis anbietet, wird denunziert. Bei Dumping droht Hausverbot.

Inspektion der Kondome

Kassiert wird nach Vollzug. Die Geldübergabe erfolgt an den Schließfächern. Die Betreiber haben sie für Freier und Frauen direkt gegenüber positioniert. So kommen alle ohne Taschen aus. Praktisch sind auch die beiden Bankautomaten im Eingangsbereich, die Frauen verlangen Barzahlung. Zechprellerei ist, auch wegen der Nähe zu Empfangsdame und Security, nicht zu erwarten. Streit schon! Im Zweifel wird von der Hausdame das benutzte Kondom inspiziert. Meist aber geht es um die Dauer der Dienstleistung. Dann spult das Sicherheitspersonal in der Schaltzentrale das Video vom Flur zurück, auf dem zu sehen ist, wie lange der Freier im Zimmer war. "Die Aufnahmen werden nach 36 Stunden gelöscht", erklärt der Riese an den Monitoren.

Artemis: zwei Frauen in Dessous an der Poledancestange

Mittwochs ist Dessous-Tag, in der Regel müssen die Frauen nackt sein

Die Eigentümer des Artemis lenken das Bordell aus dem zweiten Stock, ihr Büro könnte auch das einer Spedition sein. Bevor Hakki und Kenan Simsek ihr kaufmännisches Glück in der käuflichen Liebe suchten, hatten sie es im Geschäft mit Spielautomaten gefunden. Die aus der Türkei eingewanderten Brüder bauten 2005 das ehemalige Elektroniklager zum Großbordell aus – und wurden so zu Pionieren des luxuriösen Feuchtraumgewerbes. Die Messehallen am Berliner Funkturm liegen vis-à-vis – das garantiert Nachfrage.

Heute bringt der Saunaclub im Jahr rund drei Millionen Euro ein – an Gewinn! Durch die Eintrittsgelder kommen an Wochenenden schon mal 50.000 Euro und mehr in die Kasse, dazu der Getränkeumsatz. Insgesamt lassen die Freier pro Jahr geschätzt rund 25 Millionen Euro im Artemis. Davon geht gut die Hälfte an die Betreiber, der Rest an die Frauen.

Die hohen Umsätze weckten sogar das Interesse der Finanzbranche. 2006 stieg der umtriebige – damals noch nicht in den USA per Haftbefehl gesuchte – Hedgefondsmanager Florian Homm bei den Simseks ein. "Die Renditen, die wir erzielten, waren geradezu pervers", jubelt er in seiner Autobiografie. Er bot den Brüdern Expansionsfinanzierungen und Börsengang an. Daraus wurde zwar nichts, aber inzwischen gibt es kaum eine Großstadt, in der nicht auf Litfaßsäulen und Bussen für ähnliche FKK-Clubs geworben wird.

Normalität im Artemis als Fassade?

Im Wesentlichen, so erklärt der Hedgefondsmanager, "ist Artemis ein Facility-Management-Unternehmen". Mit der Übersetzung "Liegenschaftsverwaltung" ist das Geschäftsmodell durchaus zutreffend beschrieben. Das Bordell verdient nicht direkt an den sexuellen Dienstleistungen, den sogenannten Stichgeldern, sondern stellt die Infrastruktur. Das Personal für Reinigung, Wäsche, Sicherheit, Küche, Hausmeisterarbeiten und Bar-Service, insgesamt 65 Mitarbeiter gehören zur festen, sozialversicherten Belegschaft.

Auch sonst besitzt die Organisation eines Bordells dieser Größe eine irritierende Normalität. Mit Wartungszyklen für die Fahrstühle, behindertengerechter Rampe am Pool, einer wöchentlichen Großlieferung von Edeka und einer mit öffentlichen Geldern geförderten Blockheizkraftanlage, die überschüssige Energie ins örtliche Netz einspeist.

Ist diese Normalität nur Fassade?

Die erste Hundertschaft rückte, einen Rammbock dabei, im Laufschritt an. Instruiert von einer entschlossen wirkenden Staatsanwältin in Jeans und Stiefeln. Blitzschnell stieg ein Trupp die mitgebrachte Leiter zum Dachgarten hinauf, ein anderer eroberte die Anlage zur Videoüberwachung. Mannschaftswagen setzten – die Straße war ab 19.40 Uhr abgesperrt – immer neue Beamte ab, sie stauten sich bald vor der Glastür. Den Großeinsatz gegen "Zwangsprostitution" wollte sich auch der Berliner Innensenator Frank Henkel nicht entgehen lassen, er saß in seinem Wagen auf einem nahen Parkplatz bereit.

Die Staatsanwaltschaft vermutet "direkte Bezüge" zu Berliner Hells Angels. Die Betreiber des Artemis sollen sich der Beihilfe zum Menschenhandel schuldig gemacht haben, weil sie gewusst hätten, dass Frauen aus dem Artemis von ihren Luden malträtiert würden. Zweitens werfen die Ermittler den Betreibern vor, den Staat über das Beschäftigungsverhältnis der Prostituierten getäuscht zu haben. Die Arbeitsbedingungen seien "dirigierend" vorgegeben gewesen. Das mache die Frauen zu abhängig Beschäftigten. Dadurch seien über die Jahre Sozialabgaben von mehr als 17 Millionen Euro unterschlagen worden. Die Simsek-Brüder weisen diese Vorwürfe über ihre Anwälte zurück.

Staatsanwaltschaft gibt sich nicht geschlagen

Mittlerweile haben drei Gerichte über die Untersuchungshaft der Artemis-Betreiber entschieden, zuletzt als höchste Instanz das Berliner Kammergericht, das die Simseks Ende Juli entließ. Die Staatsanwaltschaft beteuert: "Die Ermittlungen zur Prüfung eines eventuell hinreichenden Tatverdachts dauern an." Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hatten die Richter in ihrem 55-seitigen Beschluss regelrecht zerpflückt.

Beispiel: Preisliste. Die Prostituierten seien an einen "Leistungskatalog" für sexuelle Dienste gebunden. Das sagt die Staatsanwaltschaft. Nebensächlich, sagen die Richter. Die Frauen bestimmten selbst über ihre Arbeitskraft. Sie könnten Freier abwehren oder überhaupt alle Kunden ablehnen. Außerdem: "Vaginal- und Oralverkehr" seien "Standardleistungen, die das Berufsbild" prägen.

Beispiel: Arbeitszeit. Die Frauen seien in Schichten eingeteilt und dürften diese nur in Ausnahmen verlassen. Sagt die Staatsanwaltschaft. Vertragsfreiheit, sagen die Richter. Schließlich könne auch jedes Shoppingcenter verlangen, dass die Ladenmieter Öffnungszeiten beachten.

Selbst am Zwang zu Nacktheit mochten die Richter nichts finden: Der Auftritt als FKK-Club lege eine solche "Kleiderordnung" nahe.

Staatsanwältin Leonie von Braun, die das Verfahren federführend betreibt, kennt sich im Artemis aus. Die Juristin hatte sich das Gewerbehaus zuletzt im März 2014 von seinem stolzen Besitzer Hakki Simsek bis in die letzte Besenkammer zeigen lassen. 125 Prostituierte waren damals überprüft worden. Die Vernehmungen hatten genauso wenig ergeben, wie jetzt die Verhöre der 118 Frauen nach der Razzia. Die Beamten im Schlepptau der Staatsanwältin verteilten Aufklärungsflyer. Für den internen Gebrauch notierten sie danach ein paar Zeilen über die stetig wachsende Zahl von Frauen, die im Artemis anschaffen gehen, und über den "steigenden Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad" des Bordells.

Bis zur Razzia konnten die Chefs des Artemis tatsächlich in dem sicheren Gefühl leben, sie hätten sich gegenüber den Berliner Behörden stets rechtens verhalten. Das Geschäftskonzept war mit dem Finanzamt bereits im Herbst 2005 abgestimmt worden. Beamte der Kriminalpolizei und des Zolls, die das Haus regelmäßig kontrollierten, brachten über ein Jahrzehnt hinweg offenbar keine Einwände gegen den Betrieb vor – zumindest finden sich keine Unterlagen in den Ermittlungsakten. Mehr noch: Das Artemis diente dem Fachdezernat 423, Rotlicht, mit der Registrierung der ausländischen Prostituierten. Und fürs Finanzamt sammelte es bei den Frauen die Steuerpauschalen ein. Bordell und Staat arbeiteten bei der Verwaltung des Sexgeschäfts eng zusammen.

Artemis: Die Gummilatschen für die Freier sind in allen gängigen Größen vorrätig

Die Gummilatschen für die Freier sind in allen gängigen Größen vorrätig

Die Finanzbehörden tun sich generell schwer damit, bei Prostituierten Steuern einzutreiben. Viele arbeiten ohne Gewerbeschein und wechseln häufig ihren Wohnort. Um an Geld zu kommen, haben sich sieben Bundesländer, darunter Berlin, auf das "Düsseldorfer Modell" verständigt – eine Abschlagsteuer. In Berlin werden 30 Euro pro Arbeitstag verlangt. Bei Monatseinnahmen von bis zu 12 000 Euro, wie sie einige Frauen im Artemis erzielen, zahlt wohl nur Apple weniger Steuern. Der Rechnungshof würde gern Bordellbetreiber in der Pflicht sehen, die müssten dann die Zahl der Freier registrieren. Doch dafür fehlt die Handhabe.

"Freitag, Samstag hab ich im Artemis immer Tausender für ihn gemacht"

Dass Staatsanwältin von Braun zwei Jahre nach ihrer Hausbegehung so brachial auf trat, deutet Artemis-Anwalt Silvin Bruns als politisch motivierten Schlag in Wahlkampfzeiten: "Irgendjemand muss die Meinung der Staatsanwältin geändert haben". Vielleicht war es aber auch die junge Zeugin, ihr Leid, ihr Schicksal. Leonie von Braun ist eine in Menschenrechtsfragen engagierte Ermittlerin. Ihre Kronzeugin, ein Kind türkischer Eltern, war erst 18 gewesen und verliebt. Erman, der coole Türsteher vor der Latino-Disco, das dunkle Haar zum Under-Cut rasiert, sah gut aus. Es war ihr erstes Mal, sie hatte geblutet. Beim zweiten hatte der Zuhälter sie schon eingewiesen, denn sie kannte kein Gleitgel, keinen Analverkehr. Ein halbes Jahr in dreckigen Bordellen, voll Ekel, Kokain, Wodka und einer Blasenentzündung bis zur Ohnmacht, dann hatte er sie nach Berlin mitgenommen. Hier wollte Erman ein echter Rocker werden. "Freitag, Samstag" , sagt sie, "hab ich im Artemis immer Tausender für ihn gemacht."

Es sei sein "Lifestyle", die Frauen für sich "ackern" zu lassen, hatte Erman dem Mädchen eingebläut, sie sei sein Werkzeug, er die Bank. Der Zuhälter gierte nach Anerkennung bei den türkisch dominierten Rockern des Charters Berlin-City und soll Handgranaten auf das Gebäude eines verfeindeten Clubs geworfen haben. Er gilt als sogenannter "Supporter", wie man in der Szene Sympathisanten nennt, die sich ohne konkrete Hoffnung auf eine Aufnahme um die Rockerclubs scharen. Nachdem er sich zwischenzeitlich in die Türkei abgesetzt hatte, sitzt er nun in Berlin in Haft.

Trotz aller Kontrollen, erkannten die Ermittler, gibt es auch hier, hinter den Kulissen eines Vorzeigebordells: Gewalt, Zwang, Erniedrigung. Mindestens sieben Frauen von Mitgliedern des Hells-Angels-Charters sollen laut Zeugenaussagen im Artemis angeschafft haben. Als sich die Zeugin einer dieser Frauen anvertraute und ihr von den Prügeleien ihres Zuhälters berichtete, brachte das dem Rocker-Aspiranten deutlichen Tadel bei den Hells Angels ein. Für diese Beschämung schlug er wieder auf die junge Frau ein. Mitarbeiter des Bordells hatten die Kripo selbst schon mal auf den Verdacht hingewiesen, das mehrere Frauen den Rockern wohl zuzuordnen sein. Sie hatten den weißen Mercedes der Rocker auf dem Parkplatz vor dem Artemis erkannt. Die Zeugin dagegen vermutet, dass die Hells Angels im Bordell Privilegien genossen hatten. Artemis-Anwalt Bruns bestreitet das. Das Landgericht sah beim Vorwurf des Menschenhandels keinen dringenden Tatverdacht. Und auch die Zeugin glaubt an keinen geschäftlichen Pakt mit den Rockern, sondern eher an ein Entgegenkommen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Die Artemis-Chefs wollten es offenbar vielen recht machen. Der Polizei und dem Milieu.

Was, das ist die Frage, wissen sie und die Hausdamen über die Lebensumstände der Frauen? Konnten sie die blauen Flecken der jungen Prostituierten übersehen? Konnten sie überhören, wenn sie in der Nähe der Rezeption mit ihrem Luden laut am Telefon stritt?

Das Artemis verlangt von Prostituierten und Freiern gleichermaßen Eintritt: 80 Euro

Das Artemis verlangt von Prostituierten und Freiern gleichermaßen Eintritt: 80 Euro. Den käuflichen Sex vereinbaren beide direkt.

In den Ermittlungsakten findet sich auch die Aussage einer jungen Rumänin. Sie berichtete einer Hausdame, dass sie jeden Cent an eine Kollegin und ihren Freund abgeben müsse. Kenan Simsek, der jüngere der Betreiber, riet der Frau, erst einmal in einer der Unterkünfte im Saunaclub zu wohnen. Der Erpresserin erteilte er Hausverbot. Hilfe aus Fürsorge? Oder aus Kalkül, weil zu enge Kontakte zum Milieu das Geschäft gefährden? Jedenfalls informierte er die Polizei.

Mehrere Hundert Mal haben auch seine Hausdamen über die Jahre die Polizei gerufen, wenn es größeren Ärger zwischen Freiern und Frauen gab. Auf dem Flur vor den 15 Schlafräumen der Frauen hängen die Telefonnummern vom Revier und auch die der Beratungsstellen. Regelmäßig befragen Beamte des Landeskriminalamtes die Frauen – ohne Beisein der Betreiber oder des festen Personals.

Eigentum des Zuhälters

Auch die spätere Zeugin war den Beamten aufgefallen, allein wegen ihrer Tätowierung über dem Schlüsselbein: "Property of Erman". Deutlicher kann ein Hinweis darauf, dass die Frau für einen Zuhälter anschaffen geht, kaum sein. Aber damals schwieg sie. Die Visitenkarte, die der Beamte ihr überreichte, fand Erman später in ihrer Tasche. Der Zuhälter tobte.

"Es gibt nicht den idealen Ort für Prostitution", sagt die Berliner Soziologin Elfriede Steffan, die in mehreren Studien Arbeitsalltag und persönliche Hintergründe von Prostituierten erforschte. Große Bordelle böten mehr Schutz und Sauberkeit. Aber sie verschärften die Konkurrenz unter den Frauen. Steffan fürchtet, dass der Schulterschluss zwischen Betreibern, Polizei und Finanzamt zudem das falsche Signal sende. Die Frauen vertrauten niemandem mehr. Eine Situation, die sich durch das neue Prostitutionsgesetz noch zuspitzen könnte.

Hausmeister Viktor dreht die Anlage auf: Dancefloor, nichts für Ältere, samstags ist Party. Eine Gruppe durchtrainierter Männer, den Bademantel zum Lendenschurz gebunden, ist zum Junggesellenabschied aus Stockholm eingeflogen. In Schweden ist Prostitution verboten.

Fünf Uhr morgens, das Artemis schließt. Die Inder sind schon früh gegangen, einige begeisterte Japaner noch geblieben. Wer auf den Purpurlagern eingeschlafen ist, wird jetzt wach gerüttelt. Im Gemeinschaftsbad im ersten Stock schminken sich müde Sexarbeiterinnen ab. Wer nicht vom Taxi, vom Freund – oder Zuhälter? – abgeholt wird, verschwindet in den Dreibettzimmern, vor denen kleine Reiserollkoffer stehen. Die Putzkolonne übernimmt. In ein paar Stunden macht das Artemis wieder auf – wie an 361 Tagen im Jahr.

Übrigens auch am Tag nach der Razzia. Das Bezirksamt sah zur Schließung keinen Anlass.



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