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Knochenjob Krankenpflege: "Immer mehr Arbeit, immer weniger Leute"

Während die Arbeitsbelastung der Mediziner durch die Ärztestreiks endlich wahrgenommen werden, verschwindet der Knochenjobb der Krankenschwestern und -pfleger aus dem Bewusstsein. Dabei ist die Belastung ähnlich hart.

7.15 Uhr - Ihre Schicht hat erst angefangen, aber die 42-Jährige ist schon erschöpft. Elke ist Krankenschwester in einer Hamburger Klinik und hat am Tag zuvor erst gegen 21.00 Uhr das Krankenhaus verlassen - nach fast zehn Stunden im Dienst. "Das ist zwar eine Ausnahme, aber diese Ausnahmen werden häufiger", sagt die Frau, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Wenn sich die Dienstübergabe verzögert, wenn ein Patient noch etwas braucht, dann kann ich mich nicht einfach davonmachen." Nun kam sie früher zur Arbeit, weil ein Kollege ausgefallen war.

Kurze Verweildauer bedeutet mehr Arbeit

Innerhalb der Arbeitszeit muss zudem immer mehr erledigt werden. "Die kürzere Verweildauer der Patienten im Krankenhaus bringt immer intensivere Arbeit", betont der Hamburger Landeschef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Wolfgang Rose. Hätten die Menschen vor sechs Jahren durchschnittlich noch zwölf Tage im Krankenhaus gelegen, seien es jetzt nicht einmal acht. "Für uns bedeutet das: fast nur noch arbeitsintensive OP-Nachsorge", sagt eine Schwester aus dem katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg-Rahlstedt. Durch kürzere Verweildauern habe zudem die Bürokratie zugenommen. "Auch wenn jemand noch am Operationstag wieder entlassen wird, ist der Papierkram der gleiche, wie bei Patienten, die eine Woche und länger bei uns bleiben", meint die Schwester.

Rudi Schmidt, Sprecher des Ende 2004 aus städtischer Hand an die Unternehmensgruppe Asklepios übergegangenen Landesbetriebs Krankenhäuser (LBK) bestätigt die Tendenz, betont aber: "Die Intensivierung der Arbeit betrifft eher die Ärzte als die Pflegekräfte. Auch aus diesem Grund habe der LBK allein im vergangenen Jahr rund 100 zusätzliche Ärzte einstellt, "darunter ein Dutzend Chefärzte". Rose verweist auf "gedeckelte Budgets" bei den Personalkosten: gibt es mehr Ärzte oder erstreiken die Mediziner höhere Einkommen, muss bei anderen gestrichen werden.

11.00 Uhr

- Die erste Pause für Schwester Elke. Eine halbe Stunde Ruhe sollte es sein, etwas Kraft schöpfen für den verbleibenden Arbeitstag. Die Krankenhauswirklichkeit: Zwei Patienten rufen sie ins Krankenzimmer, drei Mal klingelt das Telefon. Nach 20 Minuten bricht sie resigniert die "Pause" ab: "So läuft das hier immer."

Angelika Detsch gibt ihr recht. Die Leiterin des Verdi- Fachbereichs Gesundheit erklärt: "Die Arbeitsbedingungen haben sich für alle verschlechtert." Seit Jahren werde in Hamburgs Kliniken Personal abgebaut und "die Verbliebenen müssen immer mehr machen". Der LBK bestätigt die Gewerkschaftsangaben, dass in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Beschäftigten an seinen sieben Krankenhäusern von 16.000 auf unter 12.000 gesunken ist.

Mehr Arbeit für weniger Geld

Damit scheint die gemeinsame Einschätzung aber erschöpft. Während Schmidt sagt, man sei bestrebt, Dienste wie Reinigung oder Küche "wo immer es geht" in den Krankenhäusern zu halten, kritisiert Verdi eine "massive Auslagerung" dieser Bereiche in Tochtergesellschaften. "Für die Beschäftigten der Töchter heißt das: für weniger Geld mehr Arbeit", kritisiert Detsch. Allein im Krankenhaus Barmbek gebe es nun durch die Gründung einer Tochter 100 Reinigungskräfte weniger. Der LBK-Sprecher hält dagegen: "Nach der Privatisierung hat es in unseren Krankenhäusern keine einzige betriebsbedingte Kündigung gegeben."

Wie geht es in den Kliniken weiter? Wie viel Personal wird es künftig geben? "Durch die neue Gesundheitsreform gibt es kaum noch Finanzierungsmöglichkeiten", meint Detsch. Durch das "Gesundheitsstrukturgesetz" seien bundesweit etwa 20 Prozent der Kliniken "über". "Wer sich auf dem Markt behauptet, ist offen", meinte die Gewerkschafteterin und befürchtet, dass der Verdrängungswettbewerb auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird: "Viele Menschen akzeptieren immer schlechtere Arbeitsbedingungen, weil sie Angst haben, sie sind sonst ihren Job los."

16.10 Uhr

- Endlich Feierabend für Elke. Die 42-Jährige streckt sich, verzerrt das Gesicht: "Rückenprobleme, wie bei vielen von uns. Es ist halt ein Knochenjob". Die Schwester zeigt ihren Lohnstreifen: "1500 Euro netto im Monat nach 15 Berufsjahren." Aus dem erhofften freien Tag - der erste nach zehn Tagen - wird nichts: "Eine Kollegin fällt aus, ich muss einspringen". So geht es weiter - Tag für Tag. Elke: "Es muss ja - irgendwie."

Friedhelm Schachtschneider/DPA / DPA